«Jede andere Stadt wäre wohl begeistert vom Toni-Areal»

Studierendenproteste, streikende Haustechnik und steigende Kosten: Rektor Thomas D. Meier sagt, weshalb die Kritik an der Zürcher Kunsthochschule etwas «Zürcherisches» sei.

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Gab es in den letzten Wochen Ereignisse in der ZHDK, über die Sie sich geärgert haben?
Es gab Vorfälle, die uns intensiv beschäftigen. Zum Beispiel die Reorganisation des Departements Kunst und Medien (DKM), die zu einem Protest und vereinzelter Sachbeschädigung führte. Eine solche Form des Protests ist für uns aussergewöhnlich, und wir müssen einen Umgang damit finden. Wir sind darauf angewiesen, dass unsere Studierenden sich kritisch beteiligen, und müssen gleichzeitig darauf bestehen, dass auch sie Verantwortung übernehmen für diese Hochschule. Die Studierendenvertretung des DKM hat der Reorganisation inzwischen zugestimmt – kritisch zwar, aber immerhin.

Die Hochschulleitung leitete ein Disziplinarverfahren gegen unbekannt ein. Im schlimmsten Fall droht den Beteiligten der Rauswurf. Wäre es nicht zielführender, einen Dialog zu führen?
Wir tun beides. Der Hochschule gehört das Toni-Areal nicht, wir haben dem Haus Sorge zu tragen. Gewissen Formen des Protests müssen wir deshalb Grenzen setzen, auch aus Respekt gegenüber den anderen Angehörigen der Hochschule. Studierende sollen ihre Diplomarbeiten, in die sie viel Kompetenz und Herzblut gesteckt haben, in einem angemessenen Rahmen ausstellen können, das sind wir ihnen schuldig.

Ein Dialog findet statt?
Wir stehen in einem intensiven Dialog mit DKM-Vertretern. Auch die Treffen mit dem Studierendenrat finden nun regelmässig statt.

Schlechte Lüftung, mangelnde Rückzugsmöglichkeiten oder zu kleiner Arbeitsbereich: Studierende und Angestellte klagen darüber, dass sie sich unwohl fühlten im Toni-Areal. Wie ergeht es Ihnen?
Ich bin einer der Ersten, die im Toni-Areal eingezogen sind, und habe mich immer sehr wohlgefühlt im Grossraumbüro. Die Transparenz im Gebäude ist eine architektonische Setzung, die vielen gefällt und anderen missfällt. Unsere Räume haben wir möglichst effizient zu nutzen, die Auslastung ist hoch. Da entsteht immer auch Reibung. Ich habe von Beginn weg vermittelt, dass es sicher zwei Jahre dauern wird, bis alles funktioniert: die optimale Einstellung der Heizung, die Lüftung oder die Raumverteilung. Das ist bei Umbauten in dieser Grössenordnung völlig normal.

Bis Ende Jahr werden alle Probleme gelöst sein?
Nach dem Einzug im Jahr 2014 umfasste die Mängelliste 35'000 Positionen. Heute sind wir zweistellig unterwegs. Die Verantwortlichen haben einen ausgezeichneten Job gemacht. Die Kritik hat etwas sehr Zürcherisches. Jede andere Stadt wäre wohl einfach begeistert vom Toni-Areal. Gerade ausländische Studierende finden es grossartig hier. Sie haben den direkten internationalen Vergleich und empfinden diesen Diskurs über Nasenbluten und ungewöhnliche Treppenstufen als bizarr. Das ist intern ein gutes Korrektiv.

Ein anderer Kritikpunkt betrifft die fehlenden Lagerräume. Gerade für bildende Künstler ein Problem.
Der Kanton hat keine Raumreserven gebaut. Wir erarbeiten im Moment eine Lagerstrategie und haben intern bereits Flächen identifiziert, die wir nutzen können. Das Ziel ist, dass wir keine Mehrkosten generieren. Unser Budget ist plafoniert.

Der Studierendenrat der ZHDK (Sturz), der sich aus Personen von allen Departementen zusammensetzt, beklagt mangelndes Mitspracherecht, was etwa die Reorganisation der Studienabläufe betrifft. An der ZHDK herrsche eine «Top-Down-Mentalität».
Die Mitwirkung der Studierenden ist auf allen Ebenen institutionalisiert. Der Studierendenrat ist Teil der Hochschulversammlung und besitzt ein Mitspracherecht. Die Mitwirkung ist seit 2015 auch in den Führungsgremien der Departemente installiert. Überall dort, wo es sinnvoll und leistbar ist, haben die Studierenden ein Mitwirkungsrecht.

In einem TA-Gastbeitrag schrieben Sie, dass «die Angehörigen der Kreativwirtschaft einen wichtigen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft leisten». Inwiefern?
Der Beitrag war eine Replik auf die Kolumne von Ökonom Rudolf Strahm, der die «kreative Klasse» als brotlose Staatskünstler, die sich von Kommissionen aushalten lassen, darstellte. Dem halten wir entgegen. So sind wir unter anderem die grösste Design-Hochschule der Schweiz. Und diese Sparte ist eine wesentliche Innovationsträgerin der hiesigen Wirtschaft. Wir konnten bereits mehrere Start-ups auf den Markt bringen, auch aus der Musik. Der Anteil der Kreativwirtschaft an der Bruttowertschöpfung der Schweiz beträgt 4 Prozent.

Studierende aus anderen Departementen fühlen sich vom Ansatz der Creative Economies nicht angesprochen. Während der Diplomfeier kam es deswegen zu einer Protestaktion.
Die Ökonomisierung sämtlicher Lebensbereiche, zu der auch Kultur und Wissenschaft gehören, ist tatsächlich ein Thema. Wir wollen demnächst den Begriff der Kreativwirtschaft in einer Podiumsdiskussion thematisieren. Mit Leuten, welche diesen Teil der Wirtschaft beforschen, und solchen, die den Ansatz kritisieren. Jetzt warten wir ab, ob die Kritiker auf unser Angebot einsteigen.

In einer Medienmitteilung werfen Studierende der Hochschulleitung eine «unternehmerische und marktorientierte Haltung gegenüber künstlerischer Bildung» vor. Ist es Aufgabe eines Künstlers, wirtschaftlich zu agieren?
Auch Kunstschaffende bewegen sich in einem ökonomischen Raum. Wir müssen diese spezifische Form der Ökonomie verstehen, wenn wir unsere Absolvierenden befähigen wollen, sie mitzugestalten. Das ist mit ein Grund, warum die ZHDK seit über zehn Jahren die Kreativwirtschaft beforscht. Wir sehen das als unsere Verpflichtung. Das Studium richtet sich allerdings nicht nach ökonomischen Werten. Wer bereits im Studium auf den Markt schielt, wird in der Kunst keinen Erfolg haben. Wir sind eine Bildungsinstitution, die möglichst gute Kunstschaffende, Designerinnen und Kulturvermittler ausbildet.

Sie heben hervor, dass die Arbeitslosigkeit der Studienabgänger nach fünf Jahren lediglich 2 Prozent beträgt. Werden so nicht unbezahlte Praktika und andere prekäre Bedingungen in der Branche schöngeredet?
Die Zahlen erhebt das Bundesamt für Statistik, wir nehmen sie lediglich zur Kenntnis. Für die Politik ist das ein wichtiger Indikator, und Studierende haben ein Indiz, dass sie später nicht auf der Strasse landen. Das klassische Festanstellungsverhältnis ist in unserem Bereich aber nicht die Regel. Es gibt überdurchschnittlich viel Mischerwerb, der sich je nach Disziplin wieder unterscheidet: In der Musik prägen eher Anstellungen das Bild, im Design die Projektarbeit oder der selbstständige Erwerb. Dass es auch im Bereich der künstlerischen Arbeit schwierige Erwerbssituationen gibt, soll nicht verschwiegen werden. Die Generation Praktikum gibt es jedoch leider in allen Branchen.

Als Rektor befinden Sie sich an einer Schnittstelle. Was nimmt mehr Zeit in Anspruch: die Verhandlung mit der Politik oder die Aufrechterhaltung des internen Betriebs?
Der Betrieb und die Verpflichtung, die Hochschule international zu vertreten, nehmen die meiste Zeit in Anspruch. Aber wir sind gleichzeitig im dauernden Austausch mit unserem Träger, legen Rechenschaft ab und verhandeln über Rahmenbedingungen. Und umgekehrt verhandelt die Politik auch mit uns. Letztlich ist die ZHDK und damit auch das Toni-Areal ein demokratisch legitimiertes Produkt der Politik und damit der Zürcher Bevölkerung.

Diese nimmt auch die Kosten der ZHDK zur Kenntnis. Die Staatsausgaben pro Student sind seit dem Umzug ins Toni-Areal stark gestiegen. Weshalb?
Die Kosten pro Studienplatz sind zwischen 2009 und 2015 um 4,5 Prozent gestiegen. Im TA-Bericht wird die falsche Referenzgrösse verwendet. Die Wirtschaftlichkeitsberechnung der Regierung ergab: Wäre die ZHDK an den alten Standorten geblieben, welche hätten saniert und ausgebaut werden müssen, dann wären die Kosten pro Studienplatz im Vergleich zu heute um 9 Prozent gestiegen. Das Toni-Areal kostet weniger, als die alten Standorte heute kosten würden.

Bei der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH) sind die Kosten in den letzten Jahren stetig gesunken. Dies obwohl sie 2012 ebenfalls einen Neubau bezog. Weshalb?
Das stimmt ausschliesslich für die Kosten pro Studienplatz. Und es ist ein Unterschied, ob eine Hochschule wächst oder eine Studienplatzbeschränkung hat wie die ZHDK. Die Studierendenzahl der PHZH ist seit dem Umzug an die Europaallee stark gestiegen. Der Neubau hat dieses Wachstum überhaupt erst ermöglicht. Das führt zu einer Kostenstruktur, die mit der unsrigen nicht vergleichbar ist. Wegen des politisch gewollten Wachstums hat sich unter dem Strich der Staatsbeitrag an die PHZH insgesamt markant erhöht. Die ZHDK bleibt die Zürcher Hochschule mit dem kleinsten Staatsbeitrag.

Die ZHDK ist nun fast zwei Jahre im Toni-Areal. Wie hat dies die Hochschule beeinflusst?
Äusserst positiv. Mit dem Toni-Areal wurde national und international zur Kenntnis genommen, dass Zürich eine potente Kunsthochschule hat. Wir sind zwar nicht grösser, aber sichtbarer geworden. Die Attraktivität für Studierende, Dozierende und Kooperationspartner ist gestiegen. Das Toni-Areal hat uns einen grossen Schub verliehen.

Erstellt: 01.07.2016, 14:31 Uhr

Der Historiker Thomas D. Meier, geboren 1958 in Basel, war Direktor der Hochschule der Künste Bern. Seit 2009 ist er Rektor der ZHDK. Zurzeit präsidiert er das Representative Board von Elia (European League of the Institutes of the Arts), der grossen Vereinigung der europäischen Kunsthochschulen.

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