«Ängstliche Eltern haben oft ängstliche Kinder»

Jürg Forster hat 23 Jahre lang den Schulpsychologischen Dienst der Stadt Zürich geleitet. Seine Arbeit sei über die Jahre hinweg interessanter geworden, sagt er. Nun geht er in Pension.

«Ängstliche Eltern haben oft ängstliche Kinder», sagt der Psychologe Jürg Forster. Foto: Doris Fanconi

«Ängstliche Eltern haben oft ängstliche Kinder», sagt der Psychologe Jürg Forster. Foto: Doris Fanconi

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Liest man die Schlagzeilen, erhält man den Eindruck, das Leben für Kinder werde immer schwieriger. Sie haben als Schulpsychologe mehr als zwei Jahrzehnte quasi im Brennpunkt verbracht. Wie haben sich die Kinder verändert?
Es ist eher die Gesellschaft, die sich verändert hat. Als ich anfing, war die Zeit der Balkankriege. Wir hatten viele, teils schwer traumatisierte Flüchtlingskinder, die auch vom Verhalten her sehr schwierig waren. Doch hat sich gezeigt, dass sich mit guter Integration, Sprachunterstützung und einem guten Schulklima viel erreichen lässt. Das war eine Erfolgsgeschichte für die Volksschule.

Heute stehen wir wieder vor der Flüchtlingsfrage.
Und wir haben Jugendliche, die teils noch nie zur Schule gingen und bei denen sich die Frage stellt, wie sie eine Ausbildung absolvieren können. Sind das jetzt Sonderschüler? Unsere Schule hat noch zu wenig anzubieten für Jugendliche, die zwar keine Behinderung haben, die aber sehr wenig mitbringen und teils traumatisiert sind. Je älter die Flüchtlinge bei ihrer Ankunft sind, desto schwieriger wird es.

Was könnte man besser machen?
Es braucht mehr flexible Lösungen. Nur weil diese Jugendlichen keine Schulbildung haben, sollten wir sie nicht zu Sonderschülern machen. Wir sollten ihnen zeigen, dass sie in den Klassen willkommen sind – und gleichzeitig die Erwartungen herunterschrauben, denn die normalen Lernziele sind für sie manchmal kaum erreichbar.

«Als ich ins Schulzimmer kam, stand der Junge auf und sagte laut: ‹Das ist der, der mir immer so doofe Fragen stellt.›»

Reden wir von den Kindern, die hier aufwachsen. Wie haben sie sich verändert?
Am meisten verändert hat sich das Schulsystem. Vor zwanzig Jahren kamen die Kinder meist zum Schulpsychologischen Dienst, weil sich die Frage stellte, ob sie in eine Kleinklasse müssten. Heute gibt es kaum mehr Kleinklassen. Aber wenn Sie nach den Kindern fragen: Ich glaube, den Kindern geht es nicht schlechter als früher. Das zeigt sich auch daran, dass die Jugendkriminalität und die Zahl der Jugendsuizide deutlich gesunken sind.

Dabei ist der gesellschaftliche Druck doch eher gestiegen ...
... das denke ich auch ...

... dennoch wirken die Jugendlichen auch angepasster als früher. Wie erklären Sie sich das?
Ich denke, das liegt am Bemühen von Eltern und Schulen, zusammen mit den Jugendlichen Lösungen zu suchen. Vor zwanzig Jahren liessen viele Lehrpersonen und Eltern Probleme anstehen, bis es wirklich brannte. Das gibt es zwar noch immer, aber viel seltener. Heute können wir früher helfen.

Besteht da nicht die Gefahr einer gewissen Überbehütung?
Es liegt in der Verantwortung von uns Fachleuten zu sagen, da braucht es uns nicht.

Und bei welchen Kindern kommen die Eltern und Lehrpersonen noch immer zu spät?
Bei den Stillen, die alles in sich hineinfressen. Etwa beim Mobbing im Klassenchat. Da kann es passieren, dass man das sehr spät oder sogar zu spät merkt.

In Spreitenbach nahm sich ein Mädchen nach Cybermobbing das Leben. Wie wirken soziale Medien auf das Leben von Jugendlichen?
Die Jugendlichen können sich dadurch mehr in ihrer eigenen Welt bewegen und sich ein Stück weit der Kontrolle der Eltern entziehen. Kontaktverbote wie früher, als Eltern sagten, X kommt mir nicht ins Haus oder zu Y darfst du nicht, lassen sich kaum mehr durchsetzen.

Ist das gut oder schlecht?
Ich finde es in dem Sinn gut, dass die Jugendlichen lernen müssen, mit diesen Herausforderungen umzugehen. Sie sammeln so Erfahrungen, die ihnen später helfen. Aber natürlich gibt es auch jene, die Schutz brauchen, weil sie sich nicht wehren können. Bei den Erwachsenen liegt die Verantwortung zu erkennen, wenn jemand unter Druck gerät.

Soziale Medien und das Internet können Jugendlichen helfen, selbstständig zu werden?
Ich denke schon. Jugendlichen, die eher einsam sind, kann das Internet auch helfen, Kontakte zu knüpfen.

Beschleunigt die Möglichkeit, virtuell zu kommunizieren, den Rückzug nicht noch zusätzlich?
Das mag in Einzelfällen so sein, aber in der Regel würde ich das nicht so sehen.

Wie hat sich die Rolle der Eltern entwickelt?
Wir sehen häufiger Eltern, die über ihre Rechte informiert sind, die mitreden wollen. Das ist ein grosser Unterschied zu früher. Die Schulen haben ein Interesse an dieser Kooperation, aber hier das richtige Mass zu finden, fällt nicht allen gleich leicht.

Wie spüren Sie das Phänomen der überbehütenden «Helikoptereltern»?
Wir merken das zum Beispiel bei Kindern, die nicht mehr zur Schule wollen. Ängstliche Eltern haben oft ängstliche Kinder. In diesen Fällen ist es wichtig, dafür zu sorgen, dass die Kinder in Schule und Freizeit positive Erfahrungen machen können. Aber man muss auch sagen: Insgesamt erlebe ich die Eltern heute als besser informiert, sie bemühen sich ernsthaft um eine gute Entwicklung, und mir scheint auch, dass das Bildungsniveau der Eltern deutlich gestiegen ist. Das ist erfreulich.

Man hört zuweilen Kritik an der Flut an Ratgebern, die Eltern eher verunsicherten.
Es gibt viele Ratgeber, und die Zahl der guten ist vielleicht nicht so gross. Aber wenn man sich ernsthaft damit auseinandersetzt und den Kontakt zur Schule und anderen Eltern sucht, wird man schlechte Ratgeber kaum befolgen.

Wie hat sich der Beruf des Schulpsychologen verändert?
Wir sind vom Abklärungsdienst zum Beratungsdienst geworden. Wir mussten früher zum Beispiel beigezogen werden, wenn ein Kind eine Rechtschreib­schwäche hatte. Die Verantwortung für solch niederschwellige Massnahmen liegt heute bei den Schulleitungen.

Das heisst, Ihre Arbeit ist interessanter geworden?
Oh ja. Wir haben uns auch von der Testpsychologie etwas gelöst ...

... das ist ja das Bild, das viele Leute vom Schulpsychologen haben: Man macht da Tests, die keiner versteht.
(lacht) Auch wir wissen, dass Tests nicht die ganze Wahrheit abbilden. Will man ein Kind wirklich gut beurteilen, muss man es im Klassenverband erleben, mit den Eltern reden, fragen, was schon probiert wurde und mit welchem Erfolg. Zur Potenzialabklärung haben Tests aber ihre Berechtigung, etwa wenn unklar ist, ob ein Kind geistig nicht im Stande ist, dem Schulstoff zu folgen, oder ob andere Problemen im Vordergrund stehen.

Wenn man so lange wie Sie Kindern mit Problemen hilft, besteht da nicht die Gefahr, dass man vor lauter Problemkindern die anderen nicht mehr sieht?
Da haben wir gegenüber den privat praktizierenden Kollegen einen Vorteil, weil wir in die Schulhäuser gehen. Wir besuchen Schulklassen, wir sehen die Kinder auf dem Pausenplatz. Da gibt es sehr viele, die unsere Unterstützung nicht brauchen. Und unter jenen, die uns gemeldet werden, können wir über die Jahre erfreuliche Entwicklungen beobachten, auch wenn sie nicht mehr zu uns kommen.

Sie haben also den Blick dafür nicht verloren, dass es der Mehrheit der Kinder gut geht?
Nein, für uns ist das Alltag. Lange nicht alle, die Hilfe holen, haben ein grösseres Problem. Manche Verhaltensweisen, die Eltern oder Lehrern Sorgen machen, können unter den gegebenen Umständen normal sein. Oft reichen ein paar Tipps oder zwei, drei Gespräche.

Geben Sie ein Beispiel dafür.
Manche Kinder haben bei Stufenübergängen Mühe – wenn sie sich auf eine neue Klasse, einen neuen Stundenplan, neue Lehrer einstellen müssen. Da kommt es vor, dass sie den Schulbesuch verweigern aus Angst, sie würden gehänselt oder die Lehrerin möge sie nicht. Durch ein Gespräch und eine gute Zusammenarbeit von Eltern und Schule kann man diese Ängste abbauen. Schwierig wird es erst, wenn sich das einschleift und das Kind immer wieder daheim bleibt. Doch so weit kommt es selten.

Welches Erlebnis werden Sie auch später noch erzählen?
Ich klärte einen Jungen ab, der Mühe hatte zu reden und in einer Kleinklasse war. Ich machte mit ihm verschiedene Tests, stellte ihm Fragen, um zu sehen, wie er sich ausdrückt. Eines Tages ging ich auf Schulbesuch. Als ich zur Tür hereinkam, stand der Bub auf, zeigte mit dem Finger auf mich und sagte laut: «Das ist der, der mir immer so doofe ­Fragen stellt.»

Erstellt: 01.12.2017, 06:38 Uhr

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Jürg Forster

Jürg Forster ist Kinder- und Jugendpsychologe. Er war neben seinem Beruf stets in verschiedenen Fachgremien tätig. So leitete er von 2011 bis 2013 die internationale Schul­psychologie-Vereinigung. Dort bleibt er auch nach seiner Pensionierung aktiv. Zudem lehrte er in Basel und Zürich. Forster ist verheiratet und hat drei erwachsene Söhne.

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