«Die Scooter regen viele Leute wahnsinnig auf»

Zürichs Polizeichefin Karin Rykart zur Gewalt am Utoquai, Klimademos und weshalb es nicht mehr Frauen im Dienst hat.

«Mein Departement ist noch immer sehr männerlastig»: Karin Rykart im Amtshaus I. Foto: Samuel Schalch

«Mein Departement ist noch immer sehr männerlastig»: Karin Rykart im Amtshaus I. Foto: Samuel Schalch

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Frau Rykart, Sie haben im Mai öffentlich gesagt, man müsse sich nicht daran gewöhnen, dass das Utoquai ein Hotspot der Gewalt sei. Seither gab es allein drei polizeiliche Zeugenaufrufe wegen Krawallen am See. Müssen wir uns doch daran gewöhnen?
Wäre dem so, würde nicht jeder Vorfall solche Wellen werfen. Im Moment sehe ich aber eher die Gefahr, dass immerzu jeder Vorfall als «typisch Utoquai» gilt. Jener vom letzten Samstag war eine andere Art von Gewalt, er hatte mit dem Ort an sich nichts zu tun.

Sondern?
Genaueres kann ich nicht sagen, nur so viel: Es war ein isoliertes Delikt. Der Fall ist jetzt in den Händen von Kantonspolizei und Staatsanwaltschaft.

Dennoch: Haben Sie hart genug durchgegriffen?
Ja. Wir haben die Beleuchtung verbessert, Sträucher geschnitten, temporär Kameras installiert und die Polizeipräsenz stark erhöht. Ich war selbst einmal dort, weil ich wissen wollte, wie die Jugendlichen darauf reagieren. Ich hätte erwartet, dass sie ausweichen. Interessanterweise aber fühlten sich die Jugendlichen sicherer, wenn die Polizei vor Ort war. Aus unserer Sicht hat sich die Lage sehr beruhigt. Im Moment sind keine weiteren Massnahmen nötig.

Der Idee einer «alkoholfreien Zone» haben Sie eine Absage erteilt. Gilt das nur für das Utoquai, oder halten Sie ganz grundsätzlich nichts davon?
Ich glaube grundsätzlich, dass eine solche Zone keine Lösung ist. Die Probleme würden sich wohl einfach verlagern.

Wie stehen Sie allgemein zu Kameras im städtischen Raum?
Die Sache hat zwei Seiten. Ich möchte sicher keine Zustände wie in England, wo Polizisten vor dem Bildschirm sitzen und erst ausrücken, wenn sie ein Delikt sehen. Ich glaube nicht, dass die Menschen permanent überwacht werden möchten. Anderseits ist unbestreitbar, dass Videoüberwachung hilfreich sein kann. Aber man muss sie jeweils gut begründen können.

Öffentliche Kameras sind das eine, private das andere. Braucht es dafür mehr Regeln?
Es gibt eine Diskrepanz, wenn man bei öffentlichen Kameras so strikt ist, über private aber kaum Kontrolle hat. Daran etwas zu ändern, dürfte für die Stadt Zürich schwierig werden.

Sie sagen, die Jugendlichen am Utoquai hätten die Polizei positiv erlebt. Oft ist das ganz anders: Polizisten werden grundlos beschimpft und angegriffen.
Davon höre ich natürlich auch.

Sie selbst haben drei Kinder. Wie sehen die Ihre Arbeit? Reden Sie mit ihnen zum Beispiel darüber, wie weit Klimademos gehen dürfen?
Politik sorgt für Gesprächsstoff bei uns am Küchentisch, meine Arbeit ist aber nicht permanent Thema in der Familie.

Sie haben die Verantwortung für eine Demo-Bewilligung an Ihren Stellvertreter delegiert, weil Ihre Tochter zu den Organisatoren gehörte.
Das war vielleicht ein wenig übervorsichtig – aber für mich hat es so gestimmt.

Als Grüne hegen Sie wohl Sympathien für die Klimademos. Die Aktivisten radikalisieren sich derzeit, blockieren Verkehrsknoten. Ein Dilemma für Sie?
Ich kann das gut trennen. Wenn ich als Polizeivorsteherin eine Demo bewillige, dann spielt meine Haltung keine Rolle. Es geht vor allem darum, ob und wie gut wir bei einer Demo die Sicherheit gewährleisten können.

Apropos Sicherheit: Neben dem Utoquai geben zurzeit vor allem die E-Scooter zu reden, die in immer grösserer Zahl über die Zürcher Strassen und Trottoirs flitzen. Was tun Sie?
Die Scooter regen viele Leute wahnsinnig auf, ich bekomme immer wieder Mails deswegen. Wegen der schlechten Erfahrungen mit O-Bike hat die Stadt eine Bewilligungspflicht eingeführt, so tauchen wenigstens nicht mehr über Nacht unzählige neue Gefährte auf. Und die Polizei hat unter anderem einen Youtube-Film produziert, der zeigt, was man mit den Scootern darf und was nicht. Wenn wir der Ansicht sind, das reiche nicht, werden weitere Schritte folgen.

Was haben Sie im Köcher?
Wir beobachten die Lage genau und werten im Herbst die Erfahrungen der letzten Monate aus.

Eine grössere Kampagne lancierten Sie, um mehr Frauen für den Polizeidienst zu motivieren. Wie ist der Erfolg?
Bei der letzten Vereidigung lag der Frauenanteil bei einem Drittel. Es tut sich also ein bisschen etwas. Das Problem ist unter anderem, dass die Frauen aufhören, wenn sie Mutter werden. Die Frage ist, wie man diese Frauen zurückholt.

Ihre Antwort?
Es ist mir ein grosses Anliegen, dass wir Gesuche um Teilzeitarbeit wohlwollend prüfen, selbst wenn es wegen des Schichtbetriebs kompliziert ist. Und ich versuche immer wieder, die Vorteile aufzuzeigen, die gemischte Teams bei der Arbeit bieten. Auch können Männer sich manchmal nicht vorstellen, wie es ist, wenn man Familie hat. Aber das bessert sich, je mehr Frauen in einem Team sind. Und junge Männer sind tendenziell aufgeschlossener.

Das Stapo-Organigramm weist im obersten Kader zehn Männer aus – und null Frauen. Wann ändert sich das?
Nun ja, das Sicherheitsdepartement ist sehr männerlastig. Den Auftrag des Gemeinderats, im Kader 35 Prozent Frauen einzustellen, werde ich kaum erreichen. Aber wir sind dran.

Erstellt: 16.10.2019, 22:39 Uhr

Grüne Polizeichefin

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Der Bundesrat hat vergangene Woche nach langer Debatte Regeln verabschiedet, die eine Finanzhilfe bis zu 500'000 Franken pro Jahr für derartige Kosten vorsehen. Der Zürcher Sicherheitsdirektor ­Mario Fehr (SP) hat bereits zu ­Beginn des Jahres angekündigt, jenen Teil dieses Geldes, der in den Kanton Zürich fliesst, zu verdoppeln – wenn die Stadt davon wiederum einen Teil übernehme. Dazu bietet Rykart nun Hand. Bedingung sei lediglich, dass es um Projekte auf städtischem Gebiet gehe.

Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) hatte im Mai an der Delegiertenversammlung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes SIG eine solche Unterstützung angekündigt. Der SIG lässt auf Anfrage ausrichten, man freue sich über das Zeichen des Stadtrats. Gleichzeitig schätzt man die Gesamtkosten für die Sicherheit alleine in der schweizerischen jüdischen Gemeinschaft auf 6 bis 7 Millionen Franken pro Jahr. Es seien deshalb weitere Schritte zur Unterstützung nötig. (ms)

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