«Ich habe nur Erfolge erlebt»

Felix Gutzwiller (FDP) zieht sich nach seinem Rücktritt aus dem Ständerat vollständig aus der Politik zurück. Seine erfolgreiche Karriere führt er auch auf seinen Optimismus zurück.

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Morgen wird Ihr Nachfolger, Ihre Nachfolgerin im Ständerat gewählt. Wie ist Ihre Gefühlslage heute?
Eindeutig gemischt, auch wenn ich freiwillig nicht mehr zur Wahl antrete. Es ist schön, dass ich selber bestimmen kann, wann ich gehen will. Nie im Leben bin ich abgewählt worden und habe sogar das beste Wahlresultat eines Zürcher Parlamentariers gemacht. Dennoch sind die Emotionen da. Ich war als FDP-Fraktionschef im zentralen Parteivorstand, habe unsere Ständeratsgruppe geführt und viele Freundschaften entwickelt. Wenn man dann in der letzten Kommissionssitzung sitzt, kommt eine gewisse Wehmut auf. Nichts destotrotz: Es ist für die Partei gut, wenn ich jetzt gehe und Bewegung in die Fraktion kommt.

Sie ziehen sich auf einen Schlag aus der Politik zurück. Warum tun Sie es nicht schrittweise?
Ständerat zu sein, ist der schönste Job, den man in der Schweizer Politik haben kann. Nach dieser Zeit noch eine andere politische Arbeit anzunehmen, habe ich nie in Erwägung gezogen.

Wie sieht ihre Wahlprognose für morgen aus?
Es wird kaum weltbewegende Verschiebungen geben. In der Schweiz steht Stabilität im Vordergrund. Ich rechne mit einigen zusätzlichen Sitzen für Mitte-Rechts. Die Parteien in der Mitte werden wohl etwas Terrain einbüssen. In der Ständeratswahl ist es bei so vielen Kandidaten schwierig, im ersten Wahlgang das absolute Mehr zu schaffen. Darum tippe ich auf einen zweiten Wahlgang für beide Sitze. Ich hoffe, dass Ruedi Noser die Wahl schafft.

Wen wünschen Sie sich als zweiten Zürcher Ständerat?
Ich wünsche mir, dass eine grosse Bandbreite der Zürcher Bevölkerung im Ständerat vertreten ist, wie es durch Verena Diener und mich der Fall war.

Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken: Was würden Sie heute anders machen?
Ich wäre schon in meinen ersten acht Parlamentsjahren im Nationalrat gerne aussenpolitisch tätig gewesen. Im Ständerat habe ich diese tolle Erfahrung zum Glück machen dürfen, die letzten zwei Jahre sogar als Präsident der aussenpolitischen Kommission.

Sie wurden wegen Ihrer vielen Zusatzbeschäftigungen kritisiert – auch vom Zürcher Regierungsrat. Wieviel Verständnis können Sie heute für Ihre Kritiker aufbringen?
Das Problem war, dass alle meine Mandate in einen Topf geworfen wurden. Die Mehrheit dieser Verpflichtung war aber immer ehrenamtlich. Man hat nicht verstanden, dass ein Professor in der öffentlichen Gesundheit automatisch von der Krebsliga, der Aidshilfe, der Alzheimervereinigung usw. angefragt wird. Ich hätte wohl besser kommunizieren sollen. Meines Erachtens sind solche Engagments in unserem Milizsystem gewollt und richtig. Es muss aber auch möglich bleiben in unserer Zivilgesellschaft, als Politiker bezahlte Engagements anzunehmen.

Wie unabhängig kann ein Verwaltungsrat einer Pharmafirma oder einer Krankenkasse politisieren, wenn es um Medikamentenpreise oder Krankenkassenprämien geht?
Ich bin in Verwaltungsräte gewählt worden wegen meiner Kompetenzen. Wenn ich aus professioneller Überzeugung gegen die Interessen der Firmen gestimmt habe, hat man das stets akzeptiert. Ich habe mich zum Beispiel intensiv für das Gesetz über die Aufsicht der Krankenversicherungen eingesetzt, welches die Branche ja bekämpft hat. Ich war nie Befehlsempfänger einer Firma. Das ist vielleicht anders bei Leuten, die in ihrem Jobprofil politische Arbeit haben. Das gilt etwa für Gewerkschaftsfunktionäre oder Verbandsangestellte. Diese Leute kommen wohl eher in einen Interessenskonflikt.

In der SVP tritt mit Toni Bortoluzzi ein anderer profilierter Gesundheitspoliker zurück. Er war speziell in der Drogenpolitik einer Ihrer härtesten Kontrahenten. Was für ein Verhältnis haben Sie zu ihm?
Wir schätzen uns enorm. In der Drogenpolitik haben wir zwar extrem konträre Ansichten, aber bei der AHV-Reform und bei der Invalidenversicherungen kämpften wir auf der gleichen Seite. Ich halte Toni Bortoluzzi für einen hervorragenden Sozialpolitiker. Er hat auch in hochkomplexen Dossiers stets den Durchblick gehabt und immer die entscheidenden Fragen gestellt.

Das tönt sehr respektvoll. Oft werden geschätzte und einflussreiche Politiker wie Sie zu Bundesräten. Warum Sie nicht?
Die Doppelfunktion als Professor an der Uni Zürich – was übrigens auch einer der schönsten Jobs überhaupt ist – und als Ständerat hat mir vollkommen genügt. Für mich war die persönliche Freiheit immer wichtig. Und ich habe als Fraktionschef genug gesehen, wie wenig selbst bestimmt ein Bundesrat – neben aller Macht und allem Glamour – arbeiten muss. Bundesräte müssen auch an Veranstaltungen auftreten, die sie nur beschränkt interessieren. Weil ich diesen Freiheitsverlust nicht wollte, habe ich nie ernsthaft eine Kandidatur für den Bundesrat erwogen.

Eine Gelegenheit hätte es für Sie 2010 nach dem Rücktritt von Hans Rudolf Merz gegeben.
Das stimmt. Aber es hat einfach nicht gepasst. Es hat mich auch nicht gebraucht, wenn ich sehe, welch guten Job etwa Didier Burkhalter als Vorsitzender der OSZE gemacht hat.

Sie haben als Zürcher in Bern politisiert. Wie stark hat es geholfen, dass Sie Baseldeutsch sprechen?
Dass ich Baseldeutsch rede, mag athmosphärisch eine kleine Rolle spielen. Viel wichtiger ist das Französische. Im Ständerat kann man erfolgreich sein, wenn man echt partnerschaftlich mit den Welschen zusammenarbeiten kann. Die Sprachenprobleme vieler Parlamentarier sind ein Tabu. So haben wir etwa in den Kommissionen keine Übersetzungen, und das ist nicht ideal. Geholfen hat mir auch, dass ich teilweise in der Romandie sozialisiert wurde. Ich glaube, viele Deutschweizer unterschätzen die staatspolitischen Unterschiede zwischen den Sprachregionen und was es heisst, sprachlich in der Minderheit zu sein. Der gute Draht zu den Welschen hat sich für mich beim einen oder anderen Geschäft auch ausbezahlt.

Zu wievielen Prozenten fühlen Sie sich heute noch als Welscher?
Vielleicht zu 30 Prozent, aber doch hauptsächlich als Zürcher. Wenn es allerdings um den Rheinhafen geht, kommen jeweils die Basler und sagen, ich sei auch ein bisschen ihr Ständerat.

Mit Roger Federer, einem anderen Basler, würden Sie gerne einmal essen, haben Sie 2007 gesagt. Haben Sie das inzwischen geschafft?
Leider nein. Wir haben uns einmal an den Swiss Indoors in Basel getroffen. Dort gab es zwar ein Nachtessen, aber Federer kam nur für den Apéro.

Warum Roger Federer?
Er ist einfach eine absolute Lichtgestalt, nicht nur im Sport, sondern auch in seinem Verhalten. Er ist zuvorkommend, locker, nicht arrogant, hört zu. Und er hat ein grosses soziales Engagement, wenn ich an seine Afrika-Stiftung denke.

Roger Federer ist ein Sieger. Sie haben ihre gesamte Politkarriere in der FDP gemacht, die in den letzten Jahren ständig verloren hat. Wie stark haben Sie darunter gelitten?
Ich danke dem lieben Gott für meinen starken Optimismus. Aber ich glaube an die freisinnigen Werte. Als Student an der Uni Basel habe ich mich mit der dort vorherrschenden leninistischen Weltanschauung nicht anfreunden können. So bin ich in die FDP eingetreten. Natürlich war es mit den vielen Wahlniederlagen schwierig. Aber ich habe immer an den Turnaround geglaubt. Zudem habe ich persönlich nur Erfolge erlebt.

Wo sehen Sie den Hauptgrund für den Abstieg der FDP?
Vor 30 Jahren waren wir so breit aufgestellt, dass die Wähler nicht mehr richtig wussten, wofür die FDP steht. Wir waren keine klare Marke mehr.

War die FDP zu überheblich?
Wir waren sicher zu unpräzis. Dann hat die SVP zu unserem Schaden stark aufs Ausländerthema gesetzt, und die Öffentlichkeit hat uns verantwortlich gemacht für den Niedergang der Swissair und für die Bankenskandale. Dies ist zum Glück langsam überwunden. Ich bin zuversichtlich, dass es morgen für uns aufwärts geht.

In den Kantonalwahlen im Frühling hat die FDP zugelegt. Weshalb geht es wieder aufwärts?
Wir haben gelernt zu verlieren. Wir haben auch in den Niederlagen an unseren Positionen festgehalten. So ist unser Profil heute viel besser erkennbar. Heute sehen die Wähler die Unterschiede zwischen uns und der SVP.

Wo sind sie denn?
Für uns hat der Erhalt der bilateralen Verträge mit der EU absolute Priorität. Auch in der Ausländerpolitik haben wir eine eigenständige Haltung. Wir vertreten eine harte Linie. Aber sie muss innerhalb der Menschenrechtskonvention liegen. Ein Moratorium für Asylgesuche lehnen wir darum strikte ab.

Sie sind jetzt 67...
...ja, seit Februar.

Wassermann?
...nein, Fisch.

Aha. Und Frau Diener? Hat das astrologisch zusammengepasst?
(studiert) Das weiss ich gar nicht. Aber auf diese Dinge lege ich keinen grossen Wert. (Verena Diener ist Widder, was mit Fisch nicht recht zusammenpasst; die Red.)

Wie sieht Ihre persönliche Zukunft aus?
Ich habe sehr viele Anfragen bekommen, aber ich will jetzt in erster Linie meine wieder gewonnene Freiheit geniessen. Ich werde mich aber auch kulturell engagieren. Wir haben den Verband Cultura aufgebaut, den ich ehrenamtlich präsidiere. Er fasst die Arbeitgeber im Kulturbereich zusammen. Sie haben bisher in Bern keine Rolle gespielt, das ist ein Fehler. Sie werden also als Kulturbotschafter wieder in den Wandelhallen auftauchen.
Nein, werde ich nicht. Das habe ich im Verband von Anfang an klargestellt.

Gibt es noch andere Dinge, die Sie neu anpacken?
Ja. Ich werde wahrscheinlich in der Entwicklungszusammenarbeit eine neue Funktion übernehmen. Aber das ist noch nicht spruchreif.

Und wohin führt die grosse Reise?
Ich bin in den letzten Jahren genug im Ausland gewesen, zu Hause etwas weniger. Darum werde ich vor allem Zürich und seine Umgebung geniessen.

Als Präventivmediziner haben Sie zum Schluss sicher noch einen Ratschlag für ein langes Leben?
Gut schlafen, Bewegung, Ernährung und Körpergewicht. Vieles kann man aber gar nicht selber steuern. Wichtig ist eine gute allgemeine Konstitution und ganz wichtig ist ein frohes Gemüt.

Erstellt: 16.10.2015, 21:36 Uhr

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