Immer im Schatten des grossen Dolder

Das Waldhaus steht seit je unter dem Grand Hotel. Bald wird es zum zweiten Mal abgerissen. Letzte Gelegenheit also, sich in dem Gebäude einmal umzusehen.

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Diesem Gebäude am Zürichberg wird ganz bestimmt niemand nachtrauern. Dem Haus darin schon. Man stelle sich das Spektakel vor, wenn das Dolder Waldhaus ab Oktober nicht aufwendig zurückgebaut, sondern – bang! – einfach gesprengt wird. Genauso wie das heimelige Chalet, das zuvor dort oben am Zürichberg thronte.

Wenn dereinst vom alten Dolder die Rede sein wird, dann ist immer noch das Chalet gemeint, der Holzbau, dem die Leute, die ihn noch gekannt haben, bis heute nachtrauern. Einige Butzenscheiben von damals hängen heute im Restaurant, sie werden dem alten Waldhaus auch im Neubau, der 2019 eröffnet wird, weiterhin die Reverenz erweisen. Und mithelfen, dass das Waldhaus, Ausgabe 1975 bis 2016, schnell in Vergessenheit gerät, zur Erinnerungslücke wird.

Bausünde aus der Hochkonjunktur

Die «Schweizer Woche» schrieb in ihrer Ausgabe vom Februar 1989: «Es (…) sieht aus wie eine Bausünde aus der Zeit der Hochkonjunktur. Hart, grau, eckig.» Die Beschreibung des Hotelkomplexes trifft bis heute zu. Es ist ein nach wie vor unglaublich tristes Ensemble aus zwei Gebäuden, mit markanten orangen Balkongeländern, mit Fassadenplatten aus Waschbeton, einem ausgesprochen unrepräsentativen Eingang. Das Hotel dort oben sieht überhaupt nicht aus wie ein Hotel, schon gar nicht wie eines am Zürichberg. Im Kreis 4, hinter dem Lochergut, würde es vielleicht gar nicht so abfallen. Die Taxis, die neben dem Eingang warten, sind beinahe der einzige Hinweis darauf, dass es sich hier nicht um einen Wohnblock oder ein Altersheim handelt.

Es braucht wahnsinnig lange, um die Schönheit dieses turmartigen Baus aus den 70er-Jahren zu erkennen. Dafür reicht die Zeit nicht mehr: Ende September wird das Hotel geschlossen, kurz darauf abgebrochen und durch einen geschwungenen Neubau ersetzt.

Das Hotel – und jetzt sprechen wir von den Zimmern, dem Restaurant, dem Hallenbad, der Lobby – ist nicht so hässlich wie seine Hülle. Innen wurde in den vergangenen Jahren immer wieder renoviert, die Zimmer sind à jour. Und dann sind da auch Highlights: die geschwungene Holzdecke im Hallenbad (das Hallenbad überhaupt hat etwas), die Terrasse und der Park des Restaurants, die grandiose Sicht von den Balkonen der Zimmer über die Stadt und das See­becken, die Lage dort oben, an der Grenze zwischen Stadt und Wald. Und natürlich das Dolderbähnli, dieses wunderschön rumpelnde Ding.

Langeweile ist eine Qualität

Wie aber verabschiedet man ein Hotel, von dem der Direktor selber sagt, es sei die scheue, graue Schwester des Dolder Grand? Der sagt, im Vergleich zum Dolder Grand, das er zuvor führte, seien seine psychologischen Fähigkeiten im Umgang mit den Gästen hier kaum gefragt. Bei dem die Erfahrung zeige, dass, wer auffallen wolle, nicht im Waldhaus absteige. Fasst man die Worte von Thomas Schmid zusammen, dann ist das Waldhaus ein langweiliges Haus im Schatten des Dolder Grand. Sein Fazit über die vergangenen 30 Jahre: «Es passierte eigentlich fast nichts.»

Vielleicht ist aber gerade dieses Unaufgeregte die Qualität des Viersternhauses, das auf zahlreiche Stammgäste zählen kann. Immerhin bezeichnete Sepp Blatter vor einigen Jahren, damals noch Fussballkönig, die Bähnli-Bar im Waldhaus in der «Weltwoche» als seine Lieblingsbar. Ob er bei Alice Gwerder heute noch ein offenes Ohr findet? Man weiss es nicht, man erfährt es nicht. Bardame Alice Gwerder, seit 30 Jahren hinter dem Tresen, wäre von ihren Stammgästen nicht überredet worden, über die Pensionierung hinaus und noch bis zur Schliessung weiterzuarbeiten, wenn sie mit den grossen Namen hausieren würde. Die Rolling Stones waren hier, Opernsänger, Schauspieler und Künstler. «Viele bekannte Gesichter aus Wirtschaft und Politik betrachteten die Bar als ‹gute alte Stube›», sagte Gwerder einmal in einem Interview.

«Es war einfach eine schöne Zeit.»

Bei Hanspeter Graf ist das genau gleich. Die Frage nach prominenten Gästen in all den Jahren – er lächelt sie einfach weg. Seit 36 Jahren arbeitet Graf als Kellner im Restaurant. Es gibt Stammgäste des Hauses und Stammgäste Grafs. Leute, die mit Graf ein inzwischen freundschaftliches Verhältnis pflegen, die explizit nur von ihm bedient werden wollen. Weilt der 64-Jährige einmal in den Ferien, verschieben «seine Gäste» ihren Besuch. Graf nimmt manche Reservationen persönlich entgegen – auf seinem Privatanschluss. In Worte zu fassen, was ihn 36 Jahre im Waldhaus gehalten habe, fällt Graf schwer. «Es war einfach eine schöne Zeit.»

Hanspeter Grafs liebste Anekdote aus dieser Zeit handelt von Hoteldirektor Tobler. Der Mann schaute zum Geld, wortwörtlich: Er war bekannt dafür, mit einem Auge immer nach Geldstücken auf dem Boden zu suchen. Münz, das den Kellnern aus der Hosentasche gerutscht war? War dann Toblers Trinkgeld. Und so liess Graf einmal eine Tausendernote, die er aus der Zeitung ausgeschnitten hatte, neben dem Tischlein fallen, an dem der Direktor zu Mittag ass. Tobler entdeckte sie, griff schnell nach unten und verliess den Tisch, liess den Teller halb voll stehen. Nie, erinnert sich Graf, sei Direktor Tobler dann so enttäuscht aus seinem Büro gekommen.

Erstellt: 31.08.2016, 20:42 Uhr

Ausstellung

Reise durch die Hotelgeschichte

Im Foyer und in der Lobby des Hotels ­Waldhaus wird heute die Ausstellung «From Past to Future» eröffnet. Anhand von mehr als 100 Ausstellungsstücken und Dokumenten wird die 121-jährige Geschichte des Waldhauses nachgezeichnet. Einige der Exponate haben Stammgäste zur Verfügung gestellt: So ein Film aus den 80er-Jahren, den eine Familie aus ihren Ferienerinnerungen zusammengeschnitten hat. Zudem wird das Neubauprojekt ausführlich vorgestellt. (bra)

«From Past to Future», bis 30. September täglich von 8 bis 21 Uhr im Dolder Waldhaus.

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