«Ich bin nicht nur Stadtrat für die AL, sondern für die ganze Stadt»

Richard Wolff erklärt, wie er schwierige Entscheidungen fällt. Und wie ihn linke Kritik zwar schmerzt, er aber gut damit leben kann.

Der Polizeivorsteher und AL-Stadtrat stellt sich zur Wiederwahl und zeigt im Video, was er in Zürich ändern will. Video: Lea Blum

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Linke Politiker sind nicht gerade zurückhaltend mit Kritik. Sie bemängeln fehlenden Biss und Durchsetzungsvermögen.
Diese Stimmen gibt es sicher, und daneben gibt es viele positive Stimmen. Den linken Kritikern geht alles zu langsam. Ich bin daran, die Polizeiarbeit weiterzuentwickeln. Die Stadt, ja die ganze Gesellschaft verändert sich. Klar, dass sich auch die Polizei verändern muss. Zürich wird globalisierter, vielfältiger und bunter. Menschen mit unterschiedlichsten Interessen und Ansichten leben hier. Darauf muss sich die Polizei einstellen. In dieser Hinsicht konnte ich viel machen. Aber gewisse Leute haben von mir erwartet, dass ich die Polizei neu erfinde. Die sind nun enttäuscht und sagen: Er hat keinen Biss. Damit muss ich als Exekutivpolitiker leben.

Das ist uns zu wenig konkret. Ihr Ziel lautete: mehr Frauen, mehr Städter und mehr Menschen mit Migrationshintergrund bei der Polizei. Da haben Sie versagt.
Es ist vielleicht schwieriger, als ich gedacht habe. Es geht wie gesagt nur langsam vorwärts. Wir sind noch nicht dort, wo ich sein will. Bei der Personalwerbung möchte ich diese Gruppen ansprechen, etwa mit einem Informationsfilm, der weniger Testosteron und Action bringt und dafür die Vielfalt der Polizeiarbeit besser zeigt. Bei der Rekrutierung sind die Gremien, die angehende Polizistinnen und Polizisten auswählen, in Bezug auf die Geschlechter ausgewogener zusammengesetzt. Inzwischen haben wir bei den Aspirantenklassen nun deutlich mehr Frauen. Diese Veränderungen brauchen ihre Zeit. Vielleicht mehr, als ich gedacht habe.

Ein weiterer Vorwurf: Sie sind nicht entscheidungsfreudig. Etwa beim Koch-Areal.
Man kann doch nicht von diesem Einzelfall auf einen Grundsatz schliessen. Ich habe beim Koch-Areal zu spät realisiert, dass schon der Anschein der Befangenheit ausreicht, um ein Dossier abzugeben. Aber sonst trifft der Vorwurf nicht zu. Ich treffe täglich viele Entscheide, auch schwierige: Das «Hotel Suff» habe ich trotz des Widerstands meiner Partei umgesetzt. Oder ich habe keine zusätzlichen Videokameras im öffentlichen Raum bewilligt. Bei wichtigen Entscheidungen nehme ich mir die nötige Zeit. Ich entscheide nicht vorschnell, sondern sorgfältig.

Das war in Ihrer Anfangsphase anders. Sie waren spontaner, um nicht zu sagen naiv. Nach einer Diskussion mit Jugendlichen räumten Sie etwa vorschnell Fehler bei Polizeikontrollen ein. Haben Sie sich inzwischen geändert?
Meinen Charakter und meine Überzeugungen habe ich nicht geändert. Aber wenn man als dezidierter Oppositionspolitiker neu in ein Exekutivamt eintritt, braucht es eine Lernphase. Man wird ­diplomatischer, ausgewogener. Ich bin nicht nur Stadtrat für die AL, sondern für die ganze Stadt. Nun bin ich zwar immer noch in der AL, aber das Parteipolitische ist in den Hintergrund gerückt.

Blicken wir auf Ihre Amtszeit: 2014 erschütterte die «Reclaim the Streets»-Demonstration Zürich. 2015 gab es sechs umstrittene Aktionen wie die Einkesselung von FCZ-Fans oder den Einsatz von Pfefferspray gegen eine ältere Frau. 2016 mehrere Demonstrationen, bei denen Polizisten direkt attackiert wurden. Ist das Ihre Handschrift?
(lacht) Diese Frage ist sehr tendenziös. Jedes Jahr haben wir rund 60'000 Polizeieinsätze, und nur ganz wenige führen zu Diskussionen. Bei diesen Einzelfällen schaue ich genau hin und betrachte beide Seiten. Meine Handschrift ist es, deeskalierend zu wirken und möglichst viele Konflikte im Dialog zu entschärfen.

Als AL-Stadtrat provozieren Sie linksextreme Kreise besonders. Sie wurden von Demonstrationen weggeschickt, auf dem Koch-Areal mit Bier beschüttet. Schmerzt das?
Ja, klar. Das gehört aber zur Rolle, die ich habe. Damit muss ich leben, auch wenn ich es nicht schön finde. Es gibt eben extreme politische Haltungen. Diese Reaktionen richten sich gegen mich als Vertreter des Staates, nicht gegen mich als Person.

Der Eindruck bleibt: Sie können es als Sicherheitsvorsteher niemandem recht machen. Im Tiefbauamt wären sie doch als Stadtentwickler am besseren Ort?
Nein. Eben gerade als Stadtentwickler bin ich im Sicherheitsdepartement am richtigen Ort! Hier will ich auch bleiben. Hier habe ich es mit gesellschaftlichen Verhältnissen zu tun, mit Konflikten im öffentlichen Raum. Übrigens, wenn die Kritik von rechts und von links kommt, zeigt das, dass ich es nicht so schlecht mache. Für alle dazwischen, und das sind die meisten, passt es offenbar.


Der alternative Angepasste Zur Leistungsbilanz des AL-Stadtrats.


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.01.2018, 19:08 Uhr

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Steckbrief Richard Wolff (AL)

Geboren: 6. August 1957 in Zürich

Ausbildung: Studium der Geografie und Ethnologie, Universität Zürich, Doktorat Humangeografie, ETH Zürich

Berufliche Stationen: Sekretär und Programmverantwortlicher IG Rote Fabrik, Zürich; Hausmann; Wissenschaftlicher Mitarbeiter ETH Zürich; Gastdozent University of Wisconsin; Co-Leiter Inura Zürich Institut; Dozent für Städtebau und Stadtentwicklung ZHAW Winterthur

Politische Stationen:A L-Gemeinderat (2010–2013). Seit 2013 Stadtrat

Familie: Lebt mit Partnerin in Wipkingen. Vater von drei Söhnen

Haustier: Hund Daisy (Welsh Corgi Pembroke) und Hauskatze Nougat

Auto: Citroën C3

Vereinsmitgliedschaften: Mieterinnen- und Mieterverband, Quartierverein Wipkingen, VCS (Auswahl)

Mandate: Präsident der Wohngenossenschaft Nordpol, Co-Präsident der Konferenz der Städtischen Sicherheitsdirektoren

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