Im Rhythmus der Kinder konzipiert

Nicht nur das Äussere der ETH-Krippe an der Clausiusstrasse erregt Aufsehen, sondern auch das Vorbild für das Projekt.

Mit den farbigen Stäben liess sich die Fassade gerundet gestalten.

Mit den farbigen Stäben liess sich die Fassade gerundet gestalten. Bild: Samuel Schalch

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Im zürcherischen Hütten steht ein Lagerhaus mit zwei Rutschen aus dem Obergeschoss. In Paris trägt eine lebensgrosse Plastikgiraffe den Vorbau einer Kinderkrippe. In Karlsruhe entstand zusammen mit dem französischen Künstler Tomi Ungerer ein Kindergarten in Form einer liegenden Katze. In Stockholm gibt es eine Krippe, die an ein knallgelbes Gipfeli erinnert. Damit Kinder einen Bau lieben, muss er in irgendeiner Form aussergewöhnlich sein.

Wer für Kinder baut, muss mit gängigen Architekturströmungen brechen. Verspieltes ist Pflicht. Klare Grundrisse, eintönige Fassaden und offene Räume mögen Dreikäsehochs nicht. Weiche Formen, runde Fenster, knallige Farben, verschlungene Rückzugsorte indes schon.

Das Gebäude hebt sich von den Nebengebäuden ab, ohne aufzufallen. Bild: Samuel Schalch

Das Gebäude der ETH-Kinderkrippe Kikri im Zürcher Hochschulquartier hat keine Rutsche und auch keine Ähnlichkeit mit einer Katze. Man sieht dem Bau von 2012 aber trotzdem an, dass er speziell für Kinder gestaltet wurde: geschwungener Grundriss, farbig verspielte Fassade und grosse Fenster. Das Gebäude hebt sich von den herrschaftlichen Bauten an der Clausiusstrasse ab, ohne aufzufallen. Der fünfgeschossige Bau nimmt die Höhe der Nachbarhäuser auf, die Erker sind rund statt eckig.

Runde Mantellinie

Die ETH-Krippe war bei der Gründung 1972 eine der ersten professionellen Kinderbetreuungen in der Stadt. Deshalb war es der Hochschule ein Anliegen, das Haus für vier altersdurchmischte Gruppen besonders kinderfreundlich zu planen. Zum Wettbewerb eingeladen hat sie nur Architekten mit Kindern.

Als die Zürcher Architekten Natalina Di Iorio und Daniel Boermann sich ans Entwerfen machten, kamen sie bald auf die runde Mantellinie. Diese begrenzt auf jedem Stock den Gruppenraum, der sich in drei kleinere Räume unterteilen lässt. Di Iorio sagt: «Die Form des Raumes entspricht dem Tagesablauf der Kinder: Im ersten Raum spielen sie, im nächsten essen sie, und im übernächsten ziehen sie sich zurück.» In der Vorstellung der Architekten wandern die Kinder durch das Haus wie die Sonne am Himmel, richten sich nach ihr aus, auch nur in übertragenem Sinn.

Die Fassadengestaltung ist eine Folge der Rundungen. Ein Verputz wäre in der Ausführung zu aufwendig gewesen. Also schwenkten die Architekten auf trapezförmige Metallstäbe in Gelb, Rosa, Blau und Grün um und verbauten sie in verschiedenen Rhythmen. Von fern gleicht sich das Farbgemisch dem Ocker der Nachbarhäuser an.

Das Drehhaus in der Po-Ebene

Als symbolisches Vorbild diente den beiden Architekten die Villa Girasole in der Po-Ebene. Das Haus von Angelo Invernizzi aus den 1930er-Jahren dreht sich in einem Tag um die eigene Achse, immer auf den Sonnenstand ausgerichtet. Es gilt als Zeuge des späten italienischen Futurismus.

Video: Eindrücke aus dem Drehhaus Die Villa Girasole in der Po-Ebene. Video: Youtube

Der Zürcher Regisseur Christoph Schaub, bekannt etwa durch seinen Spielfilm «Sternenberg», hat über Il Girasole einen Dokumentarfilm gedreht. Für den Kikri-Neubau diente die Villa als Namensgeberin – Girasole.

Erstellt: 04.02.2018, 17:39 Uhr

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