Ihre Kunst bleibt unverrückbar

Charlotte Schmid gestaltete die erste Zürcher Weihnachtsbeleuchtung, den Tiefbahnhof am Flughafen und den Schweiz-Pavillon an der Expo 1970 in Osaka. Ein Nachruf.

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Charlotte Schmids bekanntestes Werk glüht bis heute nach. Die Grafikerin hat gemeinsam mit Willi Walter und dem Grafiker Paul Leber die erste Weihnachtsbeleuchtung der Zürcher Bahnhofstrasse entwickelt. Der Baldachin sorgte von 1971 bis 2004 für weihnachtliche Stimmung, seinem warmen Licht wurde von 2005 bis 2009 nachgetrauert, seit 2010 ist er modern interpretiert zurück: «Lucy», das ist Schmids Idee des Baldachins aus den 70er-Jahren ins 21. Jahrhundert transferiert. Statt 20'640 Glühbirnen strahlen heute 12'000 LED-Kristalle.

Vorausgegangen war dem Baldachin der viel beachtete Schweizer Pavillon an der Expo 1970 in Osaka. Auch dieser basierte auf einer Idee Schmids, auch dort experimentierten Schmid, Walter und Leber mit Glühbirnen. Sie schufen die «Strahlende Struktur», ein Raumgitter aus Metallstäben, einem Baum nicht unähnlich, das sie mit 32'000 Glühbirnen zum Leuchten brachten. Es gibt Bilder von damals, wie die Japaner vor dem abstrakten Kunstwerk Schlange stehen. Auch dieses Konzept strahlte in die Zukunft: Es war das erste Mal, dass sich die Schweiz an einer Weltausstellung mit einem Pavillon präsentierte, der für sich sprach.

Die Parallelen zu Zumthor

Diese Idee überlebte Osaka. Das zeigte sich im Schweizer Pavillon an der Expo 2000 in Hannover. Vor Peter Zumthors «Klangkörper», dem ebenfalls streng geometrischen Gebilde aus gestapeltem Holz. Der Architekt sagte über sein Projekt, dass «die Schweiz nicht als Verkäuferin ihrer selbst auftritt». Diese Aussage trifft als Kommentar bestens auf die «Strahlende Struktur» zu: Sie stand für die Schweiz, ohne die Schweiz zu zeigen.

Schmid, Walter und Leber arbeiteten nicht nur zusammen, sie lebten auch im selben Haus in Hottingen. Zuoberst Charlotte Schmid und Willi Walter, die miteinander verheiratet waren, einen Stock darunter Paul Leber mit seiner Familie; Leber verstarb 2015.

«Eine unglaubliche Ästhetin»

Charlotte Schmid und ihre Werke dürfen nicht einfach so verschwinden. Das ist die Überzeugung von Helena Helbling, die sich um diesen Nachruf bemüht hat. Die Textil- und Kostümdesignerin war seit den 70er-Jahren mit Charlotte Schmid befreundet, sie beschreibt sie als «elegante, schöne Frau, eine unglaubliche Ästhetin».

So extrovertiert und gesellig Charlotte Schmid war, so zurückhaltend war sie gegenüber ihren Werken.

Die beiden lernten sich am Künstlermaskenball kennen, an dem Schmid nicht einfach teilnahm, sondern den sie bereicherte, wie Helbling sagt. «Ihre Kostüme waren immer wunderbar, sie war immer wunderbar und stach heraus.» Überhaupt war Charlotte Schmid eine, die an der Gesellschaft teilnahm. Da waren vor allem ihre legendären Einladungen zu den monatlichen Frauenabenden, die Helbling in Erinnerung bleiben. Das ganze Haus war akribisch nach einem immer anderen Thema dekoriert, zu den Gästen zählte Künstlerin Manon ebenso wie Grafikerin Lora Lamm oder Modedesignerin Ursula Rodel.

Die Bilder wurden mit der Zeit kleiner

So extrovertiert und gesellig Charlotte Schmid war, so zurückhaltend war sie gegenüber ihren Werken. Sie sei «eher introvertiert» gewesen, was ihre Kunst betraf, sagt Helbling. Im Trio mit ihrem Mann und Paul Leber war sie treibende Kraft und doch immer irgendwie im Hintergrund.

Helbling beschreibt Schmid als unglaublich kreativ und anspruchsvoll, als Frau, «die lange nicht zufrieden war» mit dem, was sie schuf. Wenn sie es denn war, dann sei es ihr vorgekommen, als wäre alles in Schmids Kunst unverrückbar, sagt Helbling. Noch dieses Jahr bekam sie an ihrem Geburtstag ein Bild von Schmid geschenkt, so wie all die Jahre zuvor. Die Bilder seien mit der Zeit kleiner geworden, die Kunst nicht, sagt Helbling.

Überhaupt ist Schmids Werk im öffentlichen Raum präsent – man kennt die Kunst, aber nicht die Künstlerin dahinter.

Von der Bahnhofstrasse aus hat sich das Konzept der Weihnachtsbeleuchtung ausgebreitet. Bald gestaltete das Trio Schmid, Walter, Leber in der ganzen Schweiz Lichterketten, am Neumarkt zum Beispiel ist noch ein «echter Schmid» zu bewundern. Überhaupt ist das Werk von Charlotte Schmid im öffentlichen Raum präsent – man kennt die Kunst, aber nicht die Künstlerin dahinter.

Da sind die 450 Meter langen Wandfriese aus Feueremail im Tiefbahnhof des Flughafens Zürich. Geometrisch klare Formen, jedes Mosaikteil ein in Handarbeit gefertigtes Einzelstück, mit ihnen brachten Schmid und Walter 1979 Farbe in den Untergrund. Oder da sind die drei mehr als vier Meter hohen Fiberglas-Lilien und die Deckenmalerei im Hallenbad Oerlikon (1978). Daneben hat Schmid auch Alltagsgrafik gemacht, etwa Covers für das Kulturmagazin «Du» gestaltet sowie Plakate für Schweizer Filme.

Das Telefon als Verbindung nach draussen

Die letzten Jahre im Leben von Charlotte Schmid waren von ihrer Krankheit geprägt. Sie zog sich aus der Gesellschaft zurück, malte aber weiter. Das Telefon verband sie mit der Welt ausserhalb ihrer Wohnung. Sie selber ging kaum mehr raus, Besuch wollte sie keinen empfangen; sie wollte sich der Gesellschaft nicht mehr zumuten, sagt Helena Helbling.

Am 26. September starb Charlotte Schmid im Alter von 86 Jahren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.10.2018, 16:39 Uhr

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1931 - 2018 (Aufnahme von 1963, aus dem «Du»)

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