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«Im Grossen und Ganzen geht es mir finanziell sehr schlecht»

Dolder-Besitzer Urs Schwarzenbach wehrt sich vor Gericht gegen Millionenforderungen der Zollverwaltung.

Urs Schwarzenbach beim Verlassen des Gerichts. Foto: Walter Bieri (Keystone)
Urs Schwarzenbach beim Verlassen des Gerichts. Foto: Walter Bieri (Keystone)

Er, der in Villen in England, Marokko und St. Moritz residiert und sich zuweilen zwecks freundschaftlichen Besuchs selbst im englischen Königshaus aufhält, trat gestern in einem schmucklosen, kleinen Raum vor den Einzelrichter, um sich gegen schwere Vorwürfe der Eidgenössischen Zollverwaltung zu wehren.

Es geht um wertvolle Kunst, um Werke von Giovanni Segantini über Egon Schiele bis hin zu Amadeo Modigliani. Um einen Schatz von 123 Gemälden, Skulpturen und Zierwaren im Gesamtwert von über 100 Millionen Franken. Die Zollverwaltung wirft Schwarzenbach Mehrwertsteuerhinterziehung im grossen Stil vor. Er habe die Kunstwerke heimlich – also unverzollt – ins Land gebracht und damit 10 Millionen Franken an Abgaben umgangen. In 27 Fällen sieht es die Zollverwaltung zudem als erwiesen an, dass Kunstwerke zwar deklariert wurden, doch aufgrund von falschen Rechnungen. Sie zeigten nur einen Zehntel des tatsächlichen Wertes der Kunstobjekte. Die Oberzolldirektion verurteilte ihn in einer Strafverfügung vom 6. Oktober 2016 deshalb zu einer Busse von vier Millionen Franken. Dies liess Schwarzenbach nicht auf sich sitzen, weshalb es gestern zum Prozess in Bülach kam.

Video: Dolder-Hotelier vor Gericht

Gleich zu Verhandlungsbeginn verlangte Schwarzenbachs Anwalt, die Anklageschrift der Zollbehörde sei wegen Mängel zurückzuweisen. Sie sei diffus und rechtswidrig, enthalte sie doch beispielsweise ungenaue Angaben, wann Schwarzenbach die jeweiligen Bilder in die Schweiz gebracht haben solle. Die Gegenpartei konterte, es liege in der Natur einer Zollumgehung, dass sie heimlich passiere, präzise Angaben zum Zeitpunkt seien deshalb unmöglich. Schwarzenbach, in blauem Anzug und mit Krawatte, die leicht strähnigen, weissen Haare in den Nacken gekämmt, hörte den Kontrahenten praktisch regungslos zu. Dann unterbrach der Richter die Verhandlung, um den Antrag zu prüfen.

In der Pause plauderte der Dolder-Besitzer in aufgeräumter Stimmung mit seinen Beratern – lachte auch mal laut, erzählte ihnen Anekdoten, schien die Runde gut zu unterhalten.

«Lediglich AHV-Bezüger»

Zurück im Gerichtssaal, wies der Richter den Antrag von Schwarzenbachs Anwalt ab und begann die Befragung des Angeschuldigten. Der Richter wollte Genaueres über seine finanzielle Lage wissen. Auf die Frage, ob er in der Schweiz Liegenschaften besitze, antwortete Schwarzenbach, er habe wohl ein oder zwei Immobilien, aber auswendig wisse er das nicht. Und auf die Frage, ob ihm das Hotel Dolder gehöre, meinte er, er sei im Besitz von 97 Prozent der Aktien.

«Aber die hat die Steuerverwaltung zum grössten Teil beschlagnahmt, und den Rest hat der Zoll gesperrt. Mir gehört gar nichts», erklärte er. Er sei lediglich AHV-Bezüger, auf seinen Bankkonten sei ein Minus von zwei Millionen Franken verbucht. «Im Grossen und Ganzen geht es mir finanziell sehr schlecht», führte er aus.

Bilder: Zollbehörde schreitet im Dolder ein

Laut einer Strafverfügung der Zollbehörde hat Schwarzenbach «vorsätzlich» 11 Millionen Franken an Einfuhrsteuern hinterzogen.
Laut einer Strafverfügung der Zollbehörde hat Schwarzenbach «vorsätzlich» 11 Millionen Franken an Einfuhrsteuern hinterzogen.
Gaetan Bally, Keystone
Überreaktion des Zolls: Urs Schwarzenbach, Besitzer des Dolder Grand, wehrte sich nach der Razzia in seinem Haus im März 2017.
Überreaktion des Zolls: Urs Schwarzenbach, Besitzer des Dolder Grand, wehrte sich nach der Razzia in seinem Haus im März 2017.
Nicola Pitaro
Abgesperrt: Der Bereich, in dem die Lastwagen standen, ist für den restlichen Verkehr nicht zugänglich. (7. März 2017)
Abgesperrt: Der Bereich, in dem die Lastwagen standen, ist für den restlichen Verkehr nicht zugänglich. (7. März 2017)
Reto Oeschger
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Weiter wollte der Richter wissen, warum Kunstwerke, die er im Ausland gekauft habe, später bei Razzien der Zollfahndung in der Schweiz aufgetaucht seien – ohne dass sie verzollt worden ­wären. Schwarzenbachs Antwort: «Keine Ahnung. Dazu kann ich nichts ­sagen. Ich weiss nicht, wie die Bilder dorthin gekommen sind.»

«Ich muss ja meine Unterhose auch nicht verzollen.»

Urs Schwarzenbach

Und dabei blieb es. Bei jedem weiteren Fall, zu dem ihn der Richter befragte, sagt der Dolder-Besitzer immer wieder: «Keine Ahnung.» Er könne nichts von dem, was ihm vorgeworfen werde, bestätigen. Alles sei schon viele Jahre her, er könne sich nicht erinnern. Und sowieso bestreite er alles, jeden einzelnen Fall – und zwar vehement. Er habe lediglich einzelne Kunstwerke als Hausrat in die Schweiz gebracht, als er Anfang 2017 von England in die Schweiz zog. Aber die müsse er nicht deklarieren, «ich muss ja meine Unterhose auch nicht verzollen», sagte er dem Richter.

Später brachte Schwarzenbach zu seiner Verteidigung ein ganz grundsätzliches Argument vor: Er stelle infrage, dass die Bilder echt seien. Und für billige Kopien hätte er gar keine Mehrwertsteuer bezahlen müssen, so sein Einwand. «Wir machen hier ein Riesentheater um Ware, für die nie abgeklärt worden ist, ob sie echt ist», sagte er. «Wie wissen Sie, Herr Richter, ob die Bilder echt oder nur wertlose Kopien sind? Hat der Zoll das nachgeprüft?», fragte er. Doch der Richter liess sich nicht aus der Ruhe bringen. «Ich bin der Verfahrensleiter, und ich stelle hier die Fragen», machte er klar.

Die Ermittlungen gegen Schwarzenbach hat der Kunstsammler 2012 mit einem nonchalanten Gang über die grüne Grenze am Privatflughafen Zürich provoziert. Obwohl er Kunstschätze bei sich trug, gab er an, er habe nichts zu deklarieren. Und als ihn die Zöllner kontrollierten, erklärte er, er habe keine Zeit für den bürokratischen Aufwand solcher Zollformalitäten. Auch das darauf eröffnete Strafverfahren schreckte ihn nicht ab: Noch drei weitere Male wurde er erwischt, als er Kunstschätze an den Zöllnern vorbei in die Schweiz bringen wollte.

Es folgten 2013 Razzien der Zollfahnder im Hotel Dolder oder auch in Schwarzenbachs Büro in der Villa Falkenstein in Zürich. Dabei stiessen die Ermittler auf eine Datenbank – Schwarzenbach hatte ihr den Namen «Faust» gegeben –, die umfangreiche Informationen über seine Kunstgeschäfte enthielt. Vor allem fanden die Fahnder darin Angaben, wie die Werke verschoben wurden und wo sie sich befinden. Vor Gericht wollte der Richter gestern deshalb wissen, wem die Kunst denn gehöre, die in der Datenbank aufgeführt sei. Es gebe Einträge von mehr als 10 000 Kunstwerken, erklärte Schwarzenbach, doch über die Besitzerverhältnisse könne er sich nicht äussern. «Ich bin nicht Eigentümer – von keinem einzigen Werk», sagte er. Sie gehörten verschiedenen Personen und Gesellschaften, aber nicht ihm. «Mehr will ich Ihnen nicht sagen, Sie sind ja nicht mein Beichtvater, sondern mein Richter», sagte er mit einem Lachen.

Die Verhandlung geht heute weiter – mit den Plädoyers der Parteien.

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