Sexy Zwingli

Die Zürcher ignorieren ihren Reformator selbst im Jubeljahr, weil sie in ihm einen Hohepriester der Lustfeindlichkeit sehen. Damit tun sie ihm Unrecht.

Düsteres Image: Das Schwert in der Hand, blickt die Zwingli-Statue vor der Wasserkirche streng Richtung Innerschweiz. Foto: Urs Jaudas

Düsteres Image: Das Schwert in der Hand, blickt die Zwingli-Statue vor der Wasserkirche streng Richtung Innerschweiz. Foto: Urs Jaudas

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Ausgerechnet die alten Innerschweizer Katholiken haben es den Zürchern vorgemacht: Sie erkannten das touristische Potenzial von Huldrych Zwingli. Wohlgemerkt erst, nachdem sie ihm bei Kappel den Schädel eingeschlagen und seinen Körper gevierteilt hatten. Kaum war das getan, stellten sie seine Ausrüstung in Luzern zur Schau – ein solch übertriebener Haufen Kriegsgerät, dass ihn nur ein muskelbepackter Oger hätte tragen können. Aber gefragt war nicht Logik, sondern Grusel, und die Überreste des «Erzketzers» wurden prompt zu einem Pubilkumsmagneten.

Die Zürcher hingegen tun sich schwer mit ihrem Zwingli und versuchen ihn zu ignorieren wie den peinlichen Onkel am Familienfest. Das Etikett «zwinglianisch» wird nur an ungeniessbare Ware gepappt: Es warnt vor den verdorrten Früchten aus jener geistigen Sahelzone, in der die Lustfeindlichkeit fast 100 Prozent beträgt. Eine Zone, die die mediterranisierten Bewohner der Minimetropole längst hinter sich gelassen zu haben glauben.

500 Jahre Reformation

Dabei wäre die Chance, das zerrüttete Verhältnis zu klären, so gut wie seit einem halben Jahrtausend nicht mehr: Ende 2016 beginnen landesweit die Feiern zum grossen Reformationsjubiläum, und das gibt Zwingli ein Argument in die Hand, für das die Zürcher besonders empfänglich sind: Business. Man denke an die 80 Millionen reformierter Christen weltweit – lauter potenzielle Touristen. In der Sprache der PR wirft das die Frage auf: Wäre es nicht möglich, Zwingli sexy zu machen? So sexy wie Luther, das deutsche Konkurrenzprodukt?

Was eine international bekannte Marke bewirken kann, zeigt sich zurzeit in Wittenberg, jener Stadt, die sich im Gegensatz zur «Zwinglistadt» Zürich stolz und offiziell «Lutherstadt» nennt. Dort ist der Strom der Touristen zuletzt um bis zu 25 Prozent pro Jahr angeschwollen.

Einer, der das aus nächster Nähe beobachtet hat, ist Tim Guldimann, der frühere Schweizer Botschafter in Berlin und heutige SP-Nationalrat. Das Luther-Jubiläum werde in Deutschland mit riesigem Aufwand gefeiert, sagt er. «Ich habe mich dafür eingesetzt, dass wir auf diesen Zug aufspringen können.» Man müsse sich von der deutschen Sicht auf die Reformation lösen, die nur auf Luther konzentriert sei, und auch Zwingli und Calvin ins Bild rücken. Mit dieser Idee sei er im Nachbarland auf offene Ohren gestossen. «Hier liegt für uns eine touristische Chance: Vor allem US-Touristen sollen auf ihren Reisen zu den Ursprüngen der Reformation auch in die Schweiz kommen.»

«Ein krasser Typ»

Noch ist Zwingli-Zürich aber touristisches Brachland. Während ausländische Gäste das Lutherhaus in Wittenberg auf Internetportalen als Höhepunkt beschreiben und Luther als «krassen Typen», wissen sie von der Zwinglistube in der Zürcher Helferei nicht einmal, dass diese existiert. Einzig das düstere Denkmal des Reformators hinter der Wasserkirche findet gelegentlich Erwähnung. Wer die Touristen vor Ort belauscht, hört die abenteuerlichsten Geschichten, wen dieser Mann mit seinem monströsen Schwert einst durchbohrt hat. Die dunkle Aura dieses Zwingli scheint die Leute in den Bann zu schlagen – er sieht ja auch ein wenig aus wie Darth Vader.

Lässt sich darauf aufbauen? Der Kirchenhistoriker Peter Opitz von der Uni Zürich, Autor eines neuen Zwingli-Buches, hat Zweifel. Er kann dem Denkmal für die Gegenwart kaum etwas abgewinnen. Es stammt aus dem 19. Jahrhundert, als Heldendenkmäler in Mode waren. Das liberale Zürich pflanzte sich nach dem Kulturkampf mit den Katholiken einen Wahrer von Recht und Freiheit hin, der streng Richtung Innerschweiz schaut. Dieser Krieger habe mit dem realen Zwingli aber wenig zu tun – dieser habe keine Bilder verbrannt, keine Täufer ertränkt und auch nicht mit der Waffe das Evangelium verbreitet.

Ein spritziger Film

Ganz scheint man bei der Popularisierung aber nicht ums martialische Bild herumzukommen. In Zürich hat sich die Kirche mit Behörden und Tourismusexperten zusammengetan, um das Reformationsjubiläum vorzubereiten. Unter anderem ist ein Kinofilm über Zwingli in Produktion, realisiert von der Firma C-Films, die mit «Mein Name ist Eugen» oder «Der Goalie bin ig» grosse Erfolge landete. Bei der Kirche scheint man auf eine temporeiche Angelegenheit zu hoffen: Die Schlacht bei Kappel dürfe auf der Leinwand durchaus «spritzig» ausfallen, meinte einer der Verantwortlichen. Womöglich ein kleiner Vorteil für Zwingli gegenüber Luther, denn dessen aufwändige Filmbiografie von 2003 war zwar mit Stars wie Joseph Fiennes besetzt, aber eine eher blutleere Angelegenheit.

Zwingli hat jedoch einen entscheidenden Nachteil, welcher der Popularisierung im Weg steht. Luther hatte laut Opitz ein ganz anderes Selbstverständnis: das eines Stars. Auch aufgrund der Reaktionen seiner Fans. «Er wurde schnell zu einem Mythos, mit dem sich alle Deutschen identifizierten, wurde noch zu Lebzeiten als Hercules Germanicus bezeichnet.» Zwingli war anders. Sein indirekter Nachfolger, der heutige Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist sagt es so: «Im Unterschied zu Luther war Zwingli ein Teamplayer.»

Diese Bescheidenheit mag Sigrist «fantastisch» finden, aber die Fantasien und Sehnsüchte der Generation Grossraumbüro regt sie kaum an. Man muss also anderswo suchen, und tatsächlich eröffnet sich ein unerwarteter Zugang. Sigrist hat als Pfarrer im Toggenburg das Holz entdeckt, aus dem Zwingli geschnitzt war. «Ich glaube, dass wir ihn uns vorstellen müssen als Wettertanne. Ein knorriger, widerständischer Kopf.» Ein Mann wie Toni Brunner, der Bauernschläue mit politischem Gespür vereint. Ein Typ wie Schwingerkönig Nöldi Forrer, der im Konfirmationsunterricht kaum ein Wort sagte – «ausser wenn etwas ungerecht war: Dann hat es ihn verjagt und er bekam einen roten Kopf.» Ein Menschenschlag, der von den Alpgenossenschaften her ein natürliches Bewusstsein fürs Gemeinwesen hat. Das Stichwort Gerechtigkeit kommt auch Opitz in den Sinn, und zwar soziale Gerechtigkeit: «Politisch stünde Zwingli heute sicher mehr links als rechts.»

Kreuzfalsches Image

Ein in den Bergen geeichter Instinktmensch mit sozialer Ader – das klingt, als habe jemand im Labor eine Popikone entworfen für die bartbewehrten Städter der Gegenwart mit ihren Outdoor-Fantasien. Wenn da nur nicht die alten Vorurteile wären, der miefige Geruch des «Zwinglianischen». Opitz ärgert sich darüber: «Es wird unglaublicher Unsinn erzählt über Zwingli, selbst von Pfarrern.»

Die Sittenstrenge der damaligen Zeit etwa habe nichts mit ihm zu tun. Im Gegenteil: Zwingli sei für die Freiheit eingestanden. «Auf seinen Impuls hin wurde die Scheidung möglich, und junge Leute wurden nicht mehr einfach von ihren Eltern verheiratet, sondern durften selbst sagen, ob sie das wollten.» Zwingli selbst habe in einem Brief sogar über den Besuch bei einer Prostituierten geschrieben, weil er das Zölibat nicht aushielt. Für Pfarrer Sigrist ist klar: «Zwingli war ein musischer, lustvoller, mit dem Leben verbundener Mann.»

In der Werbebranche gibt es durchaus Beispiele für negativ besetzte Marken, die neu positioniert wurden. «Es wäre sicher möglich, Zwinglis Image etwas zu polieren», glaubt David Schärer von der Agentur Rod. Was es brauche, seien neue Assoziationen, an die sich anknüpfen lasse – und vor allem: «Sehr viel Aufwand, Zeit und Geld.»

Auch Frank Bodin von der Agentur Havas sagt, dass sich aus der Figur Zwingli grundsätzlich etwas machen liesse, wenn man als Werber verantwortlich wäre für den Tourismus in Zürich. Er würde es aber nicht empfehlen. Der Reformator sei für ein Nischenpublikum interessant, aber nicht darüber hinaus. Zürich setze besser auf seine Attribute von heute: modern, vibrierend, weltoffen. Auf Wittenberg müsse man nicht neidisch sein. «Bei allem Respekt: Ich möchte nicht in dieser Lutherstadt wohnen», sagt er. «Viele Städte haben ihre historischen Wahrzeichen, an denen sie halt nicht vorbeikommen – ich sehe es als Glücksfall, dass Zwingli in Zürich nicht dieses Gewicht hat.»

Bleibt für den Reformator also nur die Hoffnung, dass ihn im Jubeljahr eine andere Branche als Genussmenschen und Sympathieträger wiederentdeckt: Zwinglis berühmteste Provokation war bekanntlich seine Teilnahme am Wurst­essen zur Fastenzeit. Der Clou: Er soll nicht abgebissen haben. Eine Vorwegnahme von Bill Clintons augenzwinkernder Schlaumeierei, zu kiffen ohne zu inhalieren – und eine Steilvorlage für alle Zürcher Metzger und Wurstbrater.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.12.2015, 22:03 Uhr

Huldrych Zwingli

Der Zürcher Reformator kam am 1. Januar 1484 im toggenburgischen Wildhaus als Bauernsohn zur Welt. In seinen Zwanzigern wurde er noch als Theologiestudent Priester in Glarus. Als solcher begleitete er die Glarner nach Marignano, wo es 1515 zum eidgenössischen Trauma auf dem Schlachtfeld kam – eine Erfahrung, die den humanistisch beeinflussten Zwingli erschütterte.

Drei Jahre später kam er nach Zürich, wo er ab 1519 am Grossmünster predigte. Hier entwickelte er sich zu jenem Reformator, der die Verhältnisse von Grund auf umformte. Zunächst, als er 1522 den Fastenbruch mehrerer Zürcher Bürger gegen den Bischof verteidigte. Dann, indem er das Ende des Zölibats und eine schriftgemässe Predigt verlangte. In Zürich musste er seine Lehre in einer Disputation vor dem Rat gegen seine Kritiker verteidigen und setzte sich durch.

Derart gestärkt, folgten Schritte wie die Abschaffung der Messe, die Entfernung der Bilder, die Aufhebung der Klöster. Als gut Vierzigjähriger versuchte Zwingli nun die Reformation seiner Prägung in der Eidgenossenschaft und international zu verbreiten. Dabei kam es zum einen zum Zerwürfnis mit Martin Luther. Zum anderen führte der Versuch, die freie Predigt in reformationsfeindlichen Gebieten der Eidgenossenschaft durchzusetzen, in den Kappelerkrieg von 1531. Dort starb Zwingli mit 47 Jahren auf dem Schlachtfeld. (hub)

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