Hundertundeine Nacht

«Messerfuchtler» Mario Babini hat über seine Zeit in U-Haft ein Buch verfasst. Es zeigt, wie lange der Gemeinderat den Ernst seiner Lage verkannte.

Beschreibt die Untersuchungshaft als «Albtraum»: Mario Babini am Dienstag bei der Wehrmänner-Entlassung.

Beschreibt die Untersuchungshaft als «Albtraum»: Mario Babini am Dienstag bei der Wehrmänner-Entlassung. Bild: Urs Jaudas

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Am frühen Abend des 30. Juni 2014 war die Welt des Mario Babini noch in Ordnung. Babini, 58, Wirtschaftsanalyst, Stadtparlamentarier der SVP, spielte am Nachmittag eine Runde Golf, beschloss, noch in der Bederbar in der Enge einzukehren. In gut einer Woche würde er nach Thailand zu seiner Frau und seiner Tochter reisen – gute Aussichten.

Am späten Abend des 30. Juni sass Babini in Handschellen und Shorts auf dem Polizeiposten. Noch war er sich des Ernstes der Lage nicht bewusst. Er dachte nicht im Geringsten daran, dass er seine Reise nach Thailand nicht antreten, aus seiner Partei ausgeschlossen und in der Presse als «Messerfuchtler» tituliert würde. Mario Babini glaubte, nach einer Einvernahme wieder heimkehren zu können. Er irrte: Die nächsten 101 Tage verbrachte er im Gefängnis in Einzelhaft.

Die Nulltoleranz gespürt

Das Erlebte hat Mario Babini in einem Buch verarbeitet: «101 Tage – Mitten aus dem Leben gerissen» liegt seit einigen Tagen auf. Darin beschreibt er seine Sicht der Dinge. Beschreibt, wie es zur Verhaftung gekommen war – und vor allem wie er die dreimonatige Untersuchungshaft erlebt hatte.

Am 2. Juli 2014 berichtete der «Blick» über einen Zürcher SVP-Gemeinderat, der in einer Bar in Zürich-Enge mit einem Messer auf einen Gast losging. Der Mann sei betrunken gewesen und habe Gäste in der Bederbar belästigt und sie mit Drohungen eingedeckt. Die Situation eskalierte. Als ein Gast zu einem Aschenbecher griff, zückte der Gemeinderat laut «Blick» ein Sackmesser und drohte: «Ich schlitze dir die Kehle auf.» Die Polizei habe den Mann verhaftet und in die Ausnüchterungszelle gesteckt. Marco Cortesi, Medienchef der Stadtpolizei, sagte, dass die Polizei bei Drohungen «immer rasch und konsequent handeln würde». Fortan war ­Babini für den «Blick» der «Messer­fuchtler».

«Du kommst mir ja eh nicht nach»

Babinis (Buch-)Version geht so. Nach dem Golfspielen in Otelfingen und einem Bier zu Hause sei er am frühen Abend in die nahegelegene Bederbar gegangen. Er habe einen Gin Tonic getrunken und vor der Bar eine Zigarre geraucht. Offenbar raucht Babini aber auch im Lokal – jedenfalls kommt alsbald der Barmann, sagt, Babini habe Gäste belästigt und schreit: «Hausverbot!» Babini schreibt: «Da ich es als Eingriff in die Privatsphäre betrachte, wenn mich einer weniger als 20 Zentimeter vom Kopf entfernt anschreit, stosse ich ihn zurück und sage, er sei wohl nicht mehr ganz bei Trost.»

Er raucht vor der Bar weiter, der Rauch zieht ins Lokal und stört einen Gast: «Ich empfehle ihm, die Tür zu schliessen.» Da sei der andere «wie von der Tarantel gestochen» auf ihn zugerannt. Babini rennt davon und ruft: «Du kommst mir ja eh nicht nach …» Nachdem beide zwei-, dreimal um eine Strassenmarkierung herumgerannt sind, wird es Babini zu bunt. Er bleibt stehen, kramt seinen Schlüsselbund aus dem Hosensack und sagt: «Ich habe hier ein Tool, mit dem ich dir die Kehle aufschlitzen könnte.» Trotz der geringen Grösse der Feile eines Nagelclippers nicht ganz ausgeschlossen, glaubt Babini. Die ­Drohung jedenfalls zeigt Wirkung, «der Brocken bleibt stehen».

Axt, Sturmgewehr, Schwert

Die Sache ist für Babini erledigt. Er geht noch in einen nahen Billardclub bevor er nach Hause zurückkehrt. Dort wartet die Polizei auf ihn und will wissen, ob er Waffen habe. Warum? Laut Babini hat er zum Wirt und zum Gast, die auf ihn bedrohlich gewirkt haben, wohl noch einen «dummen Spruch gesagt, im Sinn, ich verfüge noch über weitere Waffen». Laut Babini ist der Barmitarbeiter aber der schweizerdeutschen Sprache nicht mächtig gewesen und hat die «dialekt- und umgangssprachliche Nuancierung seiner Aussprüche» nicht richtig einzuschätzen gewusst.

Die Polizisten finden in Babinis Wohnung ein Sturmgewehr, ein Samurai-Schwert und eine Axt. Das Sturmgewehr: aus der Rekrutenschule. Das Schwert: ein Andenken an seinen Aufenthalt in Japan am Tokyo Institute of Technology im Rahmen eines Austauschs mit der ETH Zürich. Die Axt: erworben im Aldi «für schlappe 25 Franken» für Gartenarbeiten.

«Ein bisschen Stimmung in die Verwaltung bringen»

Immer noch in kurzen Hosen und mit T-Shirt bekleidet, wird Babini in Handschellen gelegt und ins Polizeigefängnis auf dem Kasernenareal gebracht. Babinis Überzeugung, «dass ich auf der Wache eine Aussage machen und dann wieder nach Haus gehen kann», ist eine Fehleinschätzung. Am nächsten Morgen wird er «erkennungsdienstlich behandelt», und er verlangt nach einem Anwalt. Da er keinen kennt, nennt er Valentin Landmann, der ihm aus zahllosen Berichten und aufsehenerregenden Gerichtsprozesse bekannt ist. Landmann kann zwar nicht selber erscheinen, schickt dafür einen Mitarbeiter. Dieser teilt Babini mit, dass ihm die Drohung mit dem als Schlüsselanhänger dienenden Nagelclipper vorgeworfen werde. Babini erfährt auch, dass der «Blick» ihn bereits als «Messerfuchtler» betitelt und fragt sich: «Welcher Oberidiot kann eine solche Falschmeldung in die Welt setzen?»

Am nächsten Tag wird Babini der Staatsanwältin vorgeführt. Offenbar hat er den Ernst der Lage noch immer nicht erkannt. Auf die Frage, ob er einen Übersetzer brauche, erwidert er, man könne die Sache auch in Englisch abwickeln, was von seinem Anwalt mit einem missbilligenden Blick quittiert wird. Später hält er den «Zeitpunkt für gekommen, um ein bisschen Stimmung in die öde Verwaltung zu bringen». Auf die Frage, ob man den Verwaltungsratspräsidenten der Firma, in der er als CEO arbeitete, benachrichtigen soll, antwortet Babini: «Ja.» Als die Staatsanwältin fragt, wer das sei, antwortet er: «Ich!» Sein Anwalt habe ihm anschliessend Vorwürfe gemacht, ob er sich bewusst sei, was er damit bewirkt habe. Die grosse Ernüchterung folgt, als die Staatsanwältin 30 Tage Untersuchungshaft beantragt. Wohl als Folgen der Fotos der Unordnung in seiner Wohnung und des «etwas unkonventionellen Verhaltens», wie Babini vermutet.

Zwei Experten, zwei Ergebnisse

Das Zwangsmassnahmengericht ordnet schliesslich acht Tage Untersuchungshaft wegen Kollusionsgefahr an; die geplante Reise zu seiner Familie in Thailand kann Babini vergessen. Danach wird die Haft verlängert. Babini wird ins Gefängnis Zürich gebracht und von einem Psychiater untersucht. Als «hochintelligent und ungefährdet bzw. ungefährlich», sei er beschrieben worden. Später wird Babini von einem weiteren Psychiater untersucht. Dieser stellte fest, dass der Häftling an einer Persönlichkeitsstörung leide und Psychopharmaka benötige. Babini wehrt sich vehement – gegen Diagnose und Medikation.

Im Gefängnis sitzt er in einer Einzelzelle, durch den Fensterspalt sieht er lediglich einen Streifen Himmel. Als Erstes reinigt er die Toilette und bezieht das Bett. Er hört Radio und nervt sich nachts über den Lärm der vielen Partygänger draussen. Eine Stunde pro Tag kann er in den Spazierhof, wo er jeweils einen 12-Minuten-Lauf absolviert und Tai-Chi-Übungen macht, ansonsten ist er alleine in der Zelle. Später hat er Gelegenheit zu arbeiten: Er fertigt Wegwerfkissen-Bezüge für Spitäler.

Golf in der Gefängniszelle

In der Zelle macht Babini Liegestützen und spielt mit einem selbst gebasteltem Set Golf. Für den Ball weicht er WC-Papier im Wasser auf, formt es zu einer Kugel und lässt diese unter der Energiesparlampe aushärten. Seine sportlichen Aktivitäten hinterlassen offenbar Duftnoten. Nach einer Einvernahme habe ihn die Staatsanwältin «unter dem Druck ihrer olfaktorischen Wahrnehmung darauf aufmerksam gemacht, dass meine Transpiration nicht über alle Zweifel erhaben sei» – mit anderen Worten, dass er stinke. Sie fragt Babini, ob er alle drei Tage duschen könne, was er bejaht.

Eine Woche nach seiner Verhaftung kriegt Babini Besuch von Mauro Tuena, Fraktionschef der SVP im Gemeinderat. Der «Drill Sergeant», wie ihn Babini nennt, kann mit ihm durch eine dicke Glasscheibe sprechen, das Gespräch wird aufgezeichnet, über seinen Fall dürfen die beiden nicht sprechen. Zuvor hat eine Gefängnisbeamtin Babini zwei Papiere überreicht, die er unterschreiben soll: Rücktritt aus der SVP-Fraktion, Rücktritt aus dem Gemeinderat. «Ich denke: Was ist denn in den gefahren?» Die Fraktion schliesst Babini später aus, er politisiert im Gemeinderat als Parteiloser weiter. Babini bezeichnet seine ehemaligen Parteikollegen als labile «Schönwetterkapitäne».

Spuren der Einzelhaft

Von 101 Tagen in Haft hat Babini 97 alleine in seiner Zelle verbracht: «Die Zeit scheint sich wie im bekannten Gemälde von Salvador Dalí als langsam schmelzendes Zifferblatt einer Uhr vom Himmel über einen unendlichen Horizont zu biegen und tropft dabei langsam und unwiederbringlich auf den Boden der Vergangenheit», fasst Babini zusammen. Der «Albtraum Untersuchungshaft» hinterlässt Spuren. Als sein Kugelschreiber den Geist aufgibt und er beim Aufseher nicht umgehend Ersatz erhält, poltert er mit Händen und Füssen an die Zellentür und weckt die Mitgefangenen im Zellentrakt. Resultat: Er kommt in den Bunker. Fussfesseln, totale Finsternis, eine ganze Nacht. Er sei «tief in der Tinte» gesessen, schreibt Babini lakonisch.

Mario Babinis Buch zeigt auf, wie ein Bürger auf kafkaeske Weise in die Mühlen der Justiz geraten kann. Und es unterstreicht eindrücklich, dass bei der Zürcher Polizei und Justiz bei Drohungen Nulltoleranz herrscht. Babini, der zu dieser Zeit unter einer manischen Phase litt, wie das psychiatrische Gutachten später feststellt, hatte lange nicht begriffen, dass die ganze Angelegenheit kein Spiel ist. Interessant und eindrücklich ist das Buch vor allem in den Kapiteln, in denen Mario Babini den Alltag in der U-Haft beschreibt. Seine Berechnungen bezüglich der Idiotenkonstante oder die Erklärungen militärischer Kommunikationsregeln und weitere Exkurse hingegen hätte er sich sparen können.

Mario Babini: «101 Tage – Mitten aus dem Leben gerissen», Arte Legis Editions, 120 Seiten, ca. 18.50 Fr.

Erstellt: 17.09.2015, 23:51 Uhr

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