«Ihr werdet noch in 100 Jahren die Ersten sein»

Stadtrat Gerold Lauber (CVP) eröffnet das neue Schulhaus Blumenfeld, das auch eine Tagesschule ist. Diese ist beliebt – nur 22 von 440 Kindern werden nicht mitmachen.

Pilotprojekt «Tagesschule 2025»: Die Kinder eröffnen zusammen mit Stadtrat Gerold Lauber und Schulpräsidentin Vera Lang ihr neues Schulhaus. (Video: Lea Koch)

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Die Tagesschulen sind wohl das wichtigste Projekt, das Schulvorsteher und Stadtrat Gerold Lauber (CVP) angestossen hat. Wenn sich das Schulmodell der Ganztagesbetreuung durchsetzt, kann sich der Walliser in Zürich wohl in die Geschichtsbücher eintragen lassen. Gestern hat er im modernen und brandneuen Schulhaus Blumenfeld in Zürich-Affoltern den Startschuss zu einem dreijährigen Pilotprojekt gegeben. Es trägt den Titel «Tagesschule 2025». Dieser Name deutet an, dass alle öffentlichen Schulen in der Stadt bis in neun Jahren Tagesschulen sein sollen.

Vorerst fünf Schulen – Leutschenbach (Schulkreis Schwamendingen), Aegerten (Uto), Am Wasser (Waidberg), Albisriedenplatz (Limmattal) und eben das Blumenfeld (Glattal) – haben gestern mit dem ersten Schultag auch den Tagesschul-Testbetrieb aufgenommen. Während in den Schulen Leutschenbach und Aegerten ohne Ausnahme alle Kinder teilnehmen müssen, konnten die Eltern ihre Kinder in den anderen Schulhäusern vom Tagesschulbetrieb abmelden.

Das haben einige von ihnen getan. Laut Blumenfeld-Schulleiterin Bernadette Stadler sind es 22 von 440 Kindern, die über Mittag wie bisher nach Hause gehen. Zudem werden die Kinder im ersten Kindergartenjahr nur auf Wunsch der Eltern über Mittag bleiben, da sie am Nachmittag immer frei haben. In den Schulen Leutschenbach und Aegerten wurden Kinder, die von der Tagesschule abgemeldet wurden, in andere Schulen umgeteilt, wie Regina Kesselring, Sprecherin des Schuldepartements, gestern erklärte.

Eltern stehen Spalier

Obwohl es in der Stadt sowohl unter den Eltern als auch unter den Lehrerinnen und Lehrern noch einige Opposition gegen die Tagesschulen gibt, zeigte sich Lauber vor dem Schulhaus Blumenfeld überzeugt, dass sein Modell in Zürich Erfolg haben wird. Dass sich im Blumenfeld so viele Eltern und Kinder auf das Abenteuer Tagesschule einlassen, wertete er als Vertrauensbeweis und rief ihnen zu: «Ihr seid die Ersten, die in dieses moderne Schulhaus einziehen und an der Tagesschule teilnehmen dürft. Und ihr werdet noch in 100 Jahren die Ersten sein.»

An der schlichten, mit Alphornklängen untermalten Feier erinnerte Schulpräsidentin Vera Lang (FDP) daran, dass beim Spatenstich zu diesem Schulhaus für die Nachwelt drei Koffer vergraben wurden. Darin gelagert sind die Zukunftswünsche und -vorstellungen der Kinder. «In hundert Jahren gibt es keine Hausaufgaben mehr, dafür Roboter, welche Prüfungen schreiben.» Andere sehen «fliegende Autos» und «Riesentouchscreens statt Wandtafeln». Nach den Reden und dem Singen des «Blumenfeld-Liedes» zogen die Kinder mit ihren Lehrerinnen und Lehrern ins Schulhaus. Die Eltern standen Spalier mit Sonnenblumen und Gladiolen.

13 Millionen Franken gespart

Das neue Schulhaus wurde in den letzten Jahren wegen seines stolzen Preises von 90 Millionen Franken als «Luxusbau» kritisiert und als teuerstes Schulhaus der Stadt verschrien. Deswegen hat die Stadt auf das geplante begehbare Dach und auf die Laubengänge ums Schulhaus verzichtet. Auch die grossen Fensterfronten sind günstiger erstellt worden als geplant. So konnten 13 Millionen Franken eingespart werden.

Gleichwohl fällt im neuen Schulhaus, das für 500 Kinder ausgelegt ist, die Grosszügigkeit der Gänge und der Zimmer auf. Überall stehen auch kleine Designersofas, Modell Otto des Herstellers Girsberger. Auch sie wurden von Sparpolitikern als unnötiger Luxus gebrandmarkt (Stückpreis gut 1500 Franken). In Architekturkreisen ist die Kritik am Blumenfeld weniger gross, im Gegenteil: Der Neubau von Oester Pfenninger Architekten wurde für den «goldenen Hasen» nominiert – ein Preis, der von der Zeitschrift «Hochparterre» für herausragende Architektur vergeben wird.

Hausaufgaben in der Schule

Die Lehrerinnen und Lehrer im Blumenfeld werden durch den Tagesschulbetrieb herausgefordert, wie Schulleiterin Stadler erklärt. Die tägliche Arbeit im neuen Blumenfeld wird sich verändern: «Die Präsenzzeit wird eher länger sein.»

Einer der Gründe sind die Hausaufgaben. Für sie wurde täglich zusätzliche Zeit in den Stundenplan eingebaut. So können die Kinder ihre Aufgaben in der Schule erledigen – zumindest in der Unterstufe (1. bis 3. Klasse). Auch in der Mittelstufe (4. bis 6. Klasse) haben die Kinder im Schulzimmer zwei Stunden länger Zeit für die Hausaufgaben. Laut Bernadette Stadler reicht dies zwar nicht für alle Aufgaben, aber für einen grossen Teil davon.

Die Kinder könnten eigentlich ihre Schultheks in der Schule lassen, wenn zu Hause keine Hausaufgaben mehr anfallen. Doch dies ist von Eltern kritisiert worden. Stadler: «Es gab Väter und Mütter, die befürchteten, dass sie nicht mehr erfahren, was in der Schule gemacht wird.» Darum müssen die Kinder nun ihre Schulware mindestens einmal in der Woche mit nach Hause nehmen.

Neue Aufgaben gibt es für die Lehrerinnen und Lehrer auch in der Betreuung der Kinder. Allerdings ist dies freiwillig, wie Schulleiterin Stadler betont. Wenn sich ein Lehrer aber am obligatorischen Mittagstisch engagieren will, werden ihm diese Arbeitsstunden separat entschädigt. Laut Stadler haben sich von 45 Lehrerinnen und Lehrern 18 für Betreuungsaufgaben gemeldet.

«Meine Kollegen sind neidisch»

Bei den Kindern erhielt das Schulhaus gestern ausschliesslich Lob, etwa in einer 6. Klasse. Auf die Frage des Lehrers, was sie am meisten beeindrucke, nannten fast alle die Grösse und die moderne Einrichtung. Einer meinte: «Meine Kollegen aus anderen Schulhäusern sind neidisch, dass ich ins Blumenfeld gehen kann.» Und ein Mädchen sagte: «Ich finde es gut, dass wir über Mittag bleiben dürfen, dann können sich unsere Eltern zu Hause ausruhen.»

Erstellt: 22.08.2016, 15:09 Uhr

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