Hier wird der Zürichsee angebohrt

Vor der Badi Mythenquai findet eine spektakuläre Probebohrung statt. Es sind Vorarbeiten für die ZKB-Seilbahn.

Wie bohrt man ins Wasser? Spektakuläre Probebohrung im Zürichsee. Video: Lea Blum

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Fast lautlos und mit einer beeindruckenden Geschwindigkeit bohrt sich die Betonschraube in den Seegrund. Es dauert nur ein paar Minuten, und die Schraube sowie acht Meter Stahlrohr sind im Wasser verschwunden. Erhard Zürcher nickt zufrieden. Eben ist eine Premiere gelungen. Zürcher ist Geschäftsführer der Baufirma Kibag. Sie testet hier ein neues Bauverfahren aus.

Wir befinden uns auf einem Ponton vor der Badi Mythenquai. Hier wird einer der beiden Masten zu stehen kommen, über die ab 2020 eine Umlauf-Seilbahn mit 14 Gondeln zur Blatterwiese und zurück fahren soll. Die Seilbahn ist das Geschenk der Zürcher Kantonalbank an die Bevölkerung zum 150-jährigen Bestehen.

Baugrund wie Zahnpasta

Es ist ein schwieriges Geschenk, nur schon technisch. Weil an Land kein Platz ist, müssen die Masten im zehn Meter tiefen Wasser aufgestellt werden, und dort ist der Baugrund, freundlich ausgedrückt, lausig. Die ersten etwa dreissig Meter sind Schlamm von der Konsistenz von Zahnpasta. Darunter besteht der Boden zwar noch immer aus weichen Sedimenten, aber er ist komprimiert und damit etwas fester. 60 Meter Tiefe muss erreichen, wer hier einen Seilbahnmast verankern will. Denn ein fast 80 Meter hoher Mast, das liegt in der Natur der Sache, ist ziemlich windanfällig.

Üblicherweise würde man in dieser Situation einen Pfahl in den Boden rammen. Aber das ist in diesem Fall ein Problem. «Im städtischen Raum zu pfählen ist schwierig», sagt Erhard Zürcher, «es kommt zu Erschütterungen, und die Lärmimmissionen sind hoch.» Also musste eine Alternative her. Anfangs sahen sich die Verantwortlichen bei jenen um, die regelmässig in grosser Tiefe im Wasser Dinge verankern: Bei den Erbauern von Ölplattformen im Meer. Aber Ingenieur Thomas Espinosa musste einsehen, dass man damit nicht weiterkäme: «Die Maschinen, die sie dort benutzen, sind viel zu gross und zu brachial.»

60 Schrauben pro Mast

Die Lösung fand sich in Form einer Schraube aus Beton, welche die Kibag eigens für die Seeseilbahn entwickelt hat: 55 Zentimeter dick ist sie und 8 Meter lang. Die untere Spitze besteht aus Stahl – das Ding sieht aus wie eine überdimensionierte Selbstbohrschraube, wie sie jeder Heimwerker kennt. Oben ist die Betonschraube mit einem acht Meter langen Stahlrohr verbunden. Immer wenn das Rohr nur noch knapp über die Wasseroberfläche ragt, wird das nächste Rohr aufgeschweisst. Insgesamt braucht es pro Seilbahnmast 60 solcher Schrauben. Und was, wenn eine feststeckt, etwa weil sie auf einen Findling trifft? «Wir können, wenn nötig, zusätzliche Schrauben platzieren», sagt Kibag-Geschäftsführer Zürcher.

Die Schraube, die jetzt in den Seeboden gedreht wird, sie wird nie eine Plattform halten. Es ist eine reine Probebohrung, die zeigen soll, ob sich die nötige Tiefe erreichen lässt. Bis in vierzig Meter Tiefe ist die Schraube an Land schon eingesetzt worden, aber noch tiefer bohrte bisher noch niemand. Und im See, auf einem Ponton, schon gar nicht. Nach dem Test verbleibt die Schraube, wo sie ist. Für die Umwelt sei das kein Problem, im Gegenteil, sagt Ingenieur Espinosa: «Die Belastung wäre viel höher, würden wir sie wieder aus dem Boden holen.»

Mit der einen Probebohrung ist es aber noch nicht getan. Im Dezember und Januar werden weitere Tests stattfinden, dieses Mal auf der anderen Seeseite. Sie werden zeigen, ob die Schrauben genügend Druck und Zug aushalten, um die Seilbahn tatsächlich tragen zu können.

2000 Unterschriften dagegen

Eine ganz andere Sache ist das Bewilligungsverfahren. Die Probebohrungen sind bewilligt, aber eine Baubewilligung hat die Bahn noch keine. Erst Anfang November wird die Kantonalbank die nötigen Unterlagen beim Bundesamt für Verkehr einreichen, das für die Bewilligung zuständig ist. Ab 9. November liegt das Projekt dann öffentlich auf.

Der Widerstand gegen die Bahn, die fünf Jahre in Betrieb sein soll, ist gross. Das Komitee Pro Badi Mythenquai hat 2000 Unterschriften dagegen gesammelt. Anwohner fürchten Mehrverkehr und Trubel, und sie stören sich an den hohen Masten. Die ZKB hält dem das Resultat einer Umfrage entgegen. «85 Prozent der Zürcherinnen und Zürcher unterstützen das Projekt», sagt ZKB-CEO Martin Scholl. Auch der Zürcher Stadtrat ist dafür. Die Bahn könne «eine Diskussion über die Zukunft der Mobilität anregen», argumentiert er. Ausserdem gebe es für die Bahn keine vergünstigen Retour-Tickets. Das verhindere, dass Ausflügler mit dem Auto anreisen, einmal über den See und zurück fahren und wieder wegfahren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.10.2018, 11:52 Uhr

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