Die Schattenseite vom Leben in Zürichs Postkarten-Idylle

Es ist ein Privileg, in der Zürcher Altstadt zu leben. Wenn nur der Partylärm nicht wäre und diese Angst, die Bewohnerinnen und Bewohner städtischer Wohnungen plagt.

Was der Bischof-Zwingli sieht: Heerscharen ziehen durch die Altstadt. Manchmal geht vergessen, dass hier auch Menschen wohnen. 
Bild: Urs Jaudas

Was der Bischof-Zwingli sieht: Heerscharen ziehen durch die Altstadt. Manchmal geht vergessen, dass hier auch Menschen wohnen. Bild: Urs Jaudas

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Es ist Sonntagmorgen auf einem der schönsten Plätze Zürichs. Er liegt zwischen Napfgasse und Spiegelgasse, mitten im Niederdorf, und ist doch ganz ruhig. Ein Brunnen plätschert, und ein Mann mit schlohweissem Haar räumt Abfall weg: Bierdosen, ­Zigarettenstummel, Kartonschachteln. Charles Weibel hat das Privileg, hier an der Spiegelgasse zu wohnen. Ja, das ist dort, wo einst Lenin lebte. Seltsam, wie stolz Zürich darauf ist.

Charles Weibel stimmt zu, es sei ein Privileg, hier zu wohnen. Trotzdem hat er manchmal eine Wut im Bauch, lupft es ihm den Hut. Denn dieser Sonntagmorgen ist einer von vielen, an denen er Abfall einsammelt, den Festbrüder achtlos liegen liessen. «Hier herrscht oft Lärm bis in den frühen Morgen, nicht nur an den Wochenenden», sagt er.

Es denkt in einem: Man muss nicht in die Altstadt ziehen, wenn man Ruhe sucht. Weibel scheint den Gedanken lesen zu können: «Das war nicht immer so, das hat in den letzten Jahren enorm zugenommen, die 24-Stunden-­Gesellschaft ist Realität.»

Hier hat Zürich Charme

Der Kreis 1 ist der Ort, wo Zürich seine Wurzeln hat. Hier erinnert Zürich an das, was es einmal war: eine aufstrebende mittelalter­liche Kleinstadt. Als die Bahnhofstrasse noch der Fröschengraben mit seinen ungesunden Ausdünstungen war und der Paradeplatz der Säumarkt. Hier hat Zürich zuweilen Charme. Oberhalb der Trittligasse etwa, wo sich kaum je ein Tourist hin verirrt. Rund um St. Peter, auch am kleinen Pelikanplatz. Und eben, dort, oberhalb des Neumarktes, im Schatten eines der alten ­Geschlechtertürme, wo Charles Weibel den Abfall wegräumt.

1945 lebten in diesem Perimeter 20'000 Menschen, heute sind es noch rund 5500. Die Wohnbevölkerung wurde in der Nachkriegszeit zunehmend von Geschäften und Büros verdrängt. Das Wirtschaftswunder flaute erst in den 1980er-Jahren ab.

Marie-Claire Meienberg und Christine Schmuki wohnen seit Jahrzehnten im Kreis 1. Auch sie sagen: «Es ist ein Privileg, hier zu wohnen.» Meienberg ist Vizepräsidentin des Quartiervereins Altstadt rechts der Limmat, Schmuki Quästorin des Einwohnervereins Altstadt links der Limmat. Die beiden Teile der Altstadt unterscheiden sich in wesentlichen Punkten. Auf der linken Seite ist das Dörfliche weniger spürbar.

Marie-Claire Meienberg vom Quartierverein Altstadt rechts der Limmat. Foto: PD (D. Meienberg)

Kleine Lebensmittelläden verschwinden, mehr als die Hälfte der Gebäude sind nicht Wohnhäuser – im Quartier City gar drei Viertel: Die Banken am Paradeplatz, die grossen Warenhäuser und Hotels an der Bahnhofstrasse, sie tragen nichts zu einem lebendigen Quartierleben bei. «Dafür beschränkt sich der Lärm meist auf die Wochenenden und die warme Jahreszeit», sagt Schmuki. Doch er plagt auch sie, obwohl sie sich als «eindeutig nicht lärmempfindlich» bezeichnet. «Früher war gegen Mitternacht Schluss mit dem Gejohle, heute geht es bis in den frühen Morgen.» Und wenn sie aus ihrem Fenster im zweiten Stock lehnend um Ruhe bitte, werde sie oft einfach blöd angemacht.

Marie-Claire Meienberg zeigt die Lärm-Hotspots in ihrem Quartier: Es sind meist kleine Plätze etwas abseits der belebtesten Strassen, eben dort, wo noch Menschen wohnen – und schlafen möchten. An den Versammlungen der Quartierbewohner sei der Lärm Thema Nummer eins, mit Abstand. Letztes Jahr erhielt die Stadtpolizei 559 Lärmklagen aus dem Kreis 1, neunzig allein im Monat August. Dazu kamen dreissig Einträge wegen Litterings. Es seien vermehrt Patrouillen in den betroffenen Gebieten geplant, vermeldet der Stadtrat am 10. Juli in seiner Antwort auf eine diesbezügliche ­Anfrage im Gemeinderat. Auch werde derzeit eine Lärmschutzstrategie erarbeitet.

Kurt Früh in Farbe

Wir sitzen beim Morgen-Espresso vor der Neumarkt-Bar, und die Welt in der Altstadt ist noch in Ordnung. Das ist das «Dörfli» von früher, Kurt Frühs Filme in Farbe, Oberstadtgass. Da ist der Coiffeur, der vorbeischlendert und grüsst, diese Frau hat eben den Blinddarm operieren müssen, und jener, der dort in der Sonne sitzt und raucht, wird heute 75 Jahre alt.

Gibt es noch Kinder im Quartier? Kaum ist die Frage gestellt, kommt, wie auf Bestellung, eine Frau mit Zwillingen im Kinderwagen und kleinem Mädchen ­an der Hand vom Seiler­graben her die Kopfsteinpflasterstrasse ­hinunter. Es gebe genügend ­Familien mit Kindern in der Umgebung, versichert sie.

Man ist sich einig: Die Durchmischung sei gut, Überalterung kein Thema, auch gebe es keine Anzeichen, dass reiche Ausländer sich die halbe Altstadt für Zweitwohnungen unter den Nagel reissen. «Dank der Stadt», sagt Meienberg. «Dank der Stadt», sagt auch einige Tage später Schmuki, als wir uns in ihrer Wohnung beim Lindenhof treffen. Rund ein Drittel der Häuser in der Altstadt gehören der Stadt oder öffentlichen Einrichtungen. «Die Stadt achtet bei der Wohnungsvergabe sehr darauf, dass die Durchmischung im Quartier gut ist.» Sagt Meienberg, sagt Schmuki.

Christine Schmuki vom Einwohnerverein Altstadt links der Limmat. Foto: PD

Und die Mietpreise seien, verglichen mit denjenigen der Wohnungen, die in privater Hand sind, moderat, zahlbar eben. Obwohl, auch bei den Privaten gebe es gute Vermieter, die meist selbst im Quartier wohnten. Einfach immer weniger.

Das Dilemma

Dann sprechen beide von ihrer Angst, einer Angst, die viele im Quartier spüren. «Ein Damoklesschwert», nennt es Meienberg. Ein Dilemma für viele. Die Belegungsregel der Stadt. Es sei ganz richtig, dass man grössere städtische Wohnungen nicht an Einzelpersonen vermiete.

«Doch wenn langjährige Bewohnerinnen und Bewohner ihre Altstadtwohnungen verlassen müssen, weil die Kinder ausgezogen sind, ist das hart», fährt sie fort. «Für das ganze Quartier», sagt Schmuki. «Man bekommt das Gefühl, die letzten Mohikaner zu sein. Wir halten zusammen, und es wäre schwer, anderswo heimisch zu werden», sagt sie. Obwohl die Welt auch in ihrem Idyll angekommen ist. Mit Lärm und Abfall.

Erstellt: 21.08.2019, 14:46 Uhr

Serie zum Zwinglijahr (Teil 1)

In den nächsten Wochen macht sich Zwingli in Form von speziell gestalteten Polyesterfiguren auf eine Tour durch Zürichs Stadt­kreise. Er will erfahren, weswegen es den Bewohnerinnen und Bewohnern dort den Hut lupft. Wir begleiten ihn dabei. Den Anfang macht der Kreis 1. (net)
Infos: www.zwinglistadt.ch

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