Ivan E. will nach Hollywood

Eigentlich wollten wir mit dem Künstler Ivan Engler über «Van Gogh Alive» sprechen. Stattdessen redeten wir über seine Projekte für die Traumfabrik.

Ivan Engler bezeichnet sich als Visual Scientist. Foto: Andrea Zahler

Ivan Engler bezeichnet sich als Visual Scientist. Foto: Andrea Zahler

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Diesen Traum haben viele geträumt. Stellen Sie sich mal vor: Man steht in der Hauptpost, die Warterei geht wieder mal ein bisschen länger, wie auf der Hauptpost immer alles länger geht. Und da sagt man sich: Hey, easy, wenn die wüssten, dass ich in L.A. eine grosse Nummer bin. Bei Freunden in den Hollywood Hills wohne. In derselben Agentur wie Steven Spielberg bin. Und dort grosse Projekte habe. Fünf Minuten Warterei auf der Hauptpost sind wirklich nichts. Wenn man gerade aus der Traumfabrik kommt.

Das ist kein Traum. So ging es Ivan Engler, dem Schweizer Filmregisseur mit Hollywooderfahrung. Und er sagt auch, dass auf der anderen Seite die Menschen in Los Angeles keine Ahnung gehabt hätten von der Welt, aus der er komme: vom Nebel zum Beispiel. Oder von Spaziergängen an der Thur. So geht es im Gespräch im Zickzack durch vielerlei Themengebiete, von der Ruhe in der Schweiz über die Angst vor der Apokalypse in L.A. bis zu Elon Musks Cybertruck. Schnell ist man drin im Szenario eines Lebens zwischen Wirklichkeit und Traum. Engler kann Storytelling.

Der Anlass für das Gespräch ist die Ausstellung «Van Gogh Alive» in der Maag-Halle, sie zeigt grosse Kunst für ein grosses Publikum (lesen Sie hier mehr zur Schau). Der Clou: Hier können alle auf Van Gogh stehen: in seinen Weizenfeldern. Auf dem Sternenhimmel. Auch den Sonnenblumen. Der Werbespot dazu: «Tauchen Sie ein in eine packende Kombination von Licht, Farbe und Musik. In grossflächigen Projektionen werden die einzigartigen Werke des Meisters zum Leben erweckt und geben dem Zuschauer das Gefühl, sich mitten in den atemberaubenden Gemälden zu befinden.» Die Ausstellung ist eine Einladung für Menschen, die sonst mit der klassischen Kunst nicht viel am Hut haben. Man kann hier in die Bilder eintreten. «Ich werde hingehen», sagt Ivan Engler.

Ivan Engler hat einst mit Visuals für die Band Swandive die Zürcher Musikszene bezirzt. Foto: Andrea Zahler

Ivan Engler, Jahrgang 1971, gestaltet Welten. Die visuelle Übersetzung ist sein Gebiet. Er ist Spezialist für Räume. Und auch für Werbung. Das können entfernte Galaxien sein wie in seinem Film «Cargo». Oder Grossprojektionen für den Auftritt diverser Automarken. Engler nennt sich selber Visual Scientist – das Visionäre ist hier inbegriffen. «Ich bin ein Pionier.»

Wir sind in seinem Atelier. Ein Industriegebäude am Lagerplatz in Winterthur. Ex-Sulzer-City. Eine Welt für sich. Zwei grosse Räume. Boxsack, Flügel, alles da. Und ein sehr langer Tisch mit Computern und Monitoren. An der Decke eine Laufkatze. «Ich sehe pro Tag Hunderte von Bildern, da braucht es schon viel, bis mich ein Einzelbild abholt», sagt Engler. Van Gogh wäre ein Kandidat. Denn seine Kunst offeriert starke Farben und Formen. Eine starke Geschichte. Starke Empfindungen. «Würde mich schon interessieren, wie die Ausstellung die Van-Gogh-Story umsetzt.» Er selber würde vorschlagen: mit begehbaren räumlichen Installationen, haptisch erfahrbaren Strukturen. Projection Mapping. Hauptsache, es lässt sich so in eine andere Welt eintauchen.

Anläufe zum Weitsprung

In Zukunft können wir in Bilder eintreten, hiess es in den Neunzigern. Virtuelle Visionen wurden damals entwickelt. Ivan E., wie er sich zu dieser Zeit nannte, nahm mit seinen Visuals für die Zürcher Trip-Hop-Band Swandive die Zukunft vorweg. Er übersetzte die Musik in Bilder, und das in Echtzeit. Gerade waren die Videoprojektoren erschwinglich geworden, das Publikum bewegte sich zur Musik im Bildergeflimmer. Rote Dreiecke, blaue Vierecke wechselten mit Aufnahmen aus der Unterwasserwelt. «Ich experimentierte schon vor der Filmschule mit alten Videomischern», sagt Engler, es entstand so etwas wie ein optisches Geräusch. In der Zeit mit Swandive hat er dann alles durchdekliniert, was mit der Technik damals möglich war. Ivan E. habe das Publikum mit seinen Visuals «sanft hinaus in die Schwerelosigkeit verschoben», schrieb der «Tages-Anzeiger» 2002 über das letzte Swandive-Konzert.

Es war ein Abschied aus dem Video-Jockey-Gebiet. Denn in der Musik hat selbst das All seine Grenzen. «Scheiss-Visuals», sagte das Lethargy-Publikum, als Engler mit seinen Bildern mal etwas erzählte. Man wollte Party und kein Storytelling zur Musik. VJ Ivan E. zog sich zurück. Und wurde zum Filmregisseur. Und machte nach der kurzen Fantasy-Horror-Etüde «Nomina Domina» seinen ersten langen Spielfilm.

«Cargo» (2009) ist ein Anlauf zum Weitsprung. Zum ersten Mal war im Kino Schweizer Science-Fiction zu sehen. Nun ja, die Geschichte war nicht besonders originell. Eine Gruppe von Menschen ist auf der Flucht vor dem Ökokollaps auf der Erde, das Paradies ist aber eine Projektion. Die Umsetzung war jedoch bildgewaltig. Auch das Einspielergebnis mit rund 23'000 Zuschauern liess sich sehen. «Star Trek» hatte nur tausend mehr.

Eintauchen in die grosse Filmwelt

Das machte Engler auch für Hollywood interessant. Er wurde unter Vertrag genommen – von der Agentur, die auch Steven Spielberg vertritt. Es war ein Eintauchen in die grosse Filmwelt. Der Anfang war verheissend: «Mir wurde alles auf dem Silbertablett offeriert.» Engler traf sich mit Produzenten. Las Drehbücher. Schrieb eigene. Arbeitete an Projekten. Lernte die Regeln des Spiels. Zum Beispiel: dass ein Gespräch nie länger als eine Stunde geht. Da hat man entweder den Film. Oder auch nicht. Irgendwie wurde dann nichts draus mit der Karriere in der Filmstadt. «Vielleicht fehlte das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.» Vielleicht fehlte auch das letzte Quäntchen Talent. Immerhin: Ein Projekt ist immer noch deponiert. Aber es fehlen 30 Millionen, um «The Dark Ages» zu realisieren. Alles hat in der Traumfabrik einen Preis.

Jetzt macht Engler in der Schweiz einen neuen Film, zehn Jahre nach «Cargo». Nur kurz hier die Geschichte: Eine Gruppe von Aktivisten bricht in eine Bank ein, das ganze System schlägt zurück. Wenn alles klappt, wird dieser Film das Ticket für den Wiedereintritt zum Planeten Hollywood sein.

Zurück in die Realität: Engler schaut, ganz Profi, noch den Trailer zu «Van Gogh Alive» an. Sein Kommentar: Das Arrangement der Leinwände sehe eher nach Mondrian aus. Wo ist die Interaktion? Wo die Haptik. «Aber vielleicht ist die Ausstellung ja besser.»

Erstellt: 13.02.2020, 11:34 Uhr

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