Hoher Besuch im Zürcher Kreis 6

Die russisch-orthodoxe Auferstehungskirche hat gestern ihr 80-Jahr-Jubiläum gefeiert. Mit «Seiner Heiligkeit» als Gast.

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Plötzlich verstummen die Gesänge, und man hört nur noch eine einzelne Glocke schlagen. Alle 5 Sekunden ein Schlag. Die weit über 500 Gläubigen, die zur 80-Jahr-Feier ihrer Kirchgemeinde in die russisch-orthodoxe Auferstehungskirche im Stadtzürcher Kreis 6 geströmt sind, verharren bereits seit mehr als drei viertel Stunden ganz still. Stehend, denn Kirchenbänke gibt es in orthodoxen Kirchen nicht. Im Vorraum drängeln sich jene, die keinen Platz mehr gefunden haben. Sie halten die Handys bereit, denn jeden Moment wird die Ankunft des Gastes erwartet, den hier jeder «Seine Heiligkeit» nennt: Patriarch Kyrill I., der höchste Repräsentant der russisch-orthodoxen Kirche.

Gegen 30 geistliche Würdenträger in goldenen Chorgewändern huschen hin und her und formieren sich zum Einzug. 7 Metropoliten, Erzbischöfe und Bischöfe, 20 Priester und Diakone. Manche tragen ponchoartige Gewänder mit steifen Kragen, manche kugelförmige Mitren auf dem Kopf. Die Schellen an den Weihrauchfässchen klingen leise. Und noch immer schlägt die einzelne Glocke im 5-Sekunden-Takt. Es dauert – und wird gar nicht langweilig. Prächtige Kreuze und Evangelienbücher werden vorbeigetragen, schwarz gekleidete Männer mit Knopf im Ohr beobachten mit steinernem Blick die Menge, denn Ihre Heiligkeit hat «erhöhten Schutzbedarf» wie ein Staatspräsident. Ein Diakon sorgt dafür, dass die Kinder ganz vorne stehen können.

Dann kommt Bewegung in die Menschen im Vorraum, Handys schnellen hoch, der Chor hebt wieder an zu singen. «Mit dem Patriarchen zieht Jesus in unsere Kirche», hat Diakon Daniel Schärer im Vorgespräch erklärt. Der einst reformierte «Urzürcher» ist Ältester dieser Kirchgemeinde und etwas aufgeregt, weil er erstmals aktiv an einer so feierlichen Liturgie teilnehmen darf.

Jahrhundertealtes Zeremoniell

Nun endlich zieht der Patriarch ein, und es bricht ein für Aussenstehende eigentümlich anmutender Aktivismus aus. Die Priester zupfen an den Kleidern des würdevoll dastehenden 70-jährigen Patriarchen, ziehen ihm ein Chorhemd über den Kopf und Ärmelstulpen über die Handgelenke, die auch gleich noch geküsst werden. Bald zeigt sich aber, dass hier ein wohl orchestrierter Akt vor sich geht. Die Einkleidung. Dem Patriarchen werden Gewänder und Stolen aus kostbarem Brokat übergezogen, am Schluss noch ein grüner Umhang mit Schleppe und rot-weissen Streifen, das Gewand, das dem russisch-orthodoxen Patriarchen vorbehalten ist. Die Liturgie fusst noch in der Spätantike und läuft nach einem fest gefügten Zeremoniell ab. Gesprochen wird hauptsächlich Kirchenslawisch. Immer wieder verbeugen und bekreuzigen sich die Gläubigen, Ikonen werden geküsst, Fürbitten, Segenssprüche und Gesänge gehen fliessend ineinander über. Gebete und Lesungen werden in einem Sprechgesang gehalten, die zelebrierenden Männer haben tiefe, kräftige Stimmen – die Stimme des Patriarchen ist besonders klangvoll.

Gegen Ende verschwinden alle Geistlichen hinter der Ikonenwand. Die bisher offene mittlere Tür, die Königstür, wird geschlossen. Die Wandlung, das «Geheimnis des Glaubens», wird dadurch noch geheimnisvoller. Minutenlang nur Gesang, dann öffnet sich die Tür, und die Priester verteilen sich mit Kelchen unter die Gläubigen und geben ihnen mit kleinen Löffeln Brot und Wein – Leib und Blut. Mehr als drei Stunden hat die Liturgie gedauert – eine kleine Ewigkeit. «In unserem Gottesdienst versuchen wir, den Himmel auf Erden zu holen», sagt Diakon Daniel Schärer.

Erstellt: 08.12.2016, 00:10 Uhr

Patriarchat

Gegen den Zeitgeist

Kyrill I. ist Vorsteher der russisch-orthodoxen Kirche, die seit dem Niedergang der Sowjetunion eine Renaissance erlebt. Heute zählt sie etwa 150 Millionen Mitglieder. Er ist der 16. Patriarch in der Geschichte der russischen Orthodoxie und gilt im Bereich der Ökumene als verhältnismässig aufgeschlossen. So hat er im Februar dieses Jahres in Kuba ein Gespräch mit Papst Franziskus geführt. Es war das erste Treffen eines russisch-orthodoxen Patriarchen mit einem Papst überhaupt. Gesellschaftlich ist er hingegen äusserst konservativ: Die Frau gehört bei ihm an den Herd, und Homosexualität bezeichnet er als schwere Sünde. In der Ansprache an seine Zürcher Gemeinde am Schluss des gestrigen Gottesdienstes forderte er die Gläubigen auf, gegen allen Zeitgeist ihren Glauben zu bezeugen und dafür öffentlich einzustehen. Die Kirchgemeinde der Auferstehung Christi wurde 1936, also vor 80 Jahren, gegründet und gehört seit 1945 zum Moskauer Patriarchat. Seit gut zehn Jahren erlebt sie einen bisher noch nie da gewesenen Zustrom, zu ihren Mitgliedern gehören u. a. Russen, Ukrainer, Weissrussen, Georgier, Serben, Mazedonier, aber auch Schweizer. Es gibt in Zürich noch eine zweite russisch-orthodoxe und fünf andere orthodoxe Kirchgemeinden. (net)

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