Im Kern ist der Präsident Brasiliens aus Altpapier

Der Zürcher Marcelo Galvão hat eine Büste von Jair Bolsonaro aus der Zeitung gebaut, die ihn grossgeschrieben hat.

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Wenn am WEF in Davos der brasilianische Präsident seinen Auftritt hat, wenn die Worte Jair Bolsonaros von Davos in die weite Welt gestreamt werden, wenn sich überall auf der Welt und sicher auch in seiner Heimat Journalisten und politische Kommentatorinnen der Ausführungen annehmen, sie analysieren, interpretieren, verarbeiten, dann geht der Plan auf. Der Plan eines anderen Brasilianers in der Schweiz: Marcelo Galvão (53), Künstlername Marcelot, wohnhaft in Zürich. Mit den Berichten über Bolsonaro am WEF schliesst sich der Kreis, den Marcelot in seiner Kunst thematisiert.

«Jair Bolsonaro ist ein Produkt der Medien.»Marcelo Galvão, Künstler

Marcelo Galvão hat sich im vergangenen Jahr wochenlang Jair Bolsonaro gewidmet: Er hat eine Büste aus Zeitungspapier und Wollfäden geschaffen, circa 110 Zentimeter hoch und 20 Kilogramm schwer. Marcelo Galvão sagt: «Jair Bolsonaro ist ein Produkt der Medien.» Das ist der Kreis, von dem der Künstler spricht.

Wer hat ihn erfunden?

Entstanden ist der papierene Präsident während einer dreimonatigen Künstlerresidenz in Galvãos alter Heimat Brasilien. Dort wurde die Büste an der Faculdade Armando Alvarez Penteado (FAAP) ausgestellt, einer Kunsthochschule in São Paulo. Jeden Morgen holte sich Galvão an einem Kiosk einen Stapel «Folha de São Paulo», der Zeitung, die von den Anhängern Bolsonaros als linkes Blatt beschimpft wird, die selber engagiert gegen Bolsonaro angeschrieben hat und weiter anschreibt – und damit am Hype um diesen Mann nicht unschuldig ist. «Denn wer wäre dieser Bolsonaro ohne die Medien?», fragt Galvão. Diese Wahrheit sei unbequem, gerade für die «Folha», beinahe bitter.

Bei der Tageszeitung sei man denn auch nicht gerade erfreut gewesen über das Werk, erzählt Galvão in seinem Atelier in der Zürcher Binz. Überhaupt sei niemand ganz zufrieden damit: «Die Fans, die sich die Büste nach dem Selfie genauer anschauten, empfanden es als Beleidigung, dass ‹ihr› Präsident aus dem Papier ‹der anderen› ist.» Die Gegner des Präsidenten störten sich ebenfalls an der Wahl der Zeitung: der umstrittene Staatschef aus «ihrem» Papier.

«Wichtiger als meine Kunst
sind mir die Diskussionen, die sie auslöst.»
Marcelo Galvão, Künstler

Anfang Jahr zierte Galvãos Büste die Frontseite der Zeitschrift «Época», des brasilianischen Pendants zum deutschen Nachrichtenmagazin «Focus», Auflage rund 500'000 Exemplare. Interessant: «Época» schrieb über Galvão («seine Mission ist es, Personen mit seiner Kunst aus ihrer Komfortzone zu holen»), beschrieb seine Arbeitstechnik («minuziös und detailgetreu»), wertete aber nicht. Weder die Kunst noch ihre politische Dimension. Obwohl es das sei, was er suche: den Dialog über das Werk. «Wichtiger als meine Kunst sind mir die Diskussionen, die sie auslöst», sagt Galvão. Wichtig: Seine Büste sei politisch, er als Marcelot aber nicht parteiisch. Auch wenn er Bolsonaro nicht gewählt hätte.

Napoleon für die Nische

Das Material Zeitungspapier hat Galvão schon lange für sich entdeckt. Wegen seiner Symbolik: Zeitung gleich Information. Sein erstes Werk war ein Obama aus «Financial Times», inzwischen hat er seine Technik verfeinert, ein nahezu perfekter Napoleon aus «Le Monde» steht in seinem Atelier in der Binz – inspiriert von einer leeren Nische in der Villa Medici in Rom, nur mit dem Namen Napoleons beschriftet.

Der 53-Jährige hat sich gerade beim Bayrischen Kulturministerium für ein Projekt in der Villa Massimo in Rom beworben; Teil davon wäre eine Ausstellung in der Glyptothek München, einer Sammlung antiker Skulpturen. Zeitung spielt auch hier eine zentrale Rolle: Aus ihr sind die Kleider der Gottheiten hergestellt, deren Fotografien er den antiken Statuen entgegenstellen will. Aus Zeitung sind der US-Soldat und der IS-Kämpfer, die sich in einer künstlerischen Intervention bekriegen sollen.

Zeitungen aus aller Welt

Vor dem Fenster in der Binz steht ein rohes, mit wenigen Punkten geschweisstes Stahlgerüst, ein Lochblech obendrauf: das Gestell für Emmanuel Macron. Auch ihn wird er aus «Le Monde» fertigen, Angela Merkel wohl aus der «Süddeutschen Zeitung». Trump wird sicher auch hinzukommen, ebenso der russische Präsident Wladimir Putin aus «Prawda», Queen Elizabeth II aus «Daily Telegraph» oder der chinesische Präsident Xi Jinping aus «The People Daily». Sie alle zusammen sind das Werk «Heads of Power», Machtköpfe. Das Projekt existiert in Marcelo Galvãos Kopf. Die Zeitungen schreiben noch daran.

Erstellt: 23.01.2019, 14:41 Uhr

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