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In Zürich wird schnell ausgemustert

In Wien ist vieles alt. In Zürich fast alles neu. Das macht die Stadt nicht unbedingt schöner.

Letzte Woche war ich in Wien. Ich fuhr vom Hauptbahnhof mit der Strassenbahn Nummer 18 dem Mariahilfer Gürtel entlang zum Café, wo ich abgemacht hatte. Es war ein altes Tram. Holzsitze, bescheidenes Licht, ruppiger Fahrkomfort. Es gab keine elektronische Anzeige, die Haltestellen wurden von einer Frauenstimme angesagt. Ich hatte das Gefühl, auf einer Zeitreise zu sein; das alte Tram und die Fassaden der Wohnsiedlungen, an denen wir vorbeifuhren, «Gumpendorfer Hof», las ich, «erbaut 1902 im Auftrag der Gemeinde Wien.»

Welcome in Vienna, dachte ich. Ich mochte das Tram. In Zürich wäre es schon ausgemustert worden. In Zürich wird schnell ausgemustert, Häuser, Autos, Geschäfte. Und was die Trams angeht - die Leute sind streng, sie wollen wissen, was mit ihrem Steuergeld passiert. Bald soll das Flexity-Tram auf fahren, unter reger Anteilnahme. Wenn man mich fragt, was Zürich beschäftigt, sind zwei Themen ganz vorne: Der Nachwuchs im Zoo und die neuen Modelle der Strassenbahn.

Wien hat einen langen historischen Atem. Zürich dagegen ist stets aufs Neue aus.

So fantasierte ich, ausgehend vom alten Wiener Tram, eine ganze Theorie zusammen. Auf der einen Seite Wien, grosszügig, mit einem längerem historischen Atem. Auf der anderen Seite Zürich, aufgeräumt, funktional, immer aufs neue Modell aus. Aber muss es immer das Neue sein? Nichts gegen die VBZ, aber vielleicht könnten sie das Geld auch für andere Sachen ausgeben. Zum Beispiel freundliche Wartehäuschen, selbst in verlassenen Gegenden. Ja, gerade dort, um die Menschen willkommen zu heissen. Wir mögen euch, wir findens schön, dass ihr die VBZ benutzt. Das gilt auch für die elektronischen Anzeigetafeln. Warum leuchten sie nur in der Innenstadt? Ist eine Haltestelle über den Bahnhof Enge hinaus schon Agglomeration?

Zu Hause ging ich ins Internet. Der 18er fährt in Wien meistens noch mit einem Hochflurwagen, Baujahr 1966 bis 1976! Im Jahr 2022 sollen die Trams ausgemustert werden. Auf der Homepage der VBZ geriet meine Theorie ins Wanken. In Zürich verkehren noch einige Trams mit Baujahr 1976 bis 1987. Und sogar zwei «Mirages» aus dem Jahr 1968.

Wenn ich kann, gehe ich den Trams aus dem Weg. Zu langsam, zu umständlich. Wenn schon, lieber die S-Bahn, gibt ein schnelleres Lebensgefühl. Aber auch da, warum präsentiert sich die S-Bahn so trist? Muss ja nicht gerade ein ÖV-Tempel sein wie die Metro von Moskau. Aber Jahre lang wurde der Bahnhof Wollishofen umgebaut, er ist jetzt Kinderwagengängig, aber die Unterführung ist traurig geblieben, kalt und unfreundlich.

Miklós Gimes lebt in Zürich, ist Autor und Regisseur. Für den «Tages-Anzeiger» schreibt er jede Woche die Stadtgeschichte.
Miklós Gimes lebt in Zürich, ist Autor und Regisseur. Für den «Tages-Anzeiger» schreibt er jede Woche die Stadtgeschichte.

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