«Wollen Sie wissen, was ich nicht vermissen werde?»

Claudia Nielsen geht. Im Interview spricht sie über ruppigen Umgang, Personalverschleiss – und sagt, wohin ihre Reise nun geht.

«In der Politik geht es nicht um persönliche Gerechtigkeit.» Foto: Samuel Schalch

«In der Politik geht es nicht um persönliche Gerechtigkeit.» Foto: Samuel Schalch

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Heute ist der letzte Tag in Ihrem Amt – ist schon Wehmut aufgekommen?
Ja, klar – auch. Ich muss Abschied nehmen von wunderbaren Mitarbeitenden und meine Pläne und Vorhaben in andere Hände geben. Wehmut gibts immer, wenn man geht. Mein Verzicht, zur Wiederwahl anzutreten, war ja im Februar nicht ganz freiwillig und ziemlich abrupt.

Wir dachten, Sie hätten sich aus freien Stücken entschieden.
Entscheidend für meinen Rückzug war ein Bericht der Finanzkontrolle, wonach Arzthonorare im Triemlispital nicht korrekt verbucht worden waren. Dafür habe ich die Verantwortung übernommen. Ich hätte in einer weiteren Legislatur zu wenig Handlungsspielraum gehabt. Jetzt freue ich mich auf eine Pause und darauf, etwas Neues zu machen.

Was werden Sie vermissen?
Wichtige Themen, bei den ich etwas bewirken konnte und viele bereichernde Begegnungen. Wollen Sie auch wissen, was ich nicht vermissen werde?

Bitte.
Dass jeder kleinste Entscheid oder Kleidungsstücke von mir in den Medien kommentiert werden. Und auch die völlig durchgetaktete Agenda in einem solchen Amt.

Sie sind vor acht Jahren ins kalte Wasser geworfen worden. Plötzlich waren Sie für 7000 Menschen verantwortlich, zuvor waren es 150 bei der Alternativen Bank.
Das wird jeder und jede in diesem Amt. Einarbeitungszeit gibt es nicht. Ich hatte immerhin den Vorteil, dass ich 16 Jahre im Parlament war und grosse Kommissionen präsidiert hatte. Ich kannte die Stadtverwaltung und die Politik.


Video: Und dann war Schluss

Im Februar 2018 kündigte Claudia Nielsen überraschend ihren Rücktritt an.


Nach welchen Grundsätzen haben Sie geführt?
Mir waren Ehrlichkeit und Integrität stets wichtig. Die richtige Flughöhe zu finden bei jedem Thema und jedem Gegenüber. Und meine Entscheide nachvollziehbar zu begründen, die Politik zu übersetzen.

Man hat Ihnen nachgesagt, dass Sie viel von den Dossiers verstehen und stets gut vorbereitet waren, aber nicht sonderlich geschickt mit dem Kaderpersonal umgingen.
Diese Vorwürfe haben mich immer überrascht. Viele, die mich gekannt haben, sind zu mir in höhere Führungspositionen zurückgekommen oder haben sich um Beförderungen beworben.

Sie hatten aber auch eine rekordhohe Zahl von Abgängen.
Im Gesundheitswesen ist die Fluktuation stets hoch. Als ich antrat, brauchten wir in Anbetracht der vielen Systemänderungen andere Methoden. Ich suchte dafür gezielt neue Leute. Dazu gibt es überall Reisende, die weiterziehen. In ein, zwei Fällen hatten ich und der Bewerber nicht gemerkt, dass die Stelle nicht passt.

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Sie sollen mit den Leuten teils sehr ruppig umgegangen sein.
Ich bin sicher direkt und erwarte auch Engagement und Leistung. Schliesslich werden unsere Löhne aus Steuergeldern bezahlt.

Einzelne Mitarbeiter haben Sie vor versammelter Runde abgekanzelt.
Nein, aber ich habe stets offen und direkt gesagt, was ich denke.

Wurden Sie als Frau härter kritisiert, als ein Mann kritisiert wird?
Das ist nicht auszuschliessen. Erkenntnisse der neuesten Genderforschung zeigen, dass Frauen stärker ausgestellt sind, weil es weniger von ihnen in Führungsrollen gibt. Das Standardmodell scheint immer noch der Mann zu sein.

Zu Ihrem Sorgenkind wurde das Triemli. Das neue Bettenhaus mit seinem hohen Abschreibungsbedarf und die Umstellung auf Fallpauschalen im Gesundheitswesen führten zu einem jährlichen Defizit von über 30 Millionen. War das die Knacknuss?
Die ganze Spitalfinanzierung ist eine Knacknuss. Das geht fast allen Spitälern so. Über das neue Bettenhaus wurde zu einer Zeit entschieden, als man dachte, es würden immer mehr Patientinnen und Patienten kommen. Jetzt werden es tendenziell weniger. Anfang der zweiten Amtszeit hatte ich eine Vorstellung und einen Plan, wie man darauf reagieren könnte. Der Gemeinderat wies ihn zurück. Nun wird mein Nachfolger eine Lösung finden müssen.

Warum haben Sie nicht frühzeitig informiert, dass mit den hohen Abschreibungen und der Fallpauschale im Triemli die Rechnung nicht ausgeglichen sein kann? Die Öffentlichkeit wäre weniger überrascht gewesen, als das Triemli dann 32 Millionen Franken Defizit schrieb.
Von den Anlagenutzungskosten wusste man bereits seit 2012. Die Frage ist, wie man etwas ändern kann und dafür eine Mehrheit findet. Ich beobachtete mit Interesse, was mit Stadtrat Andres Türlers EWZ-Vorlage passierte. Der Gemeinderat versenkte sie nach über einem Jahr, ohne überhaupt darauf einzutreten. Deswegen beantragte ich im Stadtrat, dass wir ein anderes Verfahren wählen, und versuchen, den Gemeinderat von Anfang an mit ins Boot zu holen. Das hat dann auch nicht geklappt. Ich kann jetzt bedauern, dass die Entscheidungswege in der Politik sehr lange sind und das Gesundheitssystem sehr dynamisch. Aber das ist jetzt egal. Es ist, wie es ist.

Der Stadtrat hat Ihnen zur Lösung vier Kollegen zur Seite gestellt. Das mussten Sie als Bevormundung empfinden.
Nein, das passierte auf meinen Antrag hin. Ich brauchte breite Unterstützung im Stadtrat, um meine Massnahmen durchzubringen. Das Gesundheitswesen ist sehr komplex reguliert, ständig ändern die Tarife. Die Dienstabteilung folgt diesen Entwicklungen, so gut es in ihrem Rahmen geht. Auch der Stadtrat muss sich enger mit diesen Fragen beschäftigen, als er es noch im vergangenen Jahrzehnt getan hat.

«Von wursteln kann keine Rede sein. Wäre es nicht in einem Wahljahr passiert, wäre alles weniger heiss gekocht worden.»

Zu Ihrem Rücktritt führten schliesslich nicht korrekt verbuchte Arzthonorare im Triemlispital – ein Umstand, für den Sie nicht viel konnten. Warum fiel er plötzlich so ins Gewicht?
Ich trage als Vorsteherin dieses Departements die Verantwortung. Die Finanzkontrolle erhob in ihrem vertraulichen Bericht Vorwürfe von einer Komplexi­tät und Gewichtigkeit, dass ich vor den Wahlen auf diesen Umstand hinweisen musste. Hätte ich nichts gesagt, hätte man mir das zum Vorwurf gemacht. Meine Einschätzung war, dass ich flügellahm werden würde. Halbe Sachen sind nicht mein Stil. Also bin ich zur Einschätzung gekommen, dass es Zeit ist, zu gehen.

Hätte es etwas geändert, wenn Ihnen Stadtpräsidentin Corine Mauch in dieser Zeit den Rücken gestärkt hätte?
Woher wissen Sie, dass sie das nicht getan hat?

Sie haben in der NZZ erklärt, dass das Gespräch in ihre Lagebeurteilung eingeflossen ist, die dann negativ ausfiel.
Das Gespräch war ein Element unter vielen. Frau Mauch wünschte, dass ich zur Wiederwahl antrete.

Aber sie hat nicht gesagt: Bleib, wir brauchen dich und schaffen das.
Das Gespräch zwischen Stadtpräsidentin und Stadträtin ist vertraulich. Ich werde Ihnen folglich nicht davon berichten. Es war mein Entscheid: Wenn etwas vorfällt, das man nicht gutheissen kann, muss man die Konsequenzen ziehen.

Es wirkt, als hätte der Stadtrat Sie lange ohne Unterstützung wursteln lassen und erst eingegriffen, als es mit der Spitalstrategie politisch schwierig zu werden drohte.
Von wursteln kann keine Rede sein. Das Timing war sicher suboptimal. Wäre es nicht in einem Wahljahr passiert, wäre alles weniger heiss gekocht worden.

Empfanden Sie die Kritik als ungerecht?
In der Politik geht es nicht um persönliche Gerechtigkeit. Die Situation wurde für die Stadtspitäler und ihre Mitarbeitenden schwierig.

Sie sind 56-jährig, ein Alter, in dem ein beruflicher Neustart gut möglich ist. Wohin wird Ihr beruflicher Weg führen?
Meine grosse Freiheit besteht darin, dass ich das jetzt noch nicht wissen muss. Ich werde Pause machen und dann sehen, wo er mich hinführt.

Jetzt treten Sie als Heldin ab, die Verantwortung übernimmt für etwas, wofür sie nichts konnte.
Ah, ja? Ich dachte, Frauen eignen sich nicht als Heldinnen.

Sie verzichten auf eine höhere Abgangsentschädigung, die Sie bei einer Abwahl erhalten hätten.
Danke für diese Beurteilung. Ich habe entschieden, und das ist jetzt gut so.

Nun wollen Sie für drei Monate in den italienischen Alpen wandern gehen. Von 150 Prozent auf 0 runter – das empfehlen die Ärzte nicht.
Es wird einen sanften Übergang von einem Monat geben. Den ganzen Tag wandern ist ja auch ein recht grosser Termin. Ich hoffe, ich werde bald wieder so fit sein wie vor meiner Zeit als Stadträtin. Das werde ich nun sehen.


Zürichs hässlichste Flecken

Wo sich die Limmatstadt von der schlechten Seite zeigt.


(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2018, 09:06 Uhr

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Was Claudia Nielsen erreicht hat

Claudia Nielsen, geboren 1962 in Südafrika, ist promovierte Ökonomin und Mediatorin. Als Parteisekretärin der SP Stadt Zürich wurde sie 1994 in den Gemeinderat gewählt. Daneben war sie Geschäftsführerin der Oikocredit deutsche Schweiz und Verwaltungsratspräsidentin der Alternativen Bank Schweiz. 2010 wurde sie als Stadträtin gewählt und übernahm das Gesundheits- und Umweltdepartement. Nach acht Jahren im Zürcher Stadtrat übergibt sie den Schlüssel zum Gesundheits- und Umweltdepartement ihrem Nachfolger. Zu Fall brachten die 56-Jährige falsche Verbuchungen von Arzthonoraren. Bewirkt hat die Ökonomin dennoch einiges: Die Stadt Zürich nahm bei Angeboten der Nachtspitex eine Vorreiterstellung ein, weitere Gemeinden folgten dem Vorbild einer Pflege ausserhalb der normalen Arbeits­zeiten. Nielsen baute zudem die Übergangspflege für Patienten aus, die nach einem Spitalaufenthalt nicht gleich nach Hause können: Auch jüngere Menschen, die Schutz und Sicherheit brauchen, erhalten in Zürich Pflegeplätze. Weiter trug Nielsen auf nationaler Ebene dazu bei, dass Pilotprojekte zum medizinischen Gebrauch von Cannabis vorangetrieben wurden. Dass auf dem politischen Parkett ähnliche Fragen zu Kokain diskutiert werden, ist ebenfalls Nielsens Verdienst. (rar)

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