«Ich wusste nur, wie man die Kamera einschaltet – mehr nicht»

Der Zürcher Regiedebütant Lorenz Nufer hat einen Dokfilm gedreht über Schweizer, die Flüchtlingen helfen. Er erzählt, warum er gar nicht anders konnte.

Am ZFF dabei zu sein, ist für Lorenz Nufer wie ein künstlerisches Nachhausekommen.

Am ZFF dabei zu sein, ist für Lorenz Nufer wie ein künstlerisches Nachhausekommen. Bild: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Lorenz Nufer erzählt anlässlich der Premiere am Zürcher Filmfestival über seinen Erstling:

«Es fühlt sich an wie ein wundersames künstlerisches Nachhausekommen: Mein Debüt als Co-Filmregisseur wird derzeit am Zürcher Filmfestival gezeigt. Wir haben unseren Film Volunteer auch an anderen Festivals eingegeben. Dass er nun ausgerechnet in Zürich erstmals in einem Wettbewerb läuft, freut mich ungemein. Es ist die Stadt, in deren Altstadt ich aufgewachsen bin und in der ich die Mittelschule besucht habe. Für die Schauspielausbildung in Berlin habe ich Zürich vor zwanzig Jahren den Rücken gekehrt. Seither habe ich in Deutschland und Basel meinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt als Schauspieler und Regisseur.

Eigentlich war unser Film gar nicht so angedacht. Mir ist wichtig zu erwähnen, dass ich den Film zusammen mit Anna Thommen produziert habe. Anna schien mir für das Projekt die ideale Partnerin, war sie doch mit Neuland, einem Film über Migranten in einer Basler Integrationsklasse, 2013 äusserst erfolgreich gewesen. Gemeinsam wollten wir nun einen Kurzdoku über die Schweizer drehen, die während der Flüchtlingswelle in Griechenland und auf der Balkanroute freiwillig halfen. Das Material sollte mir später für ein Theaterstück dienen. Wir fuhren gerade zu unserem ersten Drehtag für den Kurzfilm, da sagte Anna auf dem Beifahrersitz zu mir: ‹He, das ist doch eine viel grössere Geschichte. Lass uns gemeinsam einen langen Dokfilm daraus machen.›

«Begonnen hatte alles mit dem Hilferuf meines Cousins.»

Begonnen hatte alles mit dem Hilferuf meines Cousins Michael Räber. Er engagierte gleich zu Beginn der Flüchtlingskrise auf Lesbos und suchte freiwillige Mitstreiter aus der Verwandtschaft. Viele folgten ihm, auch meine Mutter. Seine Hilfsorganisation «schwizerchrüz» erlangte medial grosse Aufmerksamkeit. Ich fühlte mich unter Zugzwang, weil ich auch mithelfen wollte, aber wegen diverser Projekte nicht für längere Zeit ins Ausland gehen konnte.

Also engagierte ich mich auf meine Art – mit der Verarbeitung in einem Theaterstück. Dabei ging es mir nicht primär um die Flüchtlinge, sondern mehr um die Helfer. Warum gehen sie? Was macht das Gehen mit ihnen und was passiert, wenn sie in ihren Alltag zurückkehren? Fragen wie diese trieben mich um. Spannend fand ich auch, was diese Art des Helfens über unsere Gesellschaft aussagt.

Mich interessieren die echten Geschichten von Menschen, jene zwischen Schönheit und Verzweiflung. Egal, ob ich auf der Bühne stehe oder Regie führe: Ich will diese Geschichten erzählen. Deshalb habe ich wohl als erstes auch keinen Spielfilm gedreht, sondern eine Doku.

Lorenz Nufer (l.) und Anna Thommen haben ihren Film zusammen mit Produzent Peter Zwierko am Sonntag erstmals am Zürcher Filmfestival gezeigt. Bild: PD

Im Film erzählen neben meinem Cousin fünf Protagonistinnen und Protagonisten über ihren Weg und ihre Beweggründe, Flüchtlingshelfer zu werden. Einer hat das Gefühl auf den Punkt gebracht: ‹Ich kann die Welt nicht verändern, aber ich kann die Welt der Menschen ­verändern.›

«Ich kann die Welt nicht verändern, aber ich kann die Welt der Menschen ­verändern.»

Mehrmals war ich auch an den neuralgischen Orten. Ich reiste nach Lesbos und Thessaloniki, in die Türkei und an die serbisch-mazedonische Grenze. Im Gepäck die Filmkamera, aber ich wusste einzig, wie man das Gerät ein- und ausschaltet, mehr nicht. Einige meiner Aufnahmen konnten wir aber doch in den Film einbauen.

Zusätzlich haben wir auf viel Fremdmaterial zurückgegriffen. Die Herausforderung war das Zusammenschneiden. Eineinhalb Jahre haben wir dafür gebraucht. Anna und ich haben uns bei all diesen Arbeiten ergänzt. Und ehrlich gesagt: Ich war richtig froh, konnte ich diesen schweren Stoff zusammen mit jemandem reflektieren.

Bei der ersten Vorstellung von Volunteer am Sonntag waren viele meiner alten Gymigspänli anwesend. Sie wollten bei meiner Rückkehr in die alte Heimat dabei sein. Das rührte mich.»

Volunteer, heute, 18.15 Uhr, Filmpodium, sowie Do, 3.10. und Sa, 5.10. (immer in Anwesenheit der Regisseure Lorenz Nufer und Anna Thommen). www.zff.ch

Erstellt: 30.09.2019, 15:27 Uhr

Artikel zum Thema

Migrationsfilme räumen in Solothurn ab

Zwei Dokfilme, zwei Ansätze, ein Thema: Bei den 49. Solothurner Filmtagen gewannen «L'escale» und «Neuland» Jury- und Publikumspreis. Beide befassen sich mit dem Thema Asylpolitik. Mehr...

Berner Flüchtlingshelfer mit «Prix Courage» ausgezeichnet

Michael Räber aus Kiesen BE ist für seinen Einsatz für Flüchtlinge auf der griechischen Insel Lesbos geehrt worden. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...