«Ich habe schon mehrere solche Bisswunden gesehen»

Ein Mann kam nach einem Bad im Zürichsee mit Verletzungen zurück ans Ufer. Diese stammen von einem Raubfisch, sagt Andreas Hertig von der Fischerei- und Jagdverwaltung.

Fehlgeleiteter Jagdinstinkt: Ein Hecht hat einen Schwimmer in die Hand gebissen.

Fehlgeleiteter Jagdinstinkt: Ein Hecht hat einen Schwimmer in die Hand gebissen. Bild: Luc Viatour / www.Lucnix.be

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Vergangene Woche wurden gleich zwei rätselhafte Attacken auf Badende im Zürichsee publik. Greifen Fische Menschen an?
Grundsätzlich weichen Fische den Menschen eher aus und ergreifen sogar die Flucht. Einzig Sonnenbarsche verteidigen ihre Nester, wenn Badende ihnen zu nahe kommen. Diese Tiere werden aber nur gerade 20 cm lang und haben keine spitzen Zähne. Es ist daher eher ein Stupsen und keine gefährliche Attacke.

Aber könnten die Wunden an der Hand des Schwimmers von einem Fisch stammen?
Aufgrund der Bissmusters vermute ich, dass es sich um einen Hechtbiss handelt. Ich habe schon mehrere Fische gesehen, die eine Hechtattacke überlebt und ähnliche Bisswunden aufgewiesen haben. Aufgrund des Zeitungsbildes schätze ich die Kieferbreite des Raubfisches, der den Mann gebissen hat, auf über 10 cm, womit der Hecht mindestens einen Meter lang gewesen war.

Was macht Sie so sicher, dass es nicht ein anderer grosser Fisch gewesen ist – ein Wels zum Beispiel?
Welse können zwar über zwei Meter lang werden, sie sind aber – wie Hechte auch – grundsätzlich nicht aggressiv. Sie haben sehr viele, sehr kleine Zähne. Die Bissspuren auf der Hand des Mannes weisen aber auf grössere Zähne hin, wie sie der Hecht besitzt.

Warum hat der Hecht zugebissen?
Ich kann nur Vermutungen anstellen. Vielleicht hat er die Hand mit einem verletzten Beutefisch verwechselt. Hechte jagen nicht nur mit den Augen, sondern wie alle Fische auch mit den sogenannten Seitenlinienorganen, was ein ‹blindes Zubeissen› erklären könnte. Das Seitenlinienorgan besteht aus Öffnungen an der Seite des Fischleibs, über die das Tier feinste Druckwellen wahrnehmen und so feststellen kann, wo sich etwas im Wasser bewegt. Auf diese Weise können auch blinde Fische Beute finden und überleben.

Der Biss war also reiner Zufall?
Er hat die Hand wohl kaum aus Aggression gepackt. Das tun Hechte nicht. Sie verziehen sich lieber, als zu attackieren. Auch verteidigt diese Fischart ihre Brut nicht aktiv – abgesehen davon ist auch keine Laichzeit. Das Verhalten dieses Hechtes ist wirklich sehr aussergewöhnlich. Die Chance auf einen Sechser im Lotto ist sicher grösser, als von einem Hecht gebissen zu werden. Es war vermutlich fehlgeleiteter Jagdinstinkt.

Und trotzdem soll es zu einem weiteren Fischangriff im Obersee gekommen sein.
Zu diesem Fall kann ich nichts sagen. Er ist weder bestätigt, noch gibt es Bilder davon. Ich kann einzig sagen, dass ich in den zehn Jahren, die ich als Fischereiadjunkt beim Kanton Zürich arbeite, insgesamt erst von drei Fällen erfahren habe, in denen Badende angeblich von Fischen angegriffen wurden – schweizweit! Wenn man bedenkt, wie viele Menschen täglich in Seen oder Flüssen schwimmen, ist das eine verschwindend kleine Anzahl.

Könnten die Vorfälle mit den hohen Wassertemperaturen zusammenhängen?
Fische werden meines Wissens nicht aggressiver, wenn die Temperaturen steigen. Für warmwassertolerante Fische wie Karpfen, Egli oder eben Hechte stellen die aktuellen Seewassertemperaturen ohnehin kein Problem dar. Auch für Badende gibt es absolut keinen Grund zur Sorge. Das Risiko, bei uns von einem Fisch attackiert zu werden, ist wohl vergleichbar mit jenem, an Land von einem Spatz angegriffen zu werden. Ich werde jedenfalls weiterhin mit meinen Kindern im See schwimmen gehen.

Erstellt: 13.07.2015, 16:11 Uhr

«Das Risiko, bei uns von einem Fisch attackiert zu werden, ist wohl vergleichbar mit jenem, an Land von einem Spatz angegriffen zu werden»: Andreas Hertig, Fischereiadjunkt beim Amt für Landschaft und Natur des Kantons Zürich. (Bild: zvg)

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