In der Bauteilzentrale

Der frisch renovierte Westflügel des Landesmuseums wird morgen eröffnet. Wer ihn betritt, merkt: Da war ein Meister am Werk.

Die räumlichen Bezüge wiederhergestellt: Blick in die frisch renovierte untere Kapelle. Fotos: Sabina Bobst

Die räumlichen Bezüge wiederhergestellt: Blick in die frisch renovierte untere Kapelle. Fotos: Sabina Bobst

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Der Auftrag tönt ein bisschen wie eine Strafe. Als ginge es darum, einem Architekten zu zeigen, wer denn hier der Auftraggeber ist. Die Eidgenossenschaft «bestellte» beim Architekten Gustav Gull ein Landesmuseum.

Sie listete ihm auch gleich eine Reihe von Räumen und Bauteilen auf, die er darin zu verbauen hatte. Historische Zimmer etwa aus der ganzen Schweiz, die bereits zur Sammlung des Nationalmuseums gehörten oder extra fürs neue Landesmuseum angekauft wurden. 1898 wurde der bestellte Bau nach sechs Jahren Bauzeit eröffnet, Gull setzte seinen Auftrag in der Form einer Burg mit Türmen und Türmchen um.

Der Westflügel im Modell: Links schliesst der Erweiterungsbau des Landesmuseums an den renovierten Teil an.

Der Historismus, deren Vertreter Gull war, geriet im Laufe der Zeit in Verruf. Man wirkte ihm im Landesmuseum an einigen Stellen denn auch durchaus brachial entgegen, und das schon früh. Ab den 1920er-Jahren wurden Fenster verdunkelt, Türen und Durchbrüche zugemauert, Fliesen mit Teppich belegt, Friese übermalt, kunstvolle Decken verhängt.

Man kann von dem Tuffsteingebäude halten, was man will (wie man übrigens auch vom Erweiterungsbau der Architekten Christ & Gantenbein halten kann, was man will): Wer nun aber den während dreier Jahre und für 35 Millionen Franken renovierten Westflügel des Landesmuseums betritt und sich auf den Bau einlässt, muss erkennen: Gull, das war ein Meister seines Fachs.

Sie führten den Westflügel in eine Art Urzustand zurück – im Versteckten komplettiert durch moderne Haustechnik.

Mit der Renovation des Westflügels waren wiederum Christ & Gantenbein betraut. Sie führten diesen in eine Art Urzustand zurück – im Versteckten komplettiert durch moderne Haustechnik, Brandschutz, Erdbebenschutz und stabilisiert durch einige statische Eingriffe. Die Geschichte unseres Landes wird hier vor allem anhand historischer Räume erzählt, die sich chronologisch aneinanderreihen.

Nach der Renovation zeigt sich: Einzelne Panele im Oetenbach-Saal werden ausgebaut ausgestellt – damit die Besucher hinter die Fassade sehen.

Da gibt es die Amtsstube aus der Fraumünsterabtei, die Trinkstube aus dem Ratshaus in Mellingen, einen prunkvollen Saal aus dem Palazzo Pestalozzi Chiavenna: Schlichte Fichtenpanele mit moralischen Fabeln zieren den Raum aus dem ehemaligen Kloster Oetenbach in Zürich. Sie wurden alle ausgebaut und restauriert, was dem Museum zu einigen neuen Ausstellungsstücken verhalf. Hinter den Holzverkleidungen fanden die Bauarbeiter nämlich Schuhe, Feuerlöscheimer und altes Werkzeug.

Alles restauriert: Die Säle wurden ausgebaut, aufgefrischt, wieder eingebaut.

Neben den Räumen aus der Sammlung, eine Art vorhandener Möbel, um die Gull sein Gebäude zu legen hatte, baute der Architekt auch Räume nach. Etwa die untere Kapelle, die ein detailgetreuer Nachbau der Kapelle Sankt Michael in Schwyz ist. Zum Glück ist der Bau des Landesmuseums penibel dokumentiert: Die untere Kapelle wurde im Laufe der Zeit geradezu entstellt. Heute fällt wieder Tageslicht in den Raum, lässt die sakralen Ausstellungsstücke je nach Tages- und Jahreszeit anders wirken.

Gulls Bau schafft visuelle Bezüge zwischen den Räumen und zwischen Innen und Aussen, dem Museum und seinem Park.

Die Deckenmalereien sind wieder sichtbar, die Deckenkreuze sorgfältig ausgebildet. In diesem Raum zeigt sich die architektonische Qualität dieses Baus besonders gut. Wie Gull Treppen und Durchgänge angeordnet hat, wie er sogenannte Spolien, Bauteile aus historischen Gebäuden wie etwa dem Grossmünster, ganze Arkaden und historische Fensterfronten zusammengefügt hat, wirkt sehr stimmig. Er schafft visuelle Bezüge zwischen den Räumen und zwischen Innen und Aussen, dem Museum und seinem Park.

Durchblicke schaffen: Die visuellen Bezüge Gulls wurden wiederhergestellt.

Den Ausstellungsmachern ihrerseits ging es darum, im Westflügel Architektur und Sammlung in Einklang zu bringen. Sie hätten einen Bezug zwischen Ausstellung und Bau schaffen wollen, erklärt der zuständige Kurator Luca Tori. Mittelalterliche Schatullen mit Schnitzereien werden in einem Holzzimmer gezeigt, das ebenfalls viel Schnitzerei enthält. Neben dem berühmten St. Galler Globus reihen sich in einer langen Glasvitrine kleine Globen, Sextanten, Sonnenuhren und Zirkel.

Auch dieser Auftrag tönt ein bisschen nach Strafe, diesmal für die Kuratorinnen und Kuratoren.

In einem Vorzimmer stehen Söldneruniformen, als würden sie die dahinterliegenden Räume bewachen, die historischen Waffen, Armbrüste, Degen, Pistolen immer im Blick. Um nicht zu sehr vom Bau und seiner Museumsqualität abzulenken, wird nur sehr reduziert ausgestellt, vielerorts ergänzt durch Touchscreens, mit denen man sich durch die Räume und ihre Geschichte navigieren kann.

Neu für den Westflügel entworfen sind die schlichten Glasvitrinen auf den schwarzen Sockeln, in denen die Gegenstände präsentiert werden. Auch dieser Auftrag tönt ein bisschen nach Strafe, diesmal für die Kuratorinnen und Kuratoren: aus den unzähligen historisch interessanten und wertvollen Gegenständen nur einige wenige auszuwählen.

Erstellt: 10.10.2019, 11:06 Uhr

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