Sinnesspektakel im 43-Millionen-Franken-Neubau

Ein Betondach prägt die Pausenhalle des Schulhauses Schauenberg. Spannend ist der Hof aber da, wo er Löcher in der Decke hat.

Das Dach der Pausenhalle im Schulhaus Schauenberg ist etwas Besonderes, weil es nicht überall ein Dach ist. Foto: Sabina Bobst

Das Dach der Pausenhalle im Schulhaus Schauenberg ist etwas Besonderes, weil es nicht überall ein Dach ist. Foto: Sabina Bobst Bild: Sabina Bobst

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«Stadtbild» Nr. 002 – Die Erinnerung an die eigene Pausenhalle auf dem Schulhausplatz ist düster. Sie ist geprägt von Sitzecken unter einem Dach, das einen eher zu erdrücken schien, als dass es erlaubte, den Gedanken freien Lauf zu lassen und den Kopf durchzulüften. Ein Ort, an dem man keineswegs freiwillig länger als bis nach der Pausenglocke verweilen mochte – und schon gar nicht allein. Pausenhöfe mögen manche depressive Stimmung der Schüler von einst verstärkt haben. Böse Zungen behaupten gar, sie waren absichtlich so gebaut worden, damit die Schülerinnen und Schüler mit einem Lächeln auf dem Gesicht in die Schulstunde zurückkehrten.

Nimmt man das Schulhaus Schauenberg als Massstab, jene Schule also, welche mit einem Budget von 43 Millionen für rund 330 Primarschulkinder gebaut wurde und welche die Stadt stets als kostengünstigen Schulhausbau lobt, so stellt man fest: Es hat auch bezüglich Pausenhof ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Der überdachte Pausenplatz ist hell und luftig. Für den Architekten Adrian Streich ist er das «Herz der Schule». Wer diesen betritt, merkt: Es ist ein Ort, an dem man sich wohlfühlt, auch, weil es einiges Farbiges zu entdecken gibt.

Die Pausenhalle verbindet die vier Baukörper der Primarschule. Bild: Sabina Bobst

Ausgerechnet das wuchtige Betondach macht beim neusten Schulhaus Zürichs das gewisse Etwas aus. Streich hat es als verbindendes Element der vier Schultrakte und der vier Zugänge – einer aus jeder Himmelsrichtung – konstruiert. Die Umgebung in diesen öffentlichen Raum einzubeziehen, war dem Architekten ein grosses Anliegen, und überhaupt sei das bei ihm immer so. Am Schauenberg offenbart sich auch Streichs Gefühl fürs Sinnlich-Spielerische. Für ihn hört die Umgebung nicht bei der Landschaft auf, sondern sie bezieht den Himmel mit ein. Heisst in der Dachkonstruktion: Sie hat drei quadratische Öffnungen. Und genau der Umstand, dass das Dach nicht überall ein Dach ist, macht es zu etwas Besonderem. So, wie eben die Löcher den Emmentaler Käse ausmachen.

Beim Aufenthalt auf dem Hof hätte Hans Guck-in-die-Luft jedenfalls seine helle Freude gehabt. Der Blick schweift sogmässig nach oben. Die Ausschnitte des Firmaments wirken dabei wie Gemälde, die Dachöffnungen bilden deren Rahmen. Reliefartige Abtreppungen der Ränder verstärken den Eindruck. Architekt Streich sagt: «Wir wollten einen weichen Übergang zum Himmel schaffen.»

Mit 12 Prismen auf dem Dach zaubert Künstler Raphael Hefti Regenbogenfarben auf den Steinboden. Bild: Sabina Bobst

Auch die Kunst-am-Bau-Installation spielt mit den Öffnungen. Mit 12 Glasprismen, die an den Rändern der Öffnungen auf dem Dach platziert sind, zaubert Künstler Raphael Hefti Regenbogenfarben auf Wände und Boden. Die Lichtreflexe variieren je nach Wetter. Damit sollen die Sinne angeregt und die physikalischen Eigenschaften des Lichts erfahrbar werden. Es gibt wohl keine schönere Einladung, etwas länger in der Pause zu verweilen als diese.

Bei Regen und Sturm bietet das Dach weniger Schutz. Aber weil dann das Farbenspiel am Himmel noch gewaltiger ist, vielleicht sogar Regenbogen am Firmament und auf dem Stein möglich wären, werden die Kinder etwas nasse Kleider in Kauf nehmen – auch nach dem Pausengong.


Die neue Kolumne «Stadtbild» widmet sich all den vielen Dingen, die es sich in Zürich im öffentlichen Raum gemütlich gemacht haben und unser Bild dieser Stadt prägen – im Guten wie im Schlechten. Sie erscheint immer Mitte der Woche.

Erstellt: 09.10.2019, 17:51 Uhr

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