«Ich kann in Zürich mehr bewegen als in Bern»

Bastien Girod will Zürcher Stadtrat werden. Die Kandidatur verspricht eine spannende Ausmarchung bei den Grünen – denn da gibt es die Frauenfrage.

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Vergangene Woche hat der grüne Nationalrat Bastien Girod eine Onlineumfrage lanciert: «Soll ich für den Stadtrat kandidieren?», lautete die Frage. Er stellte sie seinen Unterstützern und auch Journalisten – und Doris Fiala, die ebenfalls für den Stadtrat kandidieren will. Jetzt hat der grüne Nationalrat die Resultate ausgewertet und entschieden: «Ja, ich stelle mich für eine Stadtratskandidatur zur Verfügung.»

Was hat die Umfrage für ein Resultat hervorgebracht?
Das Resultat war überraschend klar. 70 Prozent der Antworten der Unterstützenden und Sympathisanten haben sich für meine Kandidatur ausgesprochen. Es sind auch sehr viele ermunternde Worte eingetroffen.

Sie haben sich also durch die Umfrage Mut geholt?
Das war nicht das Ziel. Ich habe meine Entscheidung wirklich davon abhängig gemacht, ob meine Basis eine Kandidatur unterstützen würde. Dass es so sein würde, wusste ich am Anfang nicht. Es war also auch ein Risiko. Aber klar: Das Resultat motiviert.

Sie sagen zwar, das Resultat überrasche Sie. Aber eine Umfrage unter den eigenen Fans: War das nicht einfach PR?
So einfach ist es nicht. Einige, die mich sonst unterstützen, rieten mir nun von einer Kandidatur ab. Ich bin lokal weniger vernetzt wie Karin Rykart Sutter, die ebenfalls in den Stadtrat möchte. Die Umfrage gab mir ein Gesamtbild. Gleichzeitig möchte ich die Menschen von Beginn weg mitnehmen.

Was war das Hauptargument für eine Kandidatur?
Es kristallisierten sich zwei Punkte heraus. Erstens die Wahlchance. Zweitens die Kompetenz.

Das heisst?
Meine Unterstützerinnen und Unterstützer glauben daran, dass ich einen zweiten Sitz für die Grünen gewinnen könnte. Zudem bringe ich mit zehn Jahren Erfahrung in der nationalen Politik und meinem beruflichen ETH-Hintergrund gute Voraussetzungen mit.

Und was waren die Gegenargumente?
Das häufigste Argument war, dass ich in Bern mehr für die grüne Politik bewegen könne als in Zürich.

Umfrage

Würden Sie Bastien Girod in den Stadtrat wählen?





Sie klingen nicht überzeugt.
Nein, ich bin überzeugt, im Stadtrat mehr bewegen zu können. Anliegen wie Kinderbetreuungsplätze, durchgehende Velowege, bezahlbare Wohnungen oder Atomausstieg haben in Zürich eine klare Mehrheit in der Bevölkerung. Im Stadtrat könnte ich den Spielraum nutzen, um grüne Anliegen umzusetzen und damit deren Vorteil für mehr Lebensqualität und tiefere Wohnkosten aufzuzeigen. Das hat auch national mehr Wirkung. Hier könnte ich meine berufliche Erfahrung einbringen und nachhaltige Lösungen finden. Das kann ich im Nationalrat aufgrund der Mehrheitsverhältnisse nur begrenzt.

Ihr Nationalratskollege Balthasar Glättli hat auf ein Stadtratskandidatur verzichtet, weil sich die Grünen keine Doppel-Männer-Kandidatur erlauben könnten. Er empfiehlt Gemeinderätin Karin Rykart Sutter. Sie ignorieren die Zebra-Politik der Grünen, jeweils einen Mann und eine Frau ins Rennen zu schicken.
Nein, das war auch ein Grund für meine Umfrage. Man muss aber beachten, dass wir derzeit zwei Männer im Nationalrat sind. Gemeinderätin Katharina Prelicz-Huber könnte meinen Sitz im Nationalrat übernehmen. Damit wäre dort das Zebra wiederhergestellt.

Die Doppel-Männer-Kandidatur mit Markus Knauss und Daniel Leupi scheiterte 2014. Die Grünen haben den Sitz von Ruth Genner verloren.
Dass es Markus Knauss nicht gelang, ist damit zu erklären, dass die FDP mit Filippo Leutenegger eine bekannte Person aufgestellt hat, die mehr Stimmen erzielte. Bei meiner Ständeratskandidatur erzielte ich in der Stadt Zürich mehr Stimmen als der wohl populärste bürgerliche Politiker im Kanton Zürich, Ruedi Noser (FDP). Deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir mit meiner Kandidatur mehr Stimmen als die Hardliner machen können, welche die Bürgerlichen für den Stadtrat aufstellen wollen.

Es gibt Stimmen, die deuten Ihre Kandidatur als arrogant. Bereits bei den Ständeratswahlen haben Sie sich vor eine Frau geschoben.
Ich wüsste gerne, wer das so sieht. Wer mich kennt, weiss: Ich bin nicht arrogant. Solche Stimmungsmache ist nicht konstruktiv. Bei der Ausmarchung sollten konkrete Argumente und Inhalte im Vordergrund stehen. Auf dieser Basis soll dann die Mitgliederversammlung der Grünen am 4. Juli entscheiden.

Sie haben Ihre Umfrage auch an Doris Fiala geschickt. Sie hat sich auf Facebook darüber lustig gemacht. Was hat sie geantwortet?
Die Umfrage ging an alle, die meinen Newsletter lesen. Ich schliesse da niemanden aus, auch Kollegin Doris Fiala nicht. Sie hat ihren Link gepostet. Daraufhin haben 65 Personen mit ihrem Link an der Umfrage teilgenommen. Ich gehe davon aus, das war nicht sie alleine. (lacht) Aber es ist klar: Die Bürgerlichen wollen nicht, dass ich antrete. Und das ermutigt mich umso mehr. Es geht mir mit meiner Kandidatur gerade darum, den bürgerlichen Angriff zu kontern.

Erstellt: 03.05.2017, 12:44 Uhr

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