In Zürich wird noch zu wenig gepurzelt

Wenn es um Geschicklichkeit geht, hinken Stadtzürcher Kindergärtler ihren Altersgenossen auf dem Land hinterher. Die Lösung des Problems ist denkbar einfach.

Bewegung tut gut: Kinder, die sich viel bewegen, lernen ihren Körper besser kennen.

Bewegung tut gut: Kinder, die sich viel bewegen, lernen ihren Körper besser kennen. Bild: Keystone

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Wie machen sich 4- bis 6-Jährige beim Springen, Rollen, Werfen und Fangen? Wie gut können sie prellen und dribbeln? Fällt ihnen Balancieren und Purzelbaumschlagen schwer? Diesen Fragen gingen Wissenschaftler der Universität Basel und der Pädagogischen Hochschulen Schwyz und Zürich nach.

400 Schüler aus Regel- und Bewegungskindergärten haben sie dazu während des Sportunterrichts in einem Postenlauf getestet. Und damit schweizweit erstmals ein Vergleich zwischen den motorischen Basiskompetenzen (Mobak) städtischer und ländlicher Regionen gezogen werden kann, haben sie ihre Untersuchung in 14 Kindergärten der Stadt Zürich und 12 des Kantons Uri durchgeführt.

«Purzelbaum»-Kinder schneiden besser ab

Die Testergebnisse der Mobak-Studie weisen bei den Urner Kindergärtnern deutlich bessere Resultate aus als bei ihren Altersgenossen in der Stadt Zürich. Das sei auf die «stärker eingegrenzten Aktionsräume» der Stadtkinder zurückzuführen, heisst es in der Auswertung der Studie. In einem Punkt zeigte sich aber eine Übereinstimmung zwischen Stadt und Land: Kinder aus «Purzelbaum»-Einrichtungen verfügen im Vergleich zu Regelkindergärten über einen besseren motorischen Leistungsstand. Damit sei erwiesen, dass es sich lohne, Bewegung im pädagogischen Schulkonzept zu integrieren, so die Schlussfolgerung der Studienverfasser.

Die Auswertung der Resultate (Quelle: Motorische Basiskompetenzen von 4- bis 6-Jährigen in der Schweiz)

«Purzelbaum»-Kindergärten verfolgen das Ziel, vielfältige Bewegungsmöglichkeiten in den Schulalltag zu integrieren. Das Motto lautet: Bewegen findet grundsätzlich überall und zu jeder Zeit statt. Drinnen wie draussen, unter Anleitung der Lehrperson oder im freien Spiel. Selbst Bewegungshausaufgaben sind Teil dieser Kindergärten. Die Erfahrung zeigt, dass sich die Kinder in diesen Einrichtungen nicht nur häufiger und sicherer bewegen, sondern auch ihre Konzentrationsfähigkeit zugenommen hat.

100 Kindergärten hat die Stadt Zürich seit 2007 bewegungsfördernd umgestaltet, was einer prozentualen Abdeckung von fast 30 Prozent entspricht. Seit 2016 wird das Konzept «Purzelbaum» auch in 18 Schulklassen der Stadt Zürich umgesetzt, 27 weitere sind in diesem Jahr hinzugekommen. Sowohl Eltern und Schüler als auch Lehrpersonen schätzen diesen Fokus auf die Bewegung im Schulalltag gemäss Schul- und Sport-Departement sehr.

Alle zwei Jahre ein neuer «Purzelbaum»-Kindsgi

Die Resultate der Studie zeigen nun, dass mit diesem Konzept auch Defizite aufgrund des fehlenden Freiraums im urbanen Umfeld wettgemacht werden können. Es stellt sich daher die Frage, weshalb die Stadt Zürich nicht in allen Kindergärten und Schulen auf das Konzept «Purzelbaum» setzt? «Die Ausweitung und nachhaltige Verankerung in den Kindergärten benötigt Zeit. Das Konzept wird aber auf weitere Kindergärten ausgeweitet und langfristig verankert», sagt Alexandra Papandreou von den Schulgesundheitsdiensten der Stadt Zürich.

Die Ausbildung und Begleitung der Lehrpersonen dauert laut Papandreou jeweils zwei Jahre. Somit kommen alle zwei Jahre durchschnittlich 10 neue «Purzelbaum»-Kindergärten hinzu, die über entsprechend ausgebildete Lehrpersonen verfügen und auch bewegungsfreundlich ausgestattet sind.

Die Purzelbaum-Angebote in der Stadt Zürich: Zum Vergrösssern anklicken (Grafik: Schul- und Sportdepartement Stadt Zürich)

Entscheidend bei der Umsetzung des «Purzelbaum»-Konzepts sind die Resultate der sogenannten sportmotorischen Bestandsaufnahmen. Bei diesen regelmässig durchgeführten Tests werden die motorischen Fähigkeiten der Zürcher Erstklässler überprüft. In jenen Schulkreisen, wo die Kinder am schlechtesten abgeschnitten haben, gibt es derzeit die meisten Bewegungskindergärten. Konkret sind das die Schulkreise Schwamendingen, Limmattal, Glattal und Letzi.

Angebote für Kinder mit Übergewicht

Die Studie bestätigen gemäss Zürcher Sportam den eingeschlagenen Weg der Stadt, Bewegung und Sport als Elemente einer ganzheitlichen Bildung in den Kindergärten und der Unterstufe zu verankern. Deshalb werde bei Erweiterungsbauten, Renovationen und Neubauten von Schulanlagen darauf geachtet, dass die Kinder genügend Raum für Bewegung und Sport erhalten und auch die Infrastrukturen diesen Bedürfnissen angepasst werden.

Inzwischen setzt Zürich neben dem Bewegungsangebot während des Schulunterrichts auch auf freiwillige Sportkurse für Schulkinder mit speziellem Förderbedarf. So bietet die Stadt seit 2008 «Movimento»-Kurse an, bei denen die Kinder in allen Schulkreisen diverse Sportlektionen besuchen können. Für Kinder mit Übergewicht, wenig Bewegungserfahrung oder Haltungsproblemen gibt es gleich zwei Angebote: «Minifit» richtet sich an Kindergartenkinder, denen in diesen Kursen durch Spiele und Hindernisparcours mehr Freude an der Bewegung vermittelt wird. Bei «Fit im Wasser» können Schüler ab der 3. Klasse einmal pro Woche unter professioneller Anleitung gratis zum Schwimmunterricht gehen und so ihr Körpergefühl stärken. Hinzu kommen rund 470 Sport-Ferienkurse mit über 8000 Teilnehmenden pro Jahr und weitere rund 500 Kurse während der Schulzeit mit 7400 Teilnehmenden.

Erstellt: 19.11.2018, 15:23 Uhr

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