«Ich selbst habe einen tiefen Ekel vor Gewalt»

Der umstrittene Künstler Philipp Ruch verteidigt seine Aktionen gegen Roger Köppel.


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Heute Abend will der Aktionskünstler Philipp Ruch mit einem Voodoo-Priester nach Küsnacht fahren, um dort Roger Köppel, den SVP-Nationalrat und «Weltwoche»-Herausgeber, von den «bösen Geistern» zu befreien. Der angekündigte Gang an die Goldküste hat hohe Wellen geworfen. Der Tenor, der sich durch die politischen und kulturellen Lager zieht: Damit habe der Berliner Künstler mit Schweizer Wurzeln eine Grenze überschritten. Konsequenzen werden gefordert – auch für das Theater Neumarkt.

Als wir am Donnerstagnachmittag im Theater eintreffen, um den Aktionskünstler zu befragen, gibt man sich trotz der Empörung gelassen. Auch Philipp Ruch, der mit «summa cum laude» zum Thema «Ehre und Recht» promovierte, ist weiterhin von seinem künstlerischen Vorhaben überzeugt. Dabei lässt er immer mal wieder seine Ironie aufblitzen. Auch gibt er zu verstehen, dass er mit den Medien als verlängertem Arm seiner Happenings zu spielen weiss. Ob eine TV-Kamera oder ein Videogerät läuft – Philipp Ruch, stets mit bemaltem Gesicht auftretend, passt sich der Situation an: Er treibt ein Spiel – und ist dabei bereit, ans Äusserste zu gehen.

Im Herbst haben Sie im Magazin «Surprise» einen «künstlerischen» Mordaufruf gegen Roger Köppel platziert. Was hätten Sie getan, wenn jemand dies ausgeführt hätte?
Das wird nicht geschehen. Die Kunst ist vielmehr dafür da, gewisse Dinge vorwegzunehmen, damit sie nicht passieren können.

Sie wollten also nicht, dass Köppel etwas angetan wird?
Nein, sonst hätten wir die russische Mafia auf ihn angesetzt. Ich selber habe einen tiefen Ekel vor Gewalt: Wo Gewalt beginnt, ist Kunst am Ende.

Sie können also ausschliessen, dass jemand Ihrem Mordaufruf Folge leisten könnte?
Das kann ich. Ich bin hier aufgewachsen, ich kenne die Schweiz sehr gut. In Deutschland hätte ich bei einer solchen Aktion etwas Bauchschmerzen, weil es radikale Kräfte gibt. Aber hier in der Schweiz kann ich das ausschliessen.

Warum haben Sie dann damals die Anzeige veröffentlicht, wenn Sie Köppel gar nichts Böses wollen?
Das war doch eindeutig: Als Werbung für das Stück, das wir damals in Dortmund aufführen wollten. Wir hätten den Saal sonst nicht vollgekriegt.

Kennen Sie das eigentlich selbst, Drohungen zu erhalten?
Ja, das erleben wir dauernd. In Deutschland gibt es seit einiger Zeit eine Masche: Jemand ruft bei der Polizei an, gibt sich zum Beispiel als Philipp Ruch aus und sagt, ich habe gerade meine Frau um­gebracht. Ich wohne dort und dort. Die staatlichen Organe sind in einem solchen Fall verpflichtet, auszurücken und die Wohnung zu stürmen.

Hatten Sie deshalb schon Angst?
Nein, und ich werde auch dann noch keine Angst haben, wenn man mich mit einem Maschinengewehr bedroht. Dass der politische Gegner Faxen macht, ist bekannt.

Jetzt planen Sie schon wieder eine Aktion zu Köppel. Warum gehen Sie immer auf diesen Politiker los?
Ich halte Roger Köppel für eine Bedrohung der öffentlichen Meinung, an die man sich schon viel zu stark gewöhnt hat. Die «Weltwoche» gleicht in der Aufmachung ihrer Titelseiten und ihrer Artikel zusehends dem «Stürmer» des Nazi-Hetzers Julius Streicher. Vor zwanzig Jahren wäre das nicht denkbar gewesen, dass eine rechtsradikale Partei wie die SVP die öffentliche Meinung derart dominiert und sich anschickt, nach der «Weltwoche» und der «Basler Zeitung» auch noch die NZZ zu übernehmen. Die SVP geriert sich als grosse Volkspartei, ist aber das Projekt eines Multimilliardärs, der seit mehr als zwei Jahrzehnten diese Partei stützt.

Warum stürzen Sie sich denn nicht auf Blocher?
Roger Köppel ist der Vordenker der SVP. Und wer sonst sollte denn Blocher dereinst beerben?

«Ich halte Roger Köppel für eine Bedrohung», sagt Philipp Ruch. Foto: Thomas Egli

Mit Ihren dauernden Angriffen gegen Köppel betreiben Sie doch eine Banalisierung der Politik.
Das glaube ich nicht. Politik ist menschengemacht. Es kommt in der Geschichte immer auf den Einzelnen an. Wenn man die Politik nur strukturalistisch ansieht, wie dies die Linken so gerne tun, dann führt dies zu einer Anonymisierung und Banalisierung der Politik. Die Linke in der Schweiz sagt: Wir sollten Köppel ignorieren, dann machen wir ihn nicht stärker. Ich glaube, dieses Argument ist müde und alt. Köppel hat bei seiner Wahl zum Nationalrat das beste Ergebnis in der Geschichte der SVP erreicht. Es ist Zeit, ihn ernst zu nehmen.

Und das tun Sie, indem Sie einen Voodoo-Exorzismus mit stinkenden Fischen veranstalten?
Ja, wir halten Roger Köppel für einen zutiefst traumatisierten Menschen. Er ist vom Dämon des Nazi-Hetzers Julius Streicher besessen, der ihn zwingt, Woche für Woche Zeitungscover zu ent­wickeln, mit denen gegen Menschen gehetzt wird, die nicht in der Schweiz geboren wurden. Das ist ein Trauma, das wir nicht unterschätzen dürfen. In diesem Sinne wirken wir mit unserer Aktion therapeutisch. Kunst kann heilen.

Die Operation Libero hat doch gezeigt, dass man der Politik der SVP die Stirn bieten kann.
Das sehe ich ganz anders. Ich bin überzeugt, dass die Aktion Libero nicht reicht. Immerhin haben 40 Prozent für die Durchsetzungsinitiative gestimmt. Das sind für mich alles Antihumanisten. Ich bin der Meinung, dass jetzt die Kunst und die Intellektuellen auf den Plan treten müssen.

Wenn jemand nun sagt, das sei schlechte Kunst, was Sie machen?
Dann gebe ich dem recht. Wenn sie richtig gute Kunst sehen wollen, dann müssen sie nach Deutschland kommen und unsere grossen Aktionen sehen, die bis zu 250 000 Euro kosten. Die Ursprungsidee für Zürich war ja, Roger Köppels Haus mit Baggern hochzuheben und seine Wurzeln zu zeigen. Da würde man sehen, dass an diesen Wurzeln Werke wie Hitlers «Mein Kampf» oder «Der Stürmer» von Julius Streicher hängen. Dafür hatte das Theater Neumarkt aber kein Geld. Ich hätte es gern gemacht.

Was erwartet uns am Freitag, wenn Sie nach Küsnacht zum Haus von Köppel ziehen wollen?
Das ist ein Happening. Ich will dem nicht vorgreifen. Es ist daher auch falsch, bereits vorab eine Meinung zu unserer Arbeit zu haben.

Bei Ihnen sind die Ankündigungen doch bereits Teil der künstlerischen Arbeit. Wie bei Ihrem grossen Vorbild Christoph Schlingensief.
Schlingensiefs Arbeiten sind für mich tatsächlich sehr wichtig. Seine Arbeiten wie etwa der «Hamlet» am Schauspielhaus Zürich sind Meilensteine, an denen wir unsere Aktionen messen müssen. In den vergangenen Jahren ist das Erbe von Schlingensief komplett unter den Teppich gekehrt worden. In Deutschland gibt es denn auch nur drei Theater, die mit uns zusammenarbeiten wollen. Deshalb muss man das Theater Neumarkt für seinen Mut loben.

Dem Theater Neumarkt drohen nun Subventionskürzungen, es stehen Jobs auf dem Spiel. Übernehmen Sie die Verantwortung dafür?
Ich kann den Politikern nur raten, dass sie sich mein Stück anschauen, bevor sie Personen die materielle Grundlage entziehen, die keinerlei künstlerische Verantwortung für das zu übernehmen haben, was ich tue.

Erstellt: 17.03.2016, 23:26 Uhr

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