Sie steckt hinter dem Sujet von 2018

Ona Sadkowsky hat das Sujet der Street Parade entworfen. Die Zürcherin ist mit dem Event und der Malerei aufgewachsen. Ihr Motiv hatte sie längst im Kopf.

Ona Sadkowsky sieht in ihren Figuren immer auch ein Stück Selbstporträt. Foto: Fabienne Andreoli

Ona Sadkowsky sieht in ihren Figuren immer auch ein Stück Selbstporträt. Foto: Fabienne Andreoli

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Ona Sadkowsky strahlt, ihre Freude ist echt. Auf dem Tisch ausgebreitet liegt die aktuellste Arbeit der Künstlerin: Farbige, fröhliche Figuren im wilden Tanz, abstrakt, aber mit deutlich menschlichen, manchmal tierischen Zügen. Diese Figuren trifft man zurzeit in ganz Zürich, ja der ganzen Schweiz – Sadkowsky hat die Plakate der Street Parade gestaltet. «Ein unbeschreibliches Gefühl», sagt die 26-Jährige. Und ein Traum, den sie schon ihr halbes Leben gehegt hat.

Das offizielle Plakat der Street Parade 2018 – mit Illustration von Ona Sadkowsky.

Sadkowsky ist in der Zürcher Altstadt beim Bellevue aufgewachsen, quasi neben und mit der Street Parade. In das bunte Treiben, den Ausnahmezustand und die laute Musik hat sie sich früh verliebt. Schon als Kind habe sie in der engen Gasse die Raver beobachtet, vom Sofa aus, das ihre Familie extra dafür vor dem Haus postierte. Eine Familie, in der sie auch früh mit der Kunst in Berührung kam: Ihr Grossvater ist der Zürcher Maler und Autor Alex Sadkowsky. In seinem Atelier und an seinen Vernissagen war sie Stammgast. Und zu Hause zeichnete sie, während ihre Mutter malte.

Sieben Monate lang skizziert

Als Teenager ging Sadkowsky selber an die Street Parade. Nicht mehr als reine Beobachterin, sondern auch als musikbegeisterte Teilnehmerin. Und in dieser Zeit fanden auch diese Begeisterung und das Flair für die Malerei zusammen. Seither will Sadkowsky das Sujet der Technoparade illustrieren. Über Jahre blieb das ein unerfüllter Wunsch. Bis im vergangenen November. Die mittlerweile in der Zürcher Szene etablierte Künstlerin bekam den Auftrag. Ganz ohne ein Korsett klarer Vorgaben.

«Carte blanche, frei in der Gestaltung – eigentlich genau mein Motto», sagt Sadkowsky. Doch in diesem Fall sei das schwierig gewesen. Das Bild der tanzenden Raver habe sie schon als Teenager im Kopf gehabt. Trotzdem brauchte es Jahre später noch sieben Monate und Hunderte von Skizzen, bis die finale Version endlich umgesetzt da war.

Im Prozess: Eine von Sadkowskys Skizzen für das Street-Parade-Sujet. Bild: PD

Geholfen habe das diesjährige Motto «Culture of Tolerance». «Viele Figuren auf dem Plakat sind weder männlich noch weiblich, ihr Geschlecht bleibt bewusst undefiniert», sagt Sadkowsky. «Mich stört die Intoleranz gegenüber Transmenschen oder Homosexuellen – Toleranz, das heisst für mich unter anderem offen sein gegenüber anderen Lebensformen.»

Die Figuren auf dem Plakat drückten für sie Freude, Freundschaft und Freiheit aus. Sadkowsky hält kurz inne und fährt fort: «Unbeschwertheit, Passion, Sommer.» Die Worte sprudeln aus ihr, ihre Gedanken formt sie, während sie redet, Pausen macht sie nur kurz. Als habe sie Angst vor dem Stillstand. Das sagt sie auch über ihren Arbeitsprozess: Sobald sie den Pinsel in der Hand habe, entstehe das Bild in einem inneren Prozess. «Und am liebsten wär ich damit immer schon gleich fertig und würde das Ergebnis allen zeigen.»

Düstere Frauenfiguren

Dem Gefühl und dem Unterbewussten räumt Sadkowsky eine grosse Bedeutung ein. «Letztlich ist jedes meiner Bilder ein Selbstporträt, in jeder Figur stecken wohl ein Stück weit meine Träume, meine Wünsche und meine Fragen.»

Und nicht alle Motive Sadkowskys sind so fröhlich wie die Raver auf dem Plakat. Eine Serie von Frauenfiguren etwa mutet eher düster an: Sie bewegen sich zwischen stolzer Zurschaustellung halb entblösster Körper und dem Schutz mit einer Art Helm, zwischen Stärke und Unterwerfung. Vorbild war ein Porträt der Künstlerin – eine Fotografie, die entstand, nachdem sie ihr damaliges Atelier aufgrund eines Umbaus hatteverlassen müssen. «Das Bild hatte etwas sehr Stolzes und Graziöses – so fühlte ich mich in diesem Moment aber nicht. Ich war traurig, weil ich gehen musste.»

Entblössung und Schutz: «Independent Girl» aus einer Serie von Ona Sadkowsky . Bild: PD

Traurig werde sie auch sein, wenn ihre Plakate wieder aus der Stadt verschwinden, sagt Sadkowsky. Doch erst einmal würde sie jetzt die Street Parade geniessen. Man spürt ihre Vorfreude – und die Begeisterung beim Gedanken, ihre Kunst auch an der Hauptbühne anzutreffen.

Und Sadkowskys nächster grosser Traum? Einer weit weg von der Street Parade und Zürich: «Ich will irgendwann in die USA, dort meine Kunst machen – und davon leben können.»

Weitere Bilder finden Sie auf der Website der Künstlerin. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.08.2018, 04:00 Uhr

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