«Hinter jeder Rechnung steht ein anderes Familienmodell»

Wer in der Stadt Zürich eine Hortrechnung bezahlen muss, kann dies noch immer nicht per Lastschriftverfahren tun. Das liegt nicht zuletzt an der schlechten Zahlungsmoral der Eltern.

Viele Kinder – viele Familienmodelle: Für die Hortplätze in Zürich bezahlt man noch immer per Einzahlungsschein.

Viele Kinder – viele Familienmodelle: Für die Hortplätze in Zürich bezahlt man noch immer per Einzahlungsschein. Bild: Keystone

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Furchtbar mühsam sei es, jeden Monat die Hortrechnung per Einzahlungsschein zu begleichen, klagt eine Leserin gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Entweder müsse man die ganzen Angaben im Computer eintippen – und das für jedes Kind einzeln – oder mit den Einzahlungsscheinen zur Post laufen.

Ein unnötiger Zeitaufwand, findet die zweifache Mutter. «Als ich mich beim zuständigen Schulamt erkundigte, ob ich die Rechnungen künftig per Lastschriftverfahren begleichen könnte, hiess es dort, das sei nicht möglich – obwohl eine grosse Nachfrage bestehe.» Für sie ist dies absolut unverständlich. «Wir leben schliesslich im Zeitalter des E-Banking.»

Trotz «E-Zürich» kein Lastschriftverfahren

Dass sich das Schulamt ausschliesslich auf das Versenden von Rechnungen per Post beschränkt, ist auch deshalb bemerkenswert, weil sich die Stadt Zürich in ihren Legislaturschwerpunkten 2010 bis 2014 zum Ziel gesetzt hat, unter dem Schlagwort «E-Zürich» kundenfreundliche Dienstleistungen zur Verfügung zu stellen. Darunter fällt auch die Abwicklung von Zahlungen per Lastschriftverfahren (LSV).

Pro Monat verschickt das Schulamt rund 14'000 Hortrechnungen. Während der Ferien, wenn die Familien an den freien Tagen eine zusätzliche Betreuung benötigen, kann die Zahl der Rechnungen auf 18'000 steigen. Zwar versuche man ständig, die Datenflüsse zu vereinfachen, sagt Schulamt-Sprecherin Regina Kesselring auf Anfrage. Die internen Prozesse für die Begleichung der Hortrechnungen per LSV seien aber viel zu aufwendig und zu komplex.

Die Zahlungsmoral und auch die Möglichkeiten der Eltern seien höchst unterschiedlich. «Einige verfügen nicht einmal über eine Mailadresse», sagt Kesselring. Deshalb komme beispielsweise auch eine Überweisung per E-Rechnung nicht infrage – im Prinzip die direkteste und kostengünstigste Version des E-Banking, weil man dabei einzig durch das Anklicken eines entsprechenden Feldes im E-Banking-Tool die Zahlung auslöst.

Manuelle Kontrollen nötig

Hat eine Person nicht genügend Geld auf dem Konto, wird der Betrag für die Hortbetreuung im Lastschriftverfahren nicht überwiesen. «In unserem System würde sie aber trotzdem automatisch als bezahlt abgebucht», sagt Kesselring. Es wären somit monatlich manuelle Kontrollen nötig, um die Fehlbeträge im System zu erfassen, was bei zurückgewiesenen Lastschriften nötig ist, um einen Mahnlauf zu aktivieren. «Bei derzeit durchschnittlich 2600 Mahnungen, die wir monatlich verschicken, kann man sich vorstellen, welchen Aufwand das generieren würde.»

Aber nicht nur die Kontrollen über die Zahlungseingänge sind gemäss Kesselring beim Begleichen der Rechnungen per Einzahlungsschein einfacher. Auch sei es so besser möglich, flexibel auf veränderte Umstände zu reagieren. «Wenn beispielsweise ein Kind für den Ferienhort angemeldet wurde und kurz darauf die Bestätigung für die Teilnahme an einem Sportkurs in den Ferien eintrifft, dann kann man dies melden und die Hortrechnung wird gelöscht.»

Vorteile für Patchworkfamilien

Das Schulamt bediene eine ausgesprochen heterogene Klientel, so Kesselring weiter. «Hinter fast jeder Rechnung steht ein anderes Familienmodell.» Deshalb werde auch pro Kind je ein Einzahlungsschein verschickt. Für die zahlreichen Patchworkfamilien in der Stadt Zürich könne dies eine Vereinfachung bedeuten. «Wenn beispielsweise bei getrennten Eltern der Vater für den Betrag des einen Kindes aufkommt und die Mutter für den Betreuungsbetrag des anderen.»

Eine Umstellung des Systems ist deshalb nicht geplant. Wie hoch die Kosten für die Rechnungstellung per Einzahlungsschein sind und ob damit tatsächlich Einsparungen möglich sind, kann Kesselring nicht mit konkreten Zahlen belegen. «Man geht aber davon aus, dass der Aufwand bei einem Lastschriftverfahren gegenüber dem jetzigen Aufwand des brieflichen Versands in keinem Verhältnis steht.»

Erstellt: 11.11.2015, 10:59 Uhr

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