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«Irgendwo muss es ja hin»

Der Zürcher Stadtrat will dem Bund Land für den Bau eines Bundeszentrums für 500 Asylsuchende vermieten. Der Entscheid sorgt für Erstaunen – und «Entsetzen».

Bald wird Zürich ein temporäres Zuhause: Asylsuchende in einer Unterkunft im Wallis.
Bald wird Zürich ein temporäres Zuhause: Asylsuchende in einer Unterkunft im Wallis.
Keystone

Geht es nach den Plänen des Zürcher Stadtrats und des Bundesamts für Migration, dann sollen ab kommendem Winter in den nächsten 15 Jahren bis zu 500 Asylsuchende auf dem Duttweiler-Areal in Zürich-West leben. Der Entscheid ruft heftige und höchst unterschiedliche Reaktionen hervor.

Bundesunterkunft statt «Werd II»

So zeigte sich CVP-Gemeinderat Marcel Schönbächler «überrascht, dass dort jetzt plötzlich Wohnen möglich ist». Gemeinsam mit seinem Parteikollegen Mario Mariani hatte er im Juni 2011 eine Motion zur Erstellung einer kommunalen Wohn- und Gewerbesiedlung auf dem Duttweiler-Areal im Gemeinderat eingereicht.

Der Stadtrat hat den Vorstoss damals abgeblockt – unter anderem mit der Begründung, dass die Wohnqualität an diesem Standort «problematisch» sei. Zudem würden es die verschiedenen Verwaltungen nicht als sinnvoll erachten, eine der letzten städtischen Baulandreserven mit hohem Ausnützungspotenzial aus der Zone für öffentliche Bauten auszuscheiden und dem Wohnungsbau zuzuführen, hiess es damals.

Schönbächler bezeichnet das Gelände als «eher isoliert». Die Stadt habe es wohl behalten, damit das Tiefbauamt und das Polizeidepartement die Brache als Lager nutzen konnten. Mario Mariani wiederum führt ins Feld, dass das Areal im Gespräch für ein städtisches Verwaltungszentrum im Sinne eines «Werd II» sei. «Jetzt kommt also ein Asylzentrum. Na ja, irgendwo muss es ja hin. Und dort stört es wohl am wenigsten.»

Christoph Gysi, Präsident der Kulturmeile Zürich-West, reagiert erfreut auf die Pläne für das Duttweiler-Areal, das entlang der Kulturmeile steht: «Vielleicht bringen diese Migranten noch mehr Kultur ins Quartier. Mir ist bewusst, dass niemand ein solches Zentrum in seiner Nachbarschaft haben will. Aber wenn das jetzt beschlossene Sache ist, kann ich nur sagen: herzlich willkommen.»

Beschleunigtes Asylverfahren wird unterstützt

Unterstützung bekommt der Stadtrat auch von der SP Stadt Zürich. «Wir finden diesen Entscheid gut», betont Co-Präsidentin Beatrice Reimann auf Anfrage. Jede Gemeinde der Schweiz sei für die Unterbringung von Asylsuchenden zuständig. «Mit dem Bau eines Bundesverfahrenszentrums in der Stadt Zürich handelt der Stadtrat proaktiv und unterstützt damit das beschleunigte Asylverfahren. Das ist nicht nur für die Asylsuchenden, sondern auch für die Bevölkerung der Stadt von Vorteil.»

Auch die Wahl des Standorts wird von Reimann positiv bewertet. «Das Duttweiler-Areal liegt in einem boomenden und jungen Quartier, das sich neu formiert. Es existieren dort noch keine gefestigten Strukturen, was den Betrieb erleichtern dürfte.» Da das Zentrum sehr straff geführt werden soll, sieht die SP-Politikerin keine Probleme auf die Anwohner zukommen. «Aber es ist ein Novum und es werden sehr viele Menschen auf engem Raum leben. Man muss also ein Auge darauf werfen, wie sich alles entwickelt.»

Die Grünen Stadt Zürich begrüssen das geplante Asylzentrum in Zürich ebenfalls. Es sei richtig, das Projekt im Stadtzentrum zu planen, weil ein solches Zentrum auch Begegnungen mit der Bevölkerung ermöglichen soll, schreibt die Partei in einem Communiqué. Das Asylverfahren müsse die Menschenwürde der Betroffenen jederzeit schützen. «Das jetzt geplante Bundes-Versuchszentrum unterstützt das, indem es durch den Standort der Isolation der Asylsuchenden entgegenwirkt», heisst es weiter.

«Bundeszentren in Innenstädten sind nicht der richtige Weg»

Die Stadtzürcher FDP nimmt die Nachricht «kritisch zur Kenntnis», wie Präsident Michael Baumer gegenüber Redaktion Tamedia betont. «Uns ist klar, dass die Stadt ihren Anteil für die Unterbringung der Asylsuchenden erfüllen muss. Keinesfalls aber darf das bestehende Kontingent von 1900 aufzunehmenden Asylsuchenden überschritten werden.» Positiv sei jedoch, dass der Bund die Kosten für das Projekt übernehmen werde, «und dass mit diesem Projekt das beschleunigte Asylverfahren vorangetrieben wird».

Als Wermutstropfen bezeichnet Baumer den Standort. Die FDP sei grundsätzlich der Meinung, dass solche Bundeszentren an entlegenen Orten eingeplant werden sollten. «Jetzt wird es mitten in der Stadt gebaut. Wir werden die Entwicklung daher kritisch beobachten.» Auch Gian von Planta, Fraktionspräsident der Grünliberalen im Zürcher Gemeinderat, findet es «nicht sinnvoll», an dieser zentralen Lage ein solch grosses Zentrum für Asylsuchende aufzubauen. «Wenn man das Asylwesen schweizweit optimieren will, dann kann es unmöglich der richtige Weg sein, solche Bundeszentren in den Innenstädten zu planen», hält er auf Anfrage fest.

Das Argument, mit dem Projekt Geld sparen zu können, ist gemäss von Planta ebenfalls irrelevant. «Würden wir dort ein Verwaltungszentrum errichten, könnten wir so die Mieten der heutigen Standorte einsparen – und da reden wir von wesentlich grösseren Beträgen.»

Ein «verheerendes Grossprojekt»

Die SVP der Stadt Zürich zeigt sich sogar «entsetzt und völlig fassungslos» über den Entscheid des Stadtrates, in einem beliebten Wohn-, Freizeit- und Ausgangsgebiet ein Bundeszentrum erstellen zu wollen. Schliesslich vergehe kaum ein Tag ohne massive Zwischenfälle rund um solche Asyleinrichtungen, schreibt die Partei in einer Medienmitteilung. «So importiert unser Stadtrat die Kriminalität direkt in die Limmatstadt.» Die SVP der Stadt Zürich werde nun alle politischen Massnahmen ergreifen, um dieses «verheerende Grossprojekt» zu verhindern.

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