In Altstetten brechen bei Sonne die Fensterscheiben

Wegen Fassadenmängeln muss der SBB-Prestigebau Westlink saniert werden. Um die Fensterfront des Helvetia-Gebäudes steht es noch schlimmer.

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Um einem Schlossgeist die Schuld zu geben, ist der Westlink in Altstetten – zwischen Bahngleisen und dem Vulkanplatz mit der neuen Tramschleife – viel zu modern. Alu und Glas statt dumpfer Mauern. Und doch knackt es in den 80 Wohnungen und den Büros für 720 SBB-Angestellte wie in einem alten Schloss. Man muss nicht Bauphysiker oder Metallurg sein, um den Poltergeist zu lokalisieren. Sobald die Sonne an die Fassade scheint, knackt und knallt es zwischen Glasscheibe, Alurahmen und Mauerwerk. Thermische Spannungen – eine Binsenwahrheit, die Fensterbauer seit ewig kennen. Und nicht erst seit Oktober 2013, als der Westlink bezogen wurde.

Auf den Geist ging der Geist zuerst den Mietern der 80 Wohnungen. Im letzten Herbst wurde der Wohnteil des Gebäudes im Turm eingerüstet, um jedes einzelne Fenster zu sanieren. Dazu musste jeder Fensterrahmen – im Fachjargon Fensterzargen – aus der Verankerung geschnitten, auf Kunststoffgleiter gelegt, wieder abgedichtet und im Mauerwerk verputzt werden. Ein Meter Aluminium dehnt sich um einen Millimeter aus, wenn es durch die Sonne auf 80 Grad erwärmt wird. Bei den vier bis fünf Meter grossen Fensterrahmen macht das einen halben Zentimeter aus.

SBB-Mediensprecherin Lea Meyer beschrieb den spukenden Schlossgeist im letzten Herbst gegenüber der NZZ so: «Wie eine Münze, die auf einen metallischen Untergrund schlägt.» Den Mietern wurde ­wegen der Unannehmlichkeiten – Netz, Baugerüst, Lärm – eine Mietzinsreduktion gewährt, wie SBB-Mediensprecher Reto Schärli sagt.

Unternehmer müssen zahlen

Auf eine Sanierung der Fassaden im Büro­teil wollten die SBB zuerst verzichten. «Wir gingen davon aus, dass die Knackgeräusche in den Grossraumbüros weniger störend sind», sagt Schärli. Messungen hätten jedoch gezeigt, dass die Intensität und Lautstärke der Geräusche mit jenen im Wohnbereich vergleichbar seien. Deshalb ist seit dem Winter auch der Büro­teil eingerüstet, um die Fensterzargen auf Kunststoffgleiter zu montieren. «Da es sich um einen Baumangel handelt, tragen der Generalunternehmer und dessen Subunternehmer die Kosten», sagt SBB-Sprecher Schärli.

Warum uralte thermische Regeln – aufgewärmtes Metall dehnt sich aus – beim Neubau ausser Acht gelassen wurden, ist angesichts der Komplexität des Projekts schwer zu beantworten. Bauherr waren die SBB-Immobilien. Der Fehler muss gemäss Recherchen zwischen Projektleitung und ausführendem Unternehmer liegen, allenfalls verstärkt durch Kostendruck und Wechsel.

Heute sind die SBB nicht mehr Eigentümerin des Bürogebäudes im Westlink Plaza, sondern bloss noch Mieterin. Per Ende Jahr haben sie das Gebäude, das nun eingerüstet ist, an die Basler Ver­sicherungen verkauft – über den Preis wurde Stillschweigen vereinbart. Hintergrund des Deals: Mit dem «Sale and rent back»-Verfahren will die SBB die Kapital­bindung bei eigengenutzten Büro­gebäuden reduzieren, um die Schuldenseite zu entlasten. Der bereits sanierte Wohnungsturm dagegen ist noch immer im Besitz der SBB.

Glasregen beim Helvetia-Haus

Dass grossflächige Alu- und Glasfassaden ihre Tücken haben, musste 2001 auch die Helvetia-Versicherung erfahren, auf der anderen Seite der Gleise in Alt­stetten. Beim für 24 Millionen Franken sanierten ehemaligen IBM-Haus an der Hohlstrasse 560, sind schon mehrfach ganze Glasscheiben gebrochen und entweder in die Büros gefallen oder in Form eines Scherbenregens auf den Bahnhofplatz geflogen. Das Gebäude wurde 2002 von der Stadt Zürich gar mit einem Preis für gutes Bauen ausgezeichnet. Aus Sicherheits­gründen musste Mitte Januar rund ums Helvetia-Gebäude, in dem auch der Coop eingemietet ist, ein vier Meter hohes kranzförmiges Gerüst gebaut werden. Grund für die Massnahme seien «Mängel an den Glas­scheiben, die zum Bruch führen können», sagt Helvetia-Sprecher Hansjörg Ryser. Die Reparaturen – im Gespräch sind Klebefolien für die Fenster – können frühestens ab Mai vorgenommen werden.

Erstellt: 30.03.2016, 00:59 Uhr

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