Bademeister im Kampf gegen Hitze und Handys

Die Arbeit in den Zürcher Freibädern habe sich in den letzten Jahren verändert, sagt Routinier Roman Lepori – nicht nur zum Guten.

Die Rettungsboje braucht der langjährige Bademeister Roman Lepori nur sehr selten. Foto: Sabina Bobst

Die Rettungsboje braucht der langjährige Bademeister Roman Lepori nur sehr selten. Foto: Sabina Bobst

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Klischees zu Bademeistern gibt es viele. Braun gebrannt sitzt er auf seinem Hochsitz, mit Sonnenbrille im Gesicht und Trillerpfeife im Mund. Springt einer vom Beckenrand, pfeift er ihn zurück. Raufen sich zwei im Wasser, ruft er durchs Freibad. Dazwischen hält er einen Schwatz mit den Stammgästen. Er ist ein stolzer Hirte einer planschenden und sich sonnenden Herde, der inoffizielle Herrscher in roten Badehosen.

Was die Badangestellten, so die offizielle Berufsbezeichnung, in den Stadtzürcher Freibädern wirklich machen, ist etwas anderes. Und es zeigt sich nun, in diesen ersten heissen Tagen des Jahres, besonders deutlich: Am Oberen Letten mussten Bademeister in der Mittwochnacht containerweise Abfall verräumen. Am Unteren Letten ist seit kurzem einer allein dafür angestellt, Ungeübte aus dem Rechen zu fischen. Bademeister kleben Pflaster auf, geben Sonnenschirme heraus und bedienen die bei heissen Temperaturen zusätzlich geöffnete Kasse.

Romantik geht anders

Einer, der das alles genauestens weiss, ist Roman Lepori, 52 Jahre alt und bereits in der 18. Saison als Bademeister in Zürcher Freibädern tätig. Die romantisierende Seite des Berufes – den Umgang mit den Gästen, den Arbeitsplatz an der frischen Luft – kennt und schätzt er zwar. Doch mache sie nicht den Hauptteil seines Arbeitsalltages aus. Zentraler sind vielmehr andere, weniger prosaischere Tätigkeiten: Putzen, Reparieren, Kontrollieren.

«Der Job verlangt einem heute mehr ab als noch vor ein paar Jahren.»Roman Lepori, Bademeister

Das ist laut Lepori in den letzten Jahren immer anspruchsvoller geworden. «Der Job verlangt einem heute mehr ab als früher», sagt er. Das liege in erster Linie an den gehäuft auftretenden Hitzetagen und den damit verbundenen Besucheraufmärschen.

Das Freibad Allenmoos, wo Lepori seit einigen Jahren stationiert ist, verzeichnete vorgestern 6300 Eintritte. Das ist Saison­rekord. «Und dies an einem normalen Donnerstag.» 8500 waren es am Mittwoch im Mythenquai, auch dies liegt nur knapp hinter dem letztjährigen Rekord von rund 10'000 Gästen. Vor gewissen Badis im Kanton gab es ungewohnte Bilder: Es bildeten sich am Eingang meterlange Schlangen. «Bei Temperaturen über 30 Grad drückt es die Leute richtiggehend in die Badis hinein», weiss Lepori.

Zwölfstündige Arbeitstage

Für ihn heisst das auch: Arbeitstage, die nicht selten bis zu zwölf Stunden dauern. Er sei manchmal «richtig fertig» nach so einem langen Tag. Dies nicht nur wegen der Sonneneinstrahlung, der er ausgesetzt ist. Sondern auch, weil die vielen Besucher seine ganze Aufmerksamkeit ­beanspruchen. «Bademeister müssen die Antennen stets auf Empfang geschaltet haben», sagt er. Man müsse in grossen Gruppen Unregelmässigkeiten erkennen. Oder wissen, wann sich ­gewisse Leute auffällig bewegten. Oder sehen, wenn andere versuchten, auf einen Vorfall aufmerksam zu machen. Er sei erst einmal in eine Situation gekommen, bei der es um Leben und Tod gegangen sei, sagt Lepori. Und die sei glimpflich verlaufen. Auf den Ernstfall vorbereitet sei er aber die ganze Zeit.

Hinzu kommt für ihn und die anderen Bademeister seit ein paar Jahren noch ein weiteres Problem: Leute, die im Freibad fotografieren oder filmen. Beides ist in hiesigen Freibädern ver­boten und wird geahndet. «Es kommt oft vor, dass Badegäste diese Regel missachten und wir sie zurechtweisen müssen», sagt Lepori. Er berichtet auch von ­Eltern, die aufs Smartphone schauen, anstatt aufs Kind achtzugeben. Ein Phänomen, das erst seit ein paar Jahren zu beobachten sei.

«Bademeister ist ein sehr vielseitiger Job, die positiven Seiten überwiegen für mich.»Roman Lepori, Bademeister

Lepori verbucht den Smartphone-Trend unter dem Begriff Zeitgeist. Dazu gehört für ihn auch die gesteigerte Anspruchshaltung seiner Gäste. «Heute muss alles perfekt sein», sagt er. Sei es das nicht, würden das die Bademeister in Form von Beschwerden rasch zu spüren bekommen. Diese mündeten dann und wann in handfeste Auseinandersetzungen. Früher sei der Alltag noch nicht so perfektioniert gewesen, sagt Lepori. Der Bademeister ist also auch eine Art Sozialarbeiter.

Beklagen möchte sich Lepori deswegen aber nicht. Im Gegenteil: «Bademeister ist ein sehr vielseitiger Job, die positiven ­Seiten überwiegen für mich.» Man kann ihm diese Zufriedenheit auch ansehen, wenn er durch die Badi schlendert und ihn viele mit Vornamen be­grüssen. Er hält einen Schwatz hier, einen dort. Mit ihm durchs Freibad zu gehen, dauert eine gefühlte Ewigkeit. Er ist dann in seinem Element und entspricht genau dem Bild, das man sich von einem Bademeister macht.

Zum Schluss relativiert er das hohe Besucheraufkommen in den hiesigen Freibädern in den letzten Jahren. In den 50er-Jahren, als viele Zürcher Badis gebaut wurden, sei die Jahresbilanz im Allenmoos fast doppelt so hoch gewesen wie heute. «Damals verreisten die Leute weniger, sie genossen den Sommer in Zürich.» 350'000 Eintritte verzeichnete das Bad pro Jahr, mehr als doppelt so viele im Vergleich zu heute. «Alles halb so wild», sagt er. Locker, wie es das Klischee besagt.

Erstellt: 28.06.2019, 22:52 Uhr

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