Bereits Hunderttausende Flüche gegen Köppel

Ein umstrittener Künstler will Roger Köppel «den Nazi austreiben». Es ist nicht seine erste grobe Aktion gegen den SVP-Politiker.

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Bis heute Donnerstagmorgen waren offenbar bereits über 587'000 Flüche gegen Roger Köppel digital verschickt worden, und die Sendefunktion von schweiz-entkoeppeln.ch war zeitweise überlastet. Damit ist der erste Teil der neuen Aktion des doktorierten Philosophen und preisgekrönten, schwer umstrittenen Performancekünstlers Philipp Ruch also quasi abgeschlossen - und die bürgerliche politische Welt Zürichs läuft Sturm.

Wie schon im letzten September: Damals veröffentlichte Ruch im Magazin «Surprise» einen gegen den «Weltwoche»-Chef gerichteten Gastbeitrag, der sich in die Tradition von Christoph Schlingensiefs Provokationen einreihen sollte - der verstorbene Schlingensief hatte mit seinen «Tötet Helmut Kohl»-Happenings einen Skandal ausgelöst.

Nun kündigt Ruch einen «Exorzismus» und eine «Abschiebung» Roger Köppels an. Er will ihm «den Nazi austreiben». Ruchs «Zentrum für Politische Schönheit», eine Berliner Menschenrechts- und Aktionskünstlergruppe, ermuntert «das Schweizervolk», sich morgen beim Theater Neumarkt in Zürich zu besammeln und eine Prozession zu Köppels Wohnsitz in Küsnacht zu unternehmen, wo ein Verfluchungs- und Exorzismus-Event stattfinden soll.

Scharfe Kritik der SVP

Die ganze Aktion ist einer von vielen Programmpunkten des einwöchigen Festivals «How Artists Approach War» am Theater Neumarkt (TA von gestern). Das Theater, das sich seit Januar mit dem Thema «Krieg und Frieden» auseinandersetzt, hat am Festival diversen Theaterschaffenden ermöglicht, eine Uraufführung zu zeigen, unter ihnen Philipp Ruch. Seine Aktion stösst auf grossen Widerstand.

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Die Stadtzürcher SVP verschickte gestern umgehend eine Stellungnahme, in der sie «die sofortige Einstellung jeglicher Subventionen an das Theater Neumarkt» fordert. Ruchs Aktion sei «an dumpfer Primitivität nicht mehr zu übertreffen», und es sei «der Beweis erbracht, dass intellektuell nichts mit intelligent zu tun» habe.

Auch die Stadtzürcher FDP setzt das Theater Neumarkt mit dem Festivalbeitrag des 1981 in Dresden aufgewachsenen Sohns eines Schweizers und einer Deutschen gleich. Die Freisinnigen verlangen von SP-Stadtpräsidentin Corine Mauch, «auf die Mitglieder im Verwaltungsrat Einfluss zu nehmen, diese Aktion sofort zu stoppen - und dass solche Aktionen künftig unterbleiben».

Immerhin hält die FDP fest: «Kultur soll provozieren, und Kultur soll Kritik üben.» Das Neumarkt überschreite aber «eine rote Linie mit einer Hetzkampagne auf der persönlichen Ebene». Die FDP fühle sich in ihrer «kritischen Haltung der letzten Jahre gegenüber den Subventionen für das Neumarkt-Theater bestätigt».

«Kein Anlass für Kürzungen»

Ruhiger beurteilt Marco Denoth, Co-Präsident der Stadtzürcher SP, die Situation. «Die SP steht grundsätzlich zur Unabhängigkeit der Kunst», sagt er. Zwar übertrete Ruch mit der Aktion auch für ihn persönlich eine rote Linie; aber der Künstler widerspiegle damit nur, was Köppel dauernd tue. «Wie die Weltwoche etwa über Flüchtlinge berichtet, überschreitet ständig eine rote Linie. Und wenn im Rahmen eines vielfältigen Theaterfestivals so eine Grenzüberschreitung geschieht, ist dies kein Anlass, über Subventionskürzungen fürs Theater nachzudenken.»

Dies wird Neumarkt-Chef Peter Kastenmüller gerne hören. Er betont: «Wir haben den umstrittenen Performer Philipp Ruch an unser Festival zum Thema Krieg eingeladen: Genau in dem Rahmen haben solche Versuche ihren Platz - es darf hier auch ungebürstet mit dem Thema gerungen werden; als Einzelabend hätten wir Ruch nicht programmiert.» Es sei sympathisch, mit welcher Leidenschaft und Vehemenz der Performer Ruch sich für politische Themen einsetze - etwa für Menschen, die auf ihrer Flucht gestorben seien und unbegraben blieben oder namenlos verscharrt würden.

Ruchs Tötungsaufruf im Strassenmagazin «Surprise» vom vergangenen September, als Aktion à la Schlingensief gedacht, könne man freilich durchaus kritisch sehen. Am Neumarkt werde Ruch in seiner Lecture-Performance seine Arbeit einordnen. Für die morgige Aktion «hatte Ruch einen Blankocheck», erläutert Kastenmüller. «Ob es wirklich zur Fahrt nach Küsnacht zu Köppel kommt, ist offen.»

Nicht immer hat die Gruppe ihren Ankündigungen Taten folgen lassen, manchmal sei mit der Aufregung um die angekündigte Aktion für Ruch das Wesentliche erreicht worden. «Ruch hat sich auf die rechtsbürgerliche Klientel eingeschossen», sagt Kastenmüller. «Dass er nun so auf den Mann spielt, ist für viele problematisch und wirft ästhetische und politische Fragen auf.» Es gehe allerdings um den politischen Exponenten Köppel, nicht um die Privatperson.

Köppel bleibt gelassen

Köppel selbst zeigt sich bei der telefonischen Nachfrage gelassen. Zwei Punkte sind ihm wichtig: Die geplante Aktion entblösse zum einen «die primitive Stufe unseres subventionierten Kulturbetriebs». Zum andern sollten «offenbar politisch Andersdenkende ausgelöscht werden», und «wer eine Plattform für Aktionen bietet, die Andersdenkende zum Abschuss freigibt, muss dafür die Verantwortung tragen». Er, Köppel, sei selbst hochgradig kulturinteressiert, ja, ein Freund der Kultur und zudem ein guter Steuerzahler Zürichs. Es erstaune ihn, was da mit seinen Steuergeldern finanziert werde. Angst aber habe er keine. Darüber denke er gar nicht nach.

Erstellt: 17.03.2016, 07:31 Uhr

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