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«Vielleicht ist unser Engagement auch egoistisch»

Gegen das dritte Hardturmstadion-Projekt formieren sich die Gegner. Die Höngger wollen beispielsweise ihre privilegierte Aussicht schützen.

Sie wollen das Panorama von Höngg bewahren: Felix E. Müller, Marcel Knörr und Peter Aisslinger (von links). Foto: Samuel Schalch
Sie wollen das Panorama von Höngg bewahren: Felix E. Müller, Marcel Knörr und Peter Aisslinger (von links). Foto: Samuel Schalch

Es ist der dritte Anlauf für ein neues Hardturmstadion, den der Stadtrat vor eineinhalb Jahren genommen hat. Jetzt zeichnet sich ab: Die Abstimmung dazu, die wohl im Herbst stattfindet, wird auch dieses Mal kein Penalty.

Die grossen Parteien haben sich zurückhaltend befürwortend geäussert, es finden sich auch überall Skeptiker. Das Parlament will die Vorlage noch in diesem Frühling behandeln; bis dann werden die Parteien ihre Meinung festlegen.

Neben dem offiziellen Politbetrieb haben sich aber bereits Bürgergruppen gebildet, die Stimmung machen gegen das Projekt. Eine davon ist am Hang von Höngg beheimatet, gegenüber den zwei geplanten 137 Meter hohen Türmen, von deren Spitze man auf das ganze Quartier hinunterblicken könnte. Angestossen haben den Widerstand zwei gestandene, bürgerlich gesinnte Männer: Marcel Knörr, Architekt, ehemaliger FDP-Gemeinderat, ehemaliger Präsident des Heimatschutzes, sowie Felix E. Müller, der bis vor kurzem die «NZZ am Sonntag» leitete. Im Herbst haben sie das Komitee «Gegen den Höhenwahn, aber für das Fussballstadion» gegründet. Bis heute seien der Gruppe 45 Hönggerinnen und Höngger beigetreten.

Man wehrt sich gern im Quartier

Die Höngger bringen Erfahrung mit im Kampf gegen Neubauten, letztes Jahr hat eine Gruppe (zu der weder Knörr noch Müller gehörten) die geplante Wohnsiedlung Ringling gebodigt - nach einem über zehnjährigen Rekursfeldzug. Der Widerstand gegen den Swissmill-Turm, das 110 Meter hohe Kornsilo am Sihlquai, war hingegen erfolglos. Beim Hardturm sei die Stimmung im Quartier etwa halb/halb, schätzen Knörr und Müller; die Sportfreunde hätten ebenfalls eine starke Lobby.

Die Bilder zum neuen Fussballstadion

Und so sieht es heute aus: Die Brache des ehemaligen Hardturmstadions.
Und so sieht es heute aus: Die Brache des ehemaligen Hardturmstadions.
Ennio Leanza, Keystone
Bekämpft das Stadionprojekt: Die SP und die Grünen bekämpfen das Stadionprojekt gegen ihre eigenen Stadträte.
Bekämpft das Stadionprojekt: Die SP und die Grünen bekämpfen das Stadionprojekt gegen ihre eigenen Stadträte.
Melanie Duchene, Keystone
Simpel und direkt: Mit einem Ja werben die Befürworter für das Projekt «Ensemble».
Simpel und direkt: Mit einem Ja werben die Befürworter für das Projekt «Ensemble».
Melanie Duchene, Keystone
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Ihr Ansinnen verdeutlichen Knörr und Müller am liebsten vor der reformierten Kirche Höngg, von dort reicht der Blick über ganz Zürich bis zum Alpenkranz. Diese Aussicht drohten die Hochhäuser zu verstellen, sagt Knörr. Die Türme seien viel zu hoch («Sie überragen sogar die ETH-Hönggerberg») und falsch platziert. Alle anderen neuen Hochhäuser reihten sich entlang der Bahngleise, die beiden Hardturm-Türme dagegen stünden beinahe an der Limmat, fast direkt am Höngger Hang. Das städtische Hochhausleitbild schreibe vor, dass Hochhäuser nicht am Übergang zu Erholungszonen entstehen sollten und die Aussicht der Hanglagen nicht einschränken dürfen. «Doch beides trifft hier zu», sagt Marcel Knörr.

«Städtebaulich ergeben Lage und Höhe der Türme wenig Sinn», sagt Felix E. Müller. «Man hat alles nur so gemacht, weil man ein Stadion will, das für die Stadtkasse möglichst wenig kostet.»

Wie die meisten Gegner von Zürcher Grossprojekten wollen Knörr und Müller nicht als Verhinderer gelten. Deshalb sagen sie nicht Nein, sondern Ja, aber. Ein Stadion lehnten sie nicht ab, nur das Projekt in der jetzigen Form. «Wir könnten uns eine Lösung vorstellen mit drei statt zwei Türmen, die wären trotz gleicher Wohnfläche viel weniger hoch», sagt Müller. Mit dieser Idee sprachen sie kürzlich bei der verantwortlichen Investorengruppe HRS vor. Man habe sie zumindest angehört, sagt Müller.

Video: «Die Türme könnten kleiner sein»

Was Zürcher Passanten vom neuen Hardturm halten.

Auf den Vorwurf, die Höngger wollten auf Kosten der Allgemeinheit ihre privilegierte Aussicht schützen, erwidert Felix E. Müller. «Vielleicht ist unser Engagement auch egoistisch, aber das sind viele Bürgerproteste, etwa jene für Tempo 30 oder Nachtfahrverbote.»

Ausserdem fürchteten sie um Zürichs «Identität», sagt Marcel Knörr, wenn weiterhin so viele Hochhäuser gebaut würden. Diese bildeten irgendwann einen Riegel zwischen Uetli- und Hönggerberg, dadurch würde Zürich aussehen wie eine beliebige Metropole, wie Marbella oder Frankfurt. Andere Städte, etwa Wien oder Lyon, gingen sorgfältiger um mit ihrem Ortsbild, dort würden strenge Höhenbeschränkungen gelten.

Die Gegner arbeiten zusammen

Die Höngger Turmgegner versuchen derzeit, in Gesprächen bürgerliche Politiker auf ihre Seite zu holen. Unterstützung bekommen sie bereits aus einer ideologisch ziemlich weit entfernten Ecke. Die «IG Freiräume Zürich West», die aus dem linksalternativen Umfeld der Stadionbrache entstanden ist, bekämpft das Projekt ebenfalls, allerdings aus anderen Gründen. Sie will die Stadionbrache erhalten, eine Wiese für verschiedene Veranstaltungen, auf der seit sechs Jahren Gemüse angepflanzt, gekocht, Pizza gebacken, geklettert oder Skateboard gefahren wird. In Zürich gebe es kaum noch Orte, welche die Bevölkerung frei gestalten könne, sagt der grüne Gemeinderat Markus Knauss, der bei der IG mitmacht. Dabei bestehe ein grosses Bedürfnis danach.

Die Gegner von der Talsohle stehen in Kontakt mit den Gegnern vom Berg, man ergänze sich gut von den Argumenten her, sagt Markus Knauss.

Vision: Die Hochhäuser auf dem Hardturmareal sollen begrünt werden.

Ganz in Grün: Wie die Hardturmhochhäuser mit begrünter Fassade aussehen könnten.
Ganz in Grün: Wie die Hardturmhochhäuser mit begrünter Fassade aussehen könnten.
Visualisierung: nightnurse images/Meaulnes Legler
So solls auf dem Hardturmareal ab 2021 aussehen: Die beiden Türme (rechts) mit 600 Wohnungen werden «normal» vermietet, die 174 gemeinnützigen Wohnungen (links vom Stadion) von einer Baugenossenschaft.
So solls auf dem Hardturmareal ab 2021 aussehen: Die beiden Türme (rechts) mit 600 Wohnungen werden «normal» vermietet, die 174 gemeinnützigen Wohnungen (links vom Stadion) von einer Baugenossenschaft.
Visualisierung: nightnurse images, Zürich
Zählt ebenfalls als Vertikalbegrünung: Der MFO-Park in Oerlikon.
Zählt ebenfalls als Vertikalbegrünung: Der MFO-Park in Oerlikon.
Doris Fanconi
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Beide Gruppen haben auch für die zahlreichen Einwendungen gegen den Gestaltungsplan gesorgt. 60 sind laut Hochdepartement eingegangen, Hauptkritikpunkte: Höhe und Freiraum. Rechtlich verbindlich sind diese Beschwerden nicht.

Ein langer Weg bis zum Bau

Das dritte Hardturmstadion hat noch einen weiten Weg vor sich. Schafft es das Projekt durch den Gemeinderat und die Volksabstimmung, folgt der juristische Parcours Richtung Baubewilligung. Daran scheiterte das erste Hardturmprojekt. Die Credit Suisse zog es 2009 zurück, weil sie die gewünschte Fahrtenzahl für das im Stadion eingebaute Einkaufszentrum nicht erhalten hatte. Den zweiten Versuch stoppten die Zürcher Stimmbürgerinnen bereits an der Urne. Der Grund für das knappe Nein (50,8 Prozent) war vor allem der hohe Preis von 216 Millionen Franken.

Deshalb schrieb der Stadtrat das Projekt neu aus, die Firma HRS hat eine günstigere Variante entwickelt. Der Gewinn, den die gut 600 Wohnungen in den neuen Türmen einbringen, soll das Stadion mit 85 Millionen Franken quersubventionieren. Damit das gelingt, gibt die Stadt den Boden HRS günstiger ab - für 1 Million pro Jahr statt für 2,7 Millionen.

Aus Sicht der Höngger Turmgegner lohnt sich dieser Handel nicht. Hochhäuser reisse man nicht so schnell wieder ab, sagt Marcel Knörr, oft müssten mehrere Generationen mit ihnen leben.

«Andere europäische Städte wie Wien oder Lyon gehen viel sorgfältiger um mit ihrem historischen Ortsbild.»

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