So tickt der Anwalt von Milliardär Urs Schwarzenbach

Anwalt Ulrich Kohli sieht sich an der Seite der Schwächeren. Selbst wenn er Milliardär und Dolder-Eigentümer Urs Schwarzenbach vertritt.

Panama-Firmen seien vorbei, aber einen «Altbestand» betreut er immer noch: Ulrich Kohli in seiner Kanzlei. Foto: Raisa Durandi

Panama-Firmen seien vorbei, aber einen «Altbestand» betreut er immer noch: Ulrich Kohli in seiner Kanzlei. Foto: Raisa Durandi

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Ulrich Kohli und Donald Trump stiegen eine lange Treppe hoch, um auf der Dachebene des 55-stöckigen Hochhauses eine geheime Antenne zu besichtigen. Der Schweizer Anwalt hatte dem Immobilienmogul zwei Appartements in Manhattan abgekauft – zuerst eines im Trump Parc am Central Park im Jahr 1988 und später eines im Trump Palace an der 69th Street. Nun fand er sich auf 190 Metern über Boden wieder, etliche Stockwerke über seiner Wohnung. Und inspizierte zusammen mit dem heutigen US-Präsidenten Gerätschaften, die offenbar der Secret Service benutzte.

Solche Geschichten liebt Ulrich Kohli. Prominenz, Geheimdienst, die Technik von morgen – und er mittendrin.

Anfang dieser Woche hat der Anwalt den «Tages-Anzeiger» in seiner Kanzlei empfangen. Als Vertreter des Milliardärs Urs Schwarzenbach ist er selbst zur öffentlichen Figur geworden. Kohlis Ausrüstung beim Treffen: Macbook, iPad, iPhone, Grossbildschirm – und über ein Dutzend Seiten ausgedruckte Notizen, die er teilweise auf Schriftdeutsch ins Aufnahmegerät des Reporters diktiert.

Der Fürsprecher ist vorsichtig. Nachsteuern von über 100 Millionen Franken sowie Millionenbussen stehen im Raum. Schwarzenbach liegt wegen seiner Kunstaktivitäten mit Zoll- und Steuerbehörden im Clinch, sie werfen dem Eigentümer des Hotels Dolder vor, Kunstschätze nicht korrekt versteuert und unverzollt eingeführt zu haben.

Video – Die Polizei hat im Luxushotel Dolder von Urs Schwarzenbach rund 30 Kunstwerke konfisziert.

Kohli ist mehr als der Vertreter des Milliardärs. Er kennt «den Urs» schon «seit Urzeiten», seit sie in der Schützengesellschaft Küsnacht gemeinsam mit ihren Pistolen auf Zielscheiben feuerten. Später begegneten sie sich auf dem Waffenplatz Bure im Jura wieder, Gebirgsinfanterist Schwarzenbach besuchte die Panzertruppen, wo Kohli es später bis zum Oberstleutnant gebracht hat. Aus der Militärkameradschaft wurde eine Geschäftsbeziehung, und der Anwalt wurde zum Co-Baumeister des Firmenreichs des Devisenhändlers. «Unsere Beziehung ist freundschaftlich, aber distanziert», sagt Kohli. Urs Schwarzenbach selbst wollte für dieses Porträt keine Fragen beantworten.

Der Offshorearchitekt

Allzu distanziert kann zumindest die Geschäftsbeziehung nicht sein. Gemäss Recherchen des TA betreut Kohli Gesellschaften in der Schweiz, in England, Panama und Liberia, die zu Schwarzenbachs Universum gehören – teilweise seit über zwanzig Jahren. Er ist ein Spezialist für Offshorefirmen, deswegen stand er schon mehrmals im Fokus der Medien. Hängen geblieben ist nichts. «Ich bin noch nie angeklagt worden, nicht einmal im Strassenverkehr, da blieb es bei Ordnungsbussen», sagt er. Seine Kanzlei sei letztes Jahr gleich zweimal von der Selbstregulierungsorganisation des Anwaltsverbands durchleuchtet worden. Und habe zweimal Bestnoten erzielt.

Jetzt, im Fall Schwarzenbach, haben die Behörden Kohli aber als «Auskunftsperson» befragt, wie das Finanzportal «Inside Paradeplatz» aufdeckte. Das ist ein Mittelding zwischen Zeuge und Angeschuldigtem, bei dem ein Tatbeitrag nicht gänzlich ausgeschlossen werden kann. Kohli will zu diesem Punkt nicht in die Details gehen. Stattdessen attackiert er die «Beamtenwillkür» des Zolls: Der Abtransport von Kunstwerken im Dolder, der «Bildersturm», sei nur ein «Denkzettel» für Schwarzenbach gewesen.

An jenem Tag übernahm Kohli auch die Rolle des Sprechers. Er war es, der die Presse kontaktierte und den «Überfall» des Zolls anprangerte. So sei er eben, stets auf der Seite der Schwächeren und Angegriffenen. «Wenn Sie prominente Klienten haben, dann kommen Sie als Anwalt auch in den Fokus. Dann stelle ich mich eben in die Feuerlinie, wie der Secret Service des Präsidenten.»

Solche US-Vergleiche tauchen bei Kohli immer wieder auf. Er bewundert die Vereinigten Staaten, seit er in den 70er-Jahren als Chefjurist der Bank Julius Bär nach New York reiste. «Es gibt dort eine enorme Dramatik, die in Europa fehlt. Sie haben die Rassenfrage. Die Todesstrafe. Das organisierte Verbrechen. Die Mafia. Und dann die 19 Geheimdienste von Washington. Dort habe ich gelernt, Thriller zu schreiben.»

Der Schiessstand im Dachstock

Jetzt spricht nicht mehr Anwalt Ulrich Kohli, jetzt redet Autor James Douglas. 14 Romane hat er unter dem Pseudonym publiziert – «Thriller, keine Krimis!». Im neusten Werk stürmen zwei «Allahu Akbar!» schreiende Terroristen das Berner Hotel Bellevue, wo eine israelische Ministerin einen Vortrag hält. Körper werden «durchsiebt», und das Gehirn eines Terroristen «spritzt (. . .) auf die silbernen Lettern ‹Hotel Bellevue›», noch bevor der Prolog zu Ende ist.

Kohlis Faszination für Waffen und Verbrechen geht weit zurück. Er wuchs auf Schloss Schwarzenburg im Kanton Bern auf, der Vater amtete als Gerichtspräsident und Regierungsstatthalter, zum Anwesen gehörte auch das Untersuchungsgefängnis. Der Junge stöberte in Polizeiakten, bekam einen Gefängnisausbruch mit, im Dachstock richtete er einen Schiessstand ein. Auf der amtlichen Schreibmaschine seien die ersten Geschichten entstanden, erzählt er.

1979 machte er sich selbstständig. Eine Karriere in der Zürcher SVP und ein Richteramt am Verwaltungsgericht gab er später auf, um mehr schreiben zu können. Nach eigenen Angaben verkaufte er über 100 000 Bücher, was für einen Schweizer Autor aussergewöhnlich ist. Das Feuilleton schnitt ihn allerdings, wie manchen Thrillerschreiber. In etablierten Zeitungen finden sich nur wenige Douglas-Rezensionen. In der NZZ ist es Oberstleutnant Kohli, der sich in Gastbeiträgen für die Armee einsetzt. James Douglas? Verbannt in die Fussnoten der Artikel.

Die Sean-Connery-Ära

Dabei ist das Alter Ego, aus «James Bond» und «Michael Douglas» zusammengemixt, längst mit Kohli verwachsen. Am Eingang zur Kanzlei ist unter dem Schild «Kohli & Partner Rechtsanwälte» eine zweite Tafel montiert: «James Douglas Operations». Und manchmal vermischen sich die Ebenen – im Fall Schwarzenbach trat Douglas als exklusiver Interviewer auf, der den Milliardär in seinem Anwesen in Marrakesch besuchte. Das Finanzportal «Finews.ch» publizierte das Interview – ohne zu realisieren, dass Kohli ein Mandat für Schwarzenbach hatte, wie die NZZ zuerst berichtete.

Unter Zürcher Anwälten gilt Kohli als kompetent, gmögig, aber auch etwas aus der Zeit gefallen. «Er mag dieses James-Bond-Ding – ich meine die Sean-Connery-Ära», sagt ein Bekannter. Kohli fährt eine rote Corvette, für die «Schweizer Illustrierte» liess er sich in Agentenpose fotografieren, Pistole gezückt. In seinem aktuellen Buch lässt er eine «wunderschöne» und «märchenhaft reiche» Frau auftreten, die sich «mit der Grazie eines Pumas» einem Protagonisten nähert und dabei «den Gürtel ihres Bademantels löste, der sofort von ihrer Schulter glitt».

Inzwischen hat er begonnen, seine Mandate zu reduzieren, altershalber. Aber der Vorwurf, er sei alte Schule, trifft den 74-Jährigen: «Das stimmt hinten und vorne nicht. Ich bin Visionär, ich sehe etwas kommen, bevor es andere merken.» Domizilgesellschaften in Panama etwa seien vorbei, heute gründe man Gesellschaften in den USA. Konfrontiert mit einer Reihe von Panama-Firmen, in denen Kohli weiter aktiv ist, spricht er von «Altbeständen», die er noch betreue. Das seien Mandate von Nicht-EU-Ausländern, die in Europa keine «Tax Exposure» hätten, also keine Steuerprobleme.

Die Sache mit den Klienten ist trickreich für Kohli. Er würde gerne reden, Geschichten erzählen. Ja, Milliardär Hassanal Bolkiah, Sultan des Kleinstaats Brunei, sei sein Klient. Was er genau für ihn tue? Anwaltsgeheimnis. Verbindungen zwischen Schwarzenbach und dem Sultan? Anwaltsgeheimnis. Details zum Klienten Uri Geller, dem «Löffelbieger» und Illusionisten? Anwaltsgeheimnis.

Mit Obama im Harvard Club

Einfacher ist es bei Bekanntschaften, die nicht seine Klienten sind. Bei Donald Trump etwa, den er jeweils an der Weihnachtsparty der Trump-Appartement-Eigentümer traf, oder eben auf dem Dach des Trump Palace. Kohli erzählt: Die mysteriöse Antenne stellte die Kommunikation der US-Präsidenten sicher, wann immer diese in New York weilten – «wer hätte damals gedacht, dass diese Antenne einmal zu Herrn Trumps eigenem Schutz dienen würde?»

Auch Barack Obama habe er getroffen, im New Yorker Harvard Club. Und von George W. Bush besitze er Dankesschreiben. Als Spender sei er in einen «Inner Circle» aufgenommen worden.Diese Geschichten – vermischen sich hier etwa wieder die Ebenen?

Nein, die Antenne existiert. Das US-Portal «Buzzfeed» enthüllte, dass Trump dafür seit 2011 vom Secret Service rund 150'000 Dollar erhielt. Auch zwei Wahlkampfspenden von Kohli sind auffindbar. Eine offizielle US-Spenden-Datenbank weist Überweisungen von total 1300 Dollar aus. Mail an Kohli: Stimmt das so? «Danke für die Info, wird schon stimmen», mailt er zurück. «Gruss, Kohli.»

Erstellt: 23.03.2017, 06:22 Uhr

Razzia im Dolder: Noch keine Schadenersatzklage

Mitarbeiter der Eidgenössischen Zollverwaltung hatten am 7. März Gemälde und Skulpturen aus Hotel Dolder Grand abtransportiert. Bei der mehrstündigen Aktion wurden über 30 Werke im Wert von über 50 Millionen Franken beschlagnahmt. Gleichzeitig durchsuchten die Zollfahnder die Villa Falkenstein an der Schanzengasse im Kreis 7, wo Dolder-Besitzer Urs E. Schwarzenbach sein Family-Office betreibt. Der Grund: Schwarzenbach schuldet dem Zoll Mehrwertsteuer in der Höhe von zwölf Millionen Franken. Dies, weil er Kunstwerke illegal in die Schweiz eingeführt haben soll. Über den momentanen Stand der Untersuchung äussert sich die Eidgenössische Zollverwaltung nicht, man gebe zu laufenden Verfahren keine Auskunft. Nur so viel: Eine von Schwarzenbach angedrohte Schadenersatzklage gegen die Zollverwaltung sei bisher nicht eingegangen.

Nun droht gemäss «Handelszeitung» eine Kunstausstellung in Locarno Opfer des Streits zwischen Zoll und Schwarzenbach zu werden. In der Pinacoteca Comunale von Locarno soll am 9. April eine Ausstellung des Popart-Künstlers Robert Indiana beginnen. Kern der Ausstellung bilden Gemälde und Skulpturen, die Schwarzenbach im Januar als Leihgaben versprochen hat. Dazu gehört auch das vom Zoll in der Lobby des Hotel Dolder abgehängte «New Glory Banner». Wie «Blick online» gestern berichtete, hat Schwarzenbach jetzt jene vier Indiana-Bilder nach Locarno geschickt, die noch in seiner Obhut sind, allerdings ohne den Zoll zu informieren. Schwarzenbach wünscht sich, dass der Zoll die drei noch konfiszierten Indiana-Bilder freigibt. Sein Anwalt habe dafür bereits ein Wiedererwägungsgesuch gestellt. «Jetzt hoffen wir auf einen positiven Bescheid.» Die Pinakothek möchte am liebsten alle sieben Werke zeigen. (hoh)

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