«Ich bin nicht so der Dolder-Typ»

Carlos Leal ist ein wandelnder Zürcher Hotelführer. Der Schauspieler hat gerade in der Stadt gedreht. Im Odeon spricht er über seine Karriere und das Älterwerden.

Al Pacino sagte ihm: «You are terrific, man!» Carlos Leal beim Frühstück im Café Odeon. Foto: Dominique Meienberg

Al Pacino sagte ihm: «You are terrific, man!» Carlos Leal beim Frühstück im Café Odeon. Foto: Dominique Meienberg

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Er hat nicht viel geschlafen, am Vorabend war er an einer ZFF-Party, ist aber bester Laune. Er singt, schäkert mit dem Personal im Café Odeon. Seine Barthaare sind jetzt fast weiss, er ist gerade 50 geworden. Seit 2010 lebt Carlos Leal in Los Angeles; ist aber immer wieder mal in Zürich. So war er die letzten Tage wegen eines (noch nicht spruchreifen) Drehs und des Zurich Film Festival in der Stadt.

Carlos Leal, ist das Zurich Film Festival für Sie wichtig?
Ja, weil der Anlass ein Klassentreffen ist und ich mich in kurzer Zeit mit vielen Leuten austauschen kann.

Sie sind aus Lausanne. Wie gut kennen Sie Zürich?
So gut, dass ich einen Hotel-Guide über die Stadt schreiben könnte. Ich habe wohl in keiner anderen Stadt in mehr Hotels geschlafen. Ich war früher auch immer wieder mal wochenweise da, etwa für den «Bestatter»-Dreh.

Welche Häuser würden Sie empfehlen?
Greulich, Plattenhof, Townhouse. Ich bin nicht so der Dolder-Typ.

Sie wohnen in Los Angeles, nicht so Ihre «ville de cœur», haben Sie mal gesagt.
L.A. ist für mich wirklich keine Herzensstadt. Paris, wo ich auch eine Weile gelebt habe, ist mir da viel näher. Aber das Klima in Los Angeles ist angenehm, meine Familie ist dort, meine Kinder besuchen gute Schulen, und seit ein paar Jahren kann ich hier als Schauspieler leben. I am a working actor in Hollywood! Ich muss nicht kellnern oder Zweitjobs annehmen, um überleben zu können. Das ist nicht selbstverständlich, vor allem nicht für einen Schweizer.

Weshalb ist es so schwierig, Fuss zu fassen?
Weil man verdammt viel arbeiten muss! Viele denken, es ginge nur ums Networking oder den richtigen Moment. Aber der kommt nicht so schnell. Bis Sie überhaupt nur zu einem Casting kommen, können Jahre vergehen.

«In erster Linie muss ich nicht nur den Latino, sondern auch den Bösen spielen, das gefällt mir schon.»

Wie haben Sie es geschafft?
Mein Türöffner war, dass ich bereits viele spannende Rollen in Europa gespielt hatte. So kam ich gleich zu Beginn an einen guten Manager ran und durfte sofort für interessante TV- und Filmrollen vorsprechen.

Was drehen Sie gerade?
Die erste Staffel der Fortsetzung «The L-Word – Generation Q». Das ist ein weiterer grosser Schritt, da die Serie vom US-Sender Showtime produziert wird, einem der erfolgreichsten der Welt. Zudem konnte ich bei «The Last Thing He Wanted» mit Anne Hathaway, Ben Affleck und Willem Dafoe mitspielen. Der Film, ein smarter Polit-Movie, könnte ein Oscaranwärter sein.

Läuft es immer so ­geschmeidig?
In den letzten drei Jahren habe ich in drei verschiedenen Pilotfilmen die Hauptrolle ergattert und gespielt, doch am Ende wurde keine der Serien produziert. Das war ganz schön frustrierend. Du musst schon sehr geduldig sein und immer dranbleiben.

Sie haben dieses Jahr sogar mit Al Pacino gedreht . . .
. . . ja, für das Drama «Axis Sally». Das war Wahnsinn, die Leute wirklich still, wenn er das Set betritt, aber er selber ist total relaxed. Wir hatten eine Szene, wo wir etwa sieben Minuten sprachen, alles am Stück abgedreht, ohne Schnitt und Pause, bouboumboum. Er sagte: «You are terrific, man!» Sie können sich vorstellen, dass ich danach ein paar Tage schwebte.

In US-Produktionen sind Sie auf Latino-Rollen abonniert. Stört Sie das?
Nein. In erster Linie muss ich nicht nur den Latino, sondern auch den Bösen spielen, das gefällt mir schon. Ich kann nicht wählerisch sein, und wenn die Produktion okay ist, passt das. Ich durfte aber auch schon einen Franzosen und einen Italiener mimen, ja sogar einen Deutschen. Unglaublich, aber wahr.

Klingt nach Vorzeige-Europäer.
Klar, ich spreche fünf Sprachen, bin Musiker, habe in Europa gedreht... Manchmal sagen mir die Leute nach einem Casting: «You are a special fish.»

«Serien sind wie Papierflieger. Sie verteilen sich überall, ohne dass man genau weiss, wo sie landen.»

Sie sind kürzlich 50 geworden. Werden Sie gerne älter?
Ja, ich glaube, mein Gesicht wird immer interessanter, weil das Leben darin sichtbar wird. Ich glaube im Übrigen, dass auch ältere Frauen in Zukunft wieder mehr Chancen im Filmbusiness haben. In Hollywood hängen derzeit fast ausschliesslich Plakate und Screens mit Frauen in den Hauptrollen, und damit meine ich nicht nur Zwanzigjährige. Es wurde ziemlich aufgeräumt nach #MeToo.

Sind die Chancen auf dem Markt gewachsen, seit so viele Serien produziert werden?
Da mehr produziert wird, gibt es mehr Einstiegschancen, und die guten Screenwriter arbeiten ja zunehmend für Serien. Allerdings kann man sich verzetteln, weil es so viele Serien gibt.

Wie meinen Sie das?
Man ist nicht mehr der Schauspieler mit dem einen grossen Filmhit, sondern mit mehreren kleineren Serienhits. Ein Vorteil ist sicher, dass man dank den Streamingdiensten weiter bekannt wird. Viele Südamerikaner in Los Angeles etwa erkennen mich auf der Strasse, weil wieder «El Internado» gezeigt wird, eine TV-Show, die ich vor Jahren in Spanien abgedreht habe. Serien sind wie Papierflieger. Sie verteilen sich überall, ohne dass man genau weiss, wo sie landen.

Haben Sie je eine ­Ausbildung gemacht, oder waren Sie schon immer Künstler?
Ich bin Tiefbauzeichner, aber ich hatte nie Zeit, in diesem Job zu arbeiten. Meine Karriere mit Sens Unik begann wenige Tage nach meinem Lehrabschluss. Ich weiss noch, wie mein Bandpartner Just One meine Mutter aufgesucht hat. «Madame Leal», sagte er zu ihr, «seien Sie beruhigt, Ihr Sohn wird zwar Musik machen, aber er wird Geld verdienen.»

Erstellt: 29.09.2019, 22:04 Uhr

Rapper und Bond-Bösewicht

Carlos Leal (*1969) ist in Renens bei Lausanne aufgewachsen. Er war in den 90ern Rapper in der Gruppe Sens Unik. Sein Durchbruch als Schauspieler gelang ihm 2005 mit «Snow White» des Zürcher Regisseurs Samir; ein Jahr später hatte er einen Auftritt im James Bond «Casino Royale». Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern seit 2010 in L.A. (CS)

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