In Zürich eskaliert ein bizarrer Streit um Krebs-OPs

Angefangen hat es als Zerwürfnis zwischen zwei Alphatieren, nun geht es darum, wer komplexe Knochentumore behandeln darf: Balgrist oder Unispital.

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In dieser Geschichte geht es um Macht und Konkurrenz. Aber auch um hoch spezialisierte Medizin und die Behandlung von Patientinnen und Patienten, die an einem Knochentumor leiden. Involviert sind: die orthopädische Universitätsklinik Balgrist und deren Trägerverein, den Alt-Regierungsrätin Rita Fuhrer (SVP) präsidiert; der langjährige Ombudsmann Thomas Faesi (SVP), der kürzlich sein Amt abgegeben hat; das Universitätsspital Zürich; die Gesundheitsdirektion mit Thomas Heiniger (FDP) an der Spitze; der Gesamtregierungsrat; und seit kurzem nun auch noch der Kantonsrat. Das Parlament, aufgeschreckt durch einen Bericht des Ombudsmannes, will eine Spezialkommission einsetzen, die den Fall untersucht.

Alt-Ombudsmann Faesi hat die Umstände geprüft, unter denen die Gesundheitsdirektion (GD) dem Unispital einen Leistungsauftrag für die Behandlung von Knochentumoren erteilte, wofür bisher allein der Balgrist zuständig war. Faesi erhebt schwere Vorwürfe an die GD. Diese habe das rechtliche Gehör des Balgrist verletzt, sie habe ihr Ermessen missbraucht und «nicht frei von Willkür» gehandelt. Und Faesi rügt die Direktion, weil sie ihm teilweise die Akteneinsicht verwehrt habe.

Die Folgen einer Kündigung 

Was ist passiert? Angefangen hat alles mit einer Kündigung. Im Juni 2016 löste der Balgrist das Arbeitsverhältnis mit dem Leiter der Abteilung Tumorchirurgie auf. Professor F. hatte seit 2004 am Balgrist gearbeitet und, in Kooperation mit Spezialisten von Unispital und Kispi, das Sarkomzentrum Zürich aufgebaut. Dort wird das Wissen über Knochen- und Weichteiltumoren – in der Fachsprache Sarkome – gebündelt, und im Sarkomboard werden Patientinnen und Patienten mit solchen Tumoren interdisziplinär abgeklärt, um für sie die beste Therapie zu finden.

Professor F. gilt in Fachkreisen als Kapazität in der ortho­pädischen Tumorchirurgie. Am Balgrist führte er jährlich über 100 Operationen durch, darunter grosse mehrstündige Eingriffe bei Knochentumoren. Diese fanden manchmal auch im Universitätsspital statt, zusammen mit den dortigen Wiederherstellungs­chirurgen.

Die Eingriffe an Knochentumoren sind in der Regel komplizierter als jene bei Weichteiltumoren, und sie sind seltener. Deshalb zählen sie zur spezialisierten Medizin, und es gilt eine Mindestfallzahl von 10 Eingriffen pro Jahr. Mit der Vorgabe will die Gesundheitsdirektion verhindern, dass an einem Spital unerfahrene Chirurgen Gelegenheitsoperationen durchführen.

Die Leitung übernahm ein junger Oberarzt. Was danach passierte, steht im 40-seitigen Ombudsbericht.

Der Balgrist erreichte die Mindestfallzahl jeweils problemlos, da er als einziges Spital im Kanton von der GD einen Leistungsauftrag für die Behandlung von Knochentumoren bei Erwachsenen hatte. Alles lief eigentlich gut. Bis es zum Bruch zwischen dem Balgrist und Professor F. kam. Über den Kündigungsgrund dürfen die Parteien nichts sagen. Laut TA-Recherchen liegt der Grund nicht in der Qualität der Arbeit von Professor F., sondern in einem Zerwürfnis zwischen zwei Alphatieren am Spital. Professor F. sei beim damaligen Ärztlichen Direktor Christian Gerber, dem starken Mann im Balgrist, in Ungnade gefallen, sagen Insider. Anfänglich habe Gerber den Tumorchirurgen gefördert, doch mit der Zeit habe sich eine persönliche Unverträglichkeit entwickelt. 

Ab Mitte 2016, als sein Vertrag gekündigt wurde, durfte Professor F. keine neuen Patienten mehr annehmen und am Balgrist operieren. Die Leitung der Tumorchirurgie übernahm ein junger Oberarzt. Was danach passierte, lässt sich anhand des 40-seitigen Ombudsberichtes zusammenfassen.

Qualität infrage gestellt

Sarkomspezialisten meldeten sich bei der Gesundheitsdirektion und äusserten Zweifel, ob die Behandlungsqualität am Balgrist nach dem Weggang von Professor F. noch gewährleistet sei. Darauf forderte die Direktion das Spital auf, darzulegen, wie es seinen Leistungsauftrag weiterhin erfülle. Der Balgrist musste die Curricula und die Fallzahlen der entsprechenden Ärzte bei der GD einreichen. Dies tat das Spital innert Wochenfrist; gleichzeitig übernahm Christian Gerber «persönlich die Verantwortung» für die qualitativen Leistungen der orthopädischen Universitätsklinik inklusive Tumorchirurgie.

Drei Wochen später erkundigte sich der Balgrist bei der GD, wie es nun weitergehe, da man nichts mehr gehört habe. Nochmals zehn Tage später antwortete die Gesundheitsdirektion: Der Regierungsrat habe soeben entschieden, dem Universitätsspital Zürich einen bis Ende 2017 befristeten parallelen Leistungsauftrag für Knochentumoren zu erteilen.

Zur Begründung wird im Regierungsbeschluss angeführt, dass die Eingriffe schon bisher teilweise in Kooperation mit dem Unispital durchgeführt werden mussten, weil sie hoch komplex seien und in der Regel weitere Fachgebiete involviert seien. Da die Stelle des Spezialisten am Balgrist neu besetzt wurde, sei «jedenfalls für die kommende Übergangszeit» auch dem Unispital ein Leistungsauftrag zu erteilen, und zwar ab sofort.

In einem Brief an den Balgrist konkretisierte die GD ihre Überlegungen und schrieb, sie habe aufgrund von Hinweisen aus Fachkreisen die Situation ana­lysiert und sei zum Schluss gekommen, die Versorgungslage am Balgrist sei «zumindest unklar», worauf sie in dieser «labilen Situation» mehr Sicherheit schaffen wollte.

Fuhrer bei Heiniger 

Der Balgrist fühlte sich überrumpelt und ungerecht behandelt. Die Spitalverantwortlichen hatten erwartet, dass die Gesundheitsdirektion vor einem solch wichtigen Entscheid mit ihnen reden würde. Und sie kritisierten, dass die GD dem Balgrist indirekt vorwerfe, die Qualifikation seines medizinischen Kader­personals genüge nicht, und der Ärztliche Direktor erfülle seine Pflicht derart ungenügend, dass eine regierungsrätliche Notmassnahme erforderlich sei. Diese Aussagen seien falsch, ruf- und geschäftsschädigend.

Es entwickelte sich ein längerer Briefwechsel zwischen Balgrist und GD, und Balgrist-Präsidentin Rita Fuhrer suchte auch das Gespräch mit Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger. Der Balgrist akzeptierte zwar den Regierungsratsbeschluss, doch er wollte von Heiniger die Zusicherung, dass er ab 2018 wieder allein den Leistungsauftrag für Knochentumoren haben werde. Es mache keinen Sinn, diese seltenen Eingriffe auf zwei Spitäler zu verteilen, und am Balgrist sei dafür mehr Teamkompetenz vorhanden. Der Gesundheitsdirektor hingegen blieb bei seiner Meinung, dass es besser sei, die Versorgung von Knochentumoren mit einem zweiten Leistungsauftrag ans Unispital zu sichern. Auch dieses werde die nötige Mindestfallzahl erreichen.

Konflikt verschärft sich

Statt sich zu entspannen, verschärfte sich der Konflikt. Schliesslich rief der Balgrist den Ombudsmann zu Hilfe. Dieser sollte eine Lösung finden, um die Situation zu bereinigen.

Thomas Faesi startete eine Untersuchung. Doch schon bald verhärteten sich die Fronten auch zwischen ihm und dem Gesundheitsdirektor. Heiniger wies den Ombudsmann darauf hin, dass gemäss Rechtslage der Balgrist weder einen Alleinstellungsanspruch noch eine Mitsprache bei der Vergabe von Leistungsaufträgen durch den Kanton habe. Die GD gab Faesi nicht im geforderten Umfang Akten heraus. Was wiederum den Ombudsmann erzürnte. Schliesslich schrieb Faesi seinen Bericht, in dem die Gesundheitsdirektion ganz schlecht wegkommt.

Sie habe die Situation ungenügend abgeklärt, weil sie von Anfang an ein Ziel gehabt habe: Professor F. einen neuen Wirkungsort und dem Universitätsspital einen Leistungsauftrag zu verschaffen – und später vielleicht sogar dem Balgrist die Knochentumoren ganz wegzunehmen. Der Leistungsauftrag ans Unispital entspreche nicht dem öffentlichen Interesse, sondern diene einzig dazu, einem einzelnen Arzt, nämlich Professor F., eine langfristige Weiterbeschäftigung zu ermöglichen. Die GD habe die Spitalliste «zur Verwirklichung von Interessen verwendet, die dieses Rechts­institut nicht schützt», und habe damit «das Rechtsmissbrauchsverbot verletzt», schreibt der Ombudsmann.

Unispital bevorteilt?

Er wirft der Gesundheitsdirektion vor, das Unispital bevorteilt zu haben, da dieses im Unterschied zum Balgrist weder eine Ärzteliste noch Angaben zur Erfahrung der Operateure liefern musste. «Die GD hat ihr Ermessen zweckwidrig ausgeübt und das Gebot von Treu und Glauben nicht respektiert», schreibt Faesi. «Da damit auch Elemente von Willkür gegeben sind, ist das Vorliegen des Ermessensmissbrauchs zu bejahen.»

Rita Fuhrers Fazit: «Das Vorgehen von Regierungsrat Heiniger ist rechtsstaatlich sehr bedenklich.» Im Balgrist vermutet man, der Gesundheitsdirektor wolle die orthopädische Uniklinik schwächen, um damit auf der anderen Seite das Unispital sowie die Klinik Schulthess zu stärken, die wie der Balgrist auf Orthopädie spezialisiert ist. Denn Heiniger plane, wenn er nächsten Frühling als Regierungsrat aufhört, Präsident der Schulthess-Stiftung zu werden, kolportieren Balgrist-nahe Quellen.

Diese Gerüchte dementiert die Direktorin der Schulthess-Klinik, Andrea Rytz: «Das war noch nie ein Thema, es stimmt in keiner Weise.» Auch Thomas Heiniger stellt klar: «Ich wurde nie angefragt und habe mich selber nie ins Spiel gebracht.»

Der Zürcher Gesundheitsdirektor weist die Vorwürfe des Alt-Ombudsmannes entschieden zurück und sagt, er habe im Interesse der Zürcher Bevölkerung gehandelt, als er einem zweiten Spital den Leistungsauftrag für Knochentumoren gab – «zumal an einem Ort die Situation labil war». Heiniger versteht nicht, wieso die Sache derart eskaliert ist. Die Gesundheitsdirektion habe dem Balgrist ja nichts weggenommen. Sie sei mit den Verantwortlichen des Balgrist in Kontakt gestanden und habe die Situation an beiden Spitälern abgeklärt. «Beide garantierten, dass sie den Auftrag wahrnehmen können.»

Dem Alt-Ombudsmann wirft Heiniger seinerseits vor, Rechte zu verletzen. Konkret: die Persönlichkeitsrechte von Professor F. Denn Faesi nennt in seinem Bericht, den er Ende August an mehrere Institutionen der Politik und des Gesundheitswesens verschickt hat, den Professor beim Namen und schreibt, der Balgrist habe sich «unter Hinweis auf ungenügende Leistungen und unqualifiziertes Verhalten» von ihm getrennt. Laut GD ist das nachweislich falsch. Sie kann belegen, dass die klinische Tätigkeit von Professor F. – gemäss Auskunft des Balgrist selber – klaglos war. Der Bericht von Faesi sei rufschädigend, sagt Heiniger. Und zwar sowohl für den Professor als auch für die Gesundheitsdirektion.

«Ombudsmann einseitig»

Der Gesamtregierungsrat, der den Ombudsbericht ebenfalls erhalten hat, unterstützt Heiniger. In seiner Stellungnahme räumt er zwar ein, der Ombudsmann habe seine Rolle als Vermittler nicht sachgerecht wahrnehmen können, weil die GD nur zurückhaltend Akten herausgegeben und Fragen beantwortet habe. Dies sei aber die Folge eines Vertrauensverlustes gewesen, und dafür sei Faesi verantwortlich.

Er habe den Eindruck, schreibt der Regierungsrat, «dass der damalige Ombudsmann einseitig zugunsten des Beschwerdeführers Partei ergriffen hat» und den Positionen und Argumenten der Gesundheitsdirektion «zu wenig Gewicht beigemessen hat». Der Regierungsrat sieht keinen Anlass, auf seinen Beschluss zurückzukommen. Die Sache ist für ihn abgeschlossen. Thomas Faesi war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Der Fall liegt jetzt beim Kantonsrat. Bis der ihn untersucht hat, wird es eine Weile dauern.

Inzwischen operieren sowohl die Chirurgen am Balgrist als auch Professor F. am Universitätsspital Patientinnen und Patienten mit Knochentumoren. Am Balgrist fanden letztes Jahr 16 solche Eingriffe statt und im laufenden Jahr bisher 10. Das Unispital erreichte die Mindestfallzahl von 10 letztes Jahr auf den Punkt, dieses Jahr hat es sie schon übertroffen.

Der Regierungsrat hat inzwischen beiden Spitälern einen unbefristeten Leistungsauftrag erteilt. Die Spezialisten beider Häuser machen im Sarkomzentrum und im Sarkomboard mit – auch Professor F., der neben dem Unispital in mehreren anderen Spitälern tätig ist und seine Hauptanstellung jetzt im Kantonsspital Winterthur hat. Dort darf er zwar keine Knochentumoren operieren, die häufigeren Weichteilsarkome jedoch sehr wohl.

Schon Diener scheiterte

Laut Angaben von nicht in den Streit involvierten Fachleuten funktioniert die Versorgung der Patienten. Aussenstehende bedauern aber die Konkurrenz zwischen den verschiedenen Spitälern. Nicht nur zwischen Unispital und Balgrist, sondern auch zwischen Balgrist und Schulthess-Klinik. Die Bündelung der Kräfte würde den Medizinstandort Zürich stärken. Doch daran war bereits Heinigers Vorgängerin Verena Diener gescheitert. Sie wollte, als sie vor 20 Jahren mehrere Spitäler schloss, Balgrist und Schulthess zu einer Kooperation bewegen. Doch das schaffte sie nicht, der Widerstand der beiden Häuser war zu gross.

Erstellt: 16.10.2018, 06:47 Uhr

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Gesundheitsdirektor Thomas Heiniger. Foto: Fabienne Andreoli

Alt-Ombudsmann Thomas Faesi. Foto: Sabina Bobst

Alt Regierungsrätin Rita Fuhrer. Foto: Samuel Schalch

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