Kein Geld, keine Energie: Zerbini schliesst Photobastei

Ende Juni ist die Ära der Photobastei in Zürich nach fünf Jahren vorbei. Am fehlenden Publikumsinteresse liege es nicht, sagt Initiant Romano Zerbini.

Vor den Bildern einer Ausstellung: Romano Zerbini, Direktor, Kurator und Initiant der Photobastei.

Vor den Bildern einer Ausstellung: Romano Zerbini, Direktor, Kurator und Initiant der Photobastei. Bild: Thomas Delley/Keystone

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«Ich habe das Geld und die Energie nicht mehr, um das Projekt weiterzuführen. Es wurde zu einer solchen Last, dass der Entscheid aufzuhören für mich eine echte Befreiung bedeutet.» So lautet Romano Zerbinis Begründung für die Schliessung der Photobastei per Ende Juni. Das Ausstellungs- und Kulturzentrum sei leicht defizitär, sagt Kurator, Direktor und Mäzen Zerbini weiter, das vierköpfige Kernteam müde und ausgezehrt. «Bei allem Elan und Idealismus ist das Projekt in dieser Form deshalb nicht zu halten.»

Die Photobastei mit ihrem Angebots-Mix aus Museum, Vermietung von Ausstellungsräumen und Kulturzentrum samt Gastrobetrieb hat schon seit dem Start im Januar 2014 – damals noch in einem Hochhaus am Schanzengraben – mit finanziellen Problemen zu kämpfen.

Ab Ende Juni geschlossen: Die Photobastei am Sihlquai (Bild: Dominic Steinmann/Keystone)

Am Sihlquai 125, wo sich der Kulturraum heute befindet, hat sich die Situation weiter verschärft, weil das Laufpublikum ausfällt. Im Sommer musste die Photobastei deshalb jeweils schliessen. «Um solche Schwankungen auszugleichen, bräuchten wir von der Stadt Zürich eine jährliche Defizitgarantie von 50'000 Franken», sagt Zerbini. «Dieser Betrag wurde uns einmal ausbezahlt und nicht wiederkehrend, weil wir nicht zu den kulturellen Einrichtungen gehören, die im Leitbild der Stadt Zürich enthalten sind.» Er selbst könne als Hauptverantwortlicher das unternehmerische Risiko bei einem Umsatz von rund einer Million Franken nicht mehr tragen.

Raum für Experimente

Das Ende der Photobastei bedeutet auch das Ende eines künstlerischen Freiraums, in dem fotografisches Schaffen unabhängig von Sponsoring und Kulturförderung in all seinen Facetten zu sehen war. Wo professionelle Fotografinnen und Fotografen Räume zu günstigen Preisen mieten konnten, um ihr Werk auszustellen. Wo es explizit auch Platz für Experimente gegeben hat.

So sorgten im vergangenen September Pressejournalisten aus Hongkong mit ihren Aufnahmen der Protestbewegung in China für Aufsehen. Die ungeschönten Fotografien der Ausstellung riefen die chinesische Regierung auf den Plan. Zerbini wurde zu einem Gespräch ins Konsulat zitiert, weil er sich weigerte, Auskunft über die Fotografen zu geben.

«Die ganze Punkszene von Zürich hat mitgemacht. Es war unglaublich lebendig. So etwas habe ich noch nie erlebt und ich werde es auch nie vergessen.»Romano Zerbini,
Kurator und Direktor der Photobastei

Wirbel gab es auch im Januar 2019 um die Punk-Ausstellung «Raw Power». Weil die Photobastei damals auf ihrer Facebook-Seite Video-Bilder des Berliner Künstlers Sven Marquardt postete, auf denen nackte Busen und Brustwarzen zu sehen waren, wurde die Seite kurzerhand während 30 Tagen gesperrt. Die Photobastei galt bei Facebook gar als Wiederholungstäterin, weil sie schon einmal mit einer Nackten eine Ausstellung beworben hat. Zerbini bezeichnete das Vorgehen der Social-Media-Plattform damals als Zensur. «Facebook hat die Macht, die Brustwarze über die Kunst zu erheben.»

Für Zerbini selbst war der Publikumserfolg der «Raw Power»-Ausstellung und der dazugehörigen Veranstaltungen die grösste Überraschung der Photobastei-Ära. «Die ganze Punkszene von Zürich hat mitgemacht und war während dieser beiden Monate bei uns. Es war unglaublich lebendig. So etwas habe ich noch nie erlebt, und ich werde es auch nie vergessen.»

Keine wiederkehrende Unterstützung

Überhaupt wurde das Haus zur wichtigen Plattform in der Kultur- und Fotoszene – auch über Zürichs Grenzen hinaus. «Wir scheitern nicht an fehlendem Publikumsinteresse oder zu wenig Mietanfragen für die Ausstellungsräume», betont denn auch Zerbini. Es hätten nie inhaltliche Diskussionen über den kulturellen Stellenwert der Photobastei mit der Stadt stattgefunden, sondern immer nur formale Gespräche.

Peter Haerle, Kulturdirektor der Stadt, bedauert die Schliessung der Photobastei und lobt die Leistung Zerbinis und seines Teams für die Kulturstadt Zürich. «Dafür haben wir grossen Respekt», sagt er auf Anfrage.

Er betont jedoch auch, dass die Stadt die Photobastei in den vergangenen Jahren wiederholt finanziell unterstützt habe – seit 2016 mit Projektbeiträgen von insgesamt 80'000 Franken sowie durch einen aussergewöhnlich günstigen Mietzins für die Räumlichkeiten am Sihlquai. Eine wiederkehrende Unterstützung des Betriebes sei aus Sicht der städtischen Kulturförderung nicht angebracht, zumal das Projekt immer als nicht subventionierter Ort geplant war.

Ob es nach dem Ende der Photobastei mit einem anderen Projekt weitergehen wird, ist noch unklar. «Etwas Konkretes gibt es jedenfalls nicht», sagt Zerbini. Bis Ende Juni werde der Betrieb aber noch wie bisher weitergeführt.

Erstellt: 06.01.2020, 14:56 Uhr

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