Google bedrängt kleine Zürcher Start-ups

Der IT-Riese beschäftigt 4000 Angestellte in Zürich. Das verschärft den Kampf um Fachkräfte aus Drittstaaten, wie unsere Auswertung zeigt.

Seit Januar 2017 hat Google in Zürich zwei Standorte. Hier im Bild der Eingang zu den Büros an der Europaallee. Foto: Reto Oeschger

Seit Januar 2017 hat Google in Zürich zwei Standorte. Hier im Bild der Eingang zu den Büros an der Europaallee. Foto: Reto Oeschger

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Arbeitsplatz? Spielplatz? Das ist bei Google nicht immer klar ersichtlich. Der Blick in den neuesten Google-Bau in der Zürcher Europaallee offenbart ausgefallene Sitznischen, Spielzonen mit Dart und Schach oder ein WC, das nicht nur genderneutral ist, sondern gemäss Aufschrift auch für Roboter mit Harndrang geeignet sein soll. Auf einer Schreibtafel steht: «Do not feed the engineers, unless you have cookies» – ­füttern sie keine Ingenieure, ausser sie haben Cookies, kleine Textdateien, die beim Internetsurfen im Browser entstehen.

Google zeigt der Welt gerne, wie schön es die Angestellten haben. In anderen Bereichen ist der Konzern weniger transparent, etwa bei Steuern oder der Herkunft der Mitarbeiterinnen. ­Dabei birgt gerade die Herkunftsfrage der Zoogler (in Zürich nieder­gelassene Googler) politischen Sprengstoff. Zu Zeiten von Ausländerkontingentierung und Inländervorrang wird der Kampf um ausländische Fachkräfte ­jedes Jahr aufs Neue lanciert.

Kanton bevorzugt Google

Google belastet das Kontingent der Fachkräfte aus Drittstaaten überdurchschnittlich stark, wie eine TA-Auswertung bereits vor knapp drei Jahren ergab. Inzwischen hat sich die Belegschaft des IT-Konzerns auf 4000 Angestellte verdoppelt. Damit stieg auch Googles Bedarf nach Fachkräften aus Indien, Russland oder den USA. Eine erneute Auswertung von knapp 1200 Linkedin-Profilen von Zooglern zeigt: Die meisten kommen aus einem EU-Staat, wobei auch deutlich mehr Schweizer und Fachkräfte aus Drittstaaten bei Google arbeiten als noch vor drei Jahren. Jeder dritte Mitarbeiter, rund 1350 Personen, stammt aus einem Land ausserhalb Europas. Auf ­Anfrage will Google die Zahlen weder dementieren noch bestätigen. Auswertungen zu den Mitarbeitern würden keine vorliegen, sagt Google-Sprecherin Nadia ­Rasetti. «Wir können diese Zahlen deshalb nicht kommentieren.»

Die Jagd nach Fachkräften aus Drittstaaten beginnt im Januar und endet spätestens im April. Dann sind die Kontingente des Kantons meist erschöpft und Un­ternehmen müssen auf Bundesreserven hoffen, die der Kanton erhält. Als Faustregel gilt: Grossfirmen wie Google bekommen ihre Anträge problemlos ­bewilligt,Start-ups sind praktisch chancen­los. Für den FDP-Ständerat ­Ruedi ­Noser ist klar: «Grosse Unternehmen werden klar bevorzugt.» Der IT-Unternehmer spricht sich deshalb für grössere ­Kontingente und Ausnahmeregelungen für Start-ups aus. Jacqueline Badran, SP-Nationalrätin und Besitzerin eines Zürcher IT-Unternehmens, glaubt, Google schöpfe einen Grossteil des Drittstaatenkontin­gents aus. «Ein Start-up hat praktischkeine Chance, an solche Fachkräfte zu kommen.»

Google beansprucht beinahe 40 Prozent des kantonalen Drittstaatenkontingents. Dieses betrug im vergangenen Jahr 641 Bewilligungen. Wird die Bundes­reserve von zusätzlich mehr als 1000 Bewilligungen miteingerechnet, landet etwa jeder ­zehnte Spezialist aus einem Drittstaat bei Google. Dazu kommen ­andere Grossfirmen aus dem Finanz- oder IT-Bereich, die überdurchschnittlich viele Spezialisten aus Drittstaaten rekrutieren.

Strenge Lohnvorgaben

«Die Gesuche aller Firmen werden nach dem Gleichbehandlungsprinzip geprüft», sagt ­Irene Tschopp, Sprecherin vom ­Zürcher Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA). Das stimmt nur bedingt: Der Kanton bevorteilt Grossfirmen wie Google, indem er aktiv ihren Bedarf nach Spezialisten erfragt. Gemäss Brancheninsidern werden die Gesuche anschliessend fast ausschliesslich bewilligt.

Für Zürcher Jungunternehmen ist es deutlich schwieriger, an Fachkräfte aus Drittstaaten zu gelangen. Exemplarisch dafür steht Ronald Teuber*, Geschäftsführer eines Start-ups, das sich auf Software im Baugewerbe spezialisiert hat. Zweimal ­reichte er ein Gesuch für Mitarbeitende aus Drittstaaten ein, für beide erhielt er keine Bewilligung. Stattdessen: Viele Stunden ver­gebliche Arbeit für das Zusammenstellen von Dokumenten. Gibt es bei Grossunternehmen Büros, die sich ausschliesslich um die Rekrutierungen kümmern, sind kleine Konzerne schnell über­fordert.

«Es gibt nur wenige Spezialisten weltweit, die unserem Jobprofil entsprechen», sagt Teuber. Ein Inder erfüllte die Anforderungen der Firma perfekt. Weil ihm jedoch die Arbeitsbewilligung verwehrt blieb, setzte ­Teuber auf eine Online-Zusam­menarbeit. Das Arbeitsverhältnis scheiterte so am fehlenden persönlichen Bezug, der ­mangelnden Verbindlichkeit und der Herausforderung, in unterschiedlichen Zeitzonen zu arbeiten.

Oftmals scheitern Start-ups an den Finanzen. Das AWA schreibt den Start-ups Löhne vor, die für die Jungunternehmer in weiter Ferne liegen. Dem Inder hätte Teuber 14000 Franken pro Monat bezahlen müssen. Nach einer Verhandlung war das AWA bereit, die Forderung auf 12500 Franken zu reduzieren. Für Teuber war klar, dass sein Unternehmen diesen Lohn niemals zahlen kann. «Für Unternehmen wie Google mag dies ein Klacks sein», sagt er. «Ich als Geschäftsführer verdiente damals selbst nicht mehr als 4000 Franken pro Monat.»

Für IT-Experten gibt es auch andere Möglichkeiten

So ergeht es vielen Jungunternehmern: Sie bieten ihren Angestellten keine hohen Gehälter, dafür aber oftmals eine Unterneh­mensbeteiligung und Mitsprache­recht bei der Entwicklung des Start-ups. «Das AWA kennt die Problematik», sagt Sprecherin Tschopp. Trotzdem seien dem Kanton die Hände gebunden: Der Bund hat bisher keine Bestimmungen erlassen, die eine Privilegierung von Start-ups erlauben würde. Die bisherigen Motionen für eine Beseitigung des Fachkräftemangels sind auf Bundesebene gescheitert.

FDP-Ständerat Noser ­forderte 2017 ein Start-up-Visum – eine neue Form von Arbeitsbewilligung für ausländische Personen, die in der Schweiz ein Unternehmen gründen wollen. «Der Fachkräftemangel spitzt sich schon länger zu», sagt Noser. Jedes Jahr würden rund 2700 IT-Fachleute in der Schweiz ausgebildet. Dem stünden rund 6000 Pensionierungen gegenüber. «Wir sind dringend auf mehr ausländische Fachkräfte angewiesen.»

Auch Noser verlor bereits Arbeitskräfte an Google oder an andere Grossunternehmen. «Das ist okay, es ist schliesslich ein freier Markt», sagt der FDP-Politiker. Zudem sei es längst nicht so, dass alle IT-Leute zu Google wollen: Die machthungrigen Praktiken des Konzerns und dessen Weltbild würden auch in der Branche polarisieren. Da kann die Inneneinrichtung noch so freundlich sein.

*Name geändert.


Stellungnahme des Zürcher Amts für Wirtschaft und Arbeit (AWA):
«Der Vorwurf, das AWA bevorzuge grosse Firmen wie Google bei der Vergabe von Arbeitsbewilligungen für Drittstaatsangehörige entbehrt jeglicher Grundlage. Die aktive Nachfrage des geplanten Bedarfs an Drittstaatskontingenten bei grösseren Firmen dient dem AWA ausschliesslich als Begründung für die Antragstellung beim Staatssekretariat für Migration für weitere Kontingente aus der Bundesreserve. Bei der Erteilung von Arbeitsbewilligungen für Drittstaatsangehörige prüft das AWA jedes Gesuch individuell. Dabei prüft es die Einhaltung der gesetzlichen Voraussetzungen, darunter orts- und branchenübliche Löhne, und es schreibt diese nicht selber vor. Das AWA führt keine Lohnverhandlungen mit Gesuchstellern, sondern teilt diesen mit, wenn sich der ausgewiesene Lohn als nicht orts- und branchenüblich erweist. Es ist dem AWA kein einziger Fall bekannt, der den Angaben zu den im Artikel erwähnten Start-up entspricht. Im Übrigen ist der Anteil der von Google beanspruchten kantonalen Kontingente wesentlich geringer als 40 Prozent.»

Die Redaktion hält an ihrer Darstellung fest.

Erstellt: 15.09.2019, 21:45 Uhr

So wurden die Zürcher Google-Mitarbeiter ausgewertet

Der «Tages-Anzeiger» sucht für seine Auswertung auf dem sozialen Netzwerk Linkedin nach Profilen von aktuellen Mitarbeitern von Google in der Schweiz. Zusammengekommen sind so insgesamt 1163 Profile. Beim Besuch jedes Nutzerprofils wurde danach die Hauptbildungsstätte jedes Mitarbeiters eruiert.

Um das Geschlecht festzustellen, wurden die Vornamen verwendet. Namen, die sowohl männlich als auch weiblich sein könnten, wurden ausgeschlossen. Es ist gut möglich, dass Schweizer in einer US-Universität studiert haben und deshalb nicht als Drittstaatler zählen; umgekehrt können aber auch Inder oder Chinesen an der ETH Zürich studieren. Bei der Anstellung bei Google werden sie immer noch als Drittstaatler behandelt.

Viele Frauen im Kader

So hat die Auswertung unter anderem auch Aufschluss über die Geschlechterverteilung bei Google Zürich ergeben. Wie bei einem IT-Unternehmen nicht anders zu erwarten, überwiegt der Anteil der Männer mit 75 Prozent gegenüber jenem der ­Frauen. Der Geschlechteranteil ist jeweils stark abhängig vom Jobprofil. Bei den Ingenieuren sind die Frauen mit 20 Prozent in der starken Minderheit. In Management-Positionen sitzen dafür mit 38 Prozent überdurchschnittlich viele Frauen.

In Schweizer Privatunternehmen sind gemäss dem Schilling-Report 2019 nur durchschnittlich 18 Prozent der Kaderpositionen mit Frauen besetzt. Hoch ist der Frauenanteil bei Google auch bei den Human Resources – er beträgt 71 Prozent. (mrs/bsk)

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