Jede dritte junge Zürcherin wurde im vergangenen Jahr belästigt

Erstmals zeigen Zahlen der Stadt, wie häufig Frauen und Männer in der Stadt Opfer von Übergriffen werden.

Am häufigsten werden Zürcherinnen auf der Strasse Ziel von Belästigungen. Auf Platz zwei: Der Öffentliche Verkehr. Szene an der Langstrasse.  Foto: Reto Oeschger

Am häufigsten werden Zürcherinnen auf der Strasse Ziel von Belästigungen. Auf Platz zwei: Der Öffentliche Verkehr. Szene an der Langstrasse. Foto: Reto Oeschger

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Es ist dunkel, es ist Nacht, sie ist auf dem Nachhauseweg – und dann trifft sie auf ihn. Ein Mann, angetrunken, aufdringlich. «Hey, wohin gehst du?», «Wo wohnst du?» Er kommt ihr näher, ihr wird es unwohl. Offenbar sichtlich unwohl. Eine Passantin eilt zu Hilfe, verscheucht den Mann. Die Frau bedankt sich bei der Helferin und nimmt am Bahnhof Altstetten ein Taxi. Dies ist die Nacherzählung einer realen Geschichte. Eine Geschichte einer Situation, wie sie viele junge Zürcherinnen immer wieder beschreiben.

Neue Zahlen der Stadt zeigen nun, wie häufig junge Frauen in der Stadt Zürich belästigt werden. Gemäss der heute veröffentlichten städtischen Bevölkerungsbefragung geben 33 Prozent der Zürcherinnen zwischen 18 und 29 Jahren an, in den vergangenen 12 Monaten mindestens einmal ausserhalb des Zuhauses belästigt worden zu sein – davon mehr als die Hälfte mehrfach. Insgesamt berichtete rund jede zehnte Frau in der städtischen Bevölkerungsbefragung, im vergangenen Jahr belästigt worden zu sein.

Die Stadt lässt offen, was als Belästigung gilt, es geht um die subjektive Wahrnehmung der Betroffenen. Am häufigsten werden die jungen Zürcherinnen auf der Strasse, in Bars, Clubs oder Restaurants oder in den öffentlichen Verkehrsmitteln bedrängt und angegangen. Diese Befunde decken sich mit einer im Frühling veröffentlichten landesweiten Studie zu sexueller Belästigung. Auch da waren es just jene Tatorte, welche die Frauen am häufigsten nannten. Und: Auch dort gaben besonders jüngere Frauen an, sie hätten Angst, Opfer von sexueller Belästigung zu werden.

Auch die gleichaltrigen Männer berichten von Belästigungen, rund 23 Prozent der 18- bis 29-Jährigen wurden im vergangenen Jahr Opfer, etwas weniger als die Hälfte mehrfach. Gleich wie bei den Frauen ist die offene Strasse der grösste Brennpunkt bei den jungen Männern, allerdings folgt auf Platz zwei der Bahnhof.

Die Stadt fragte auch explizit, ob es Belästigungen an der Seepromenade gab. Während des vergangenen Jahres machten Vorfälle am Utoquai Schlagzeilen, junge Männer prügelten sich wiederholt, zückten Messer, setzten diese ein, attackierten Einsatzkräfte. Die Stadt sprach von einer Verdoppelung der Gewaltdelikte im Bereich Utoquai. Als Brandherd für Belästigungen machen die Befragten die Seepromenade allerdings damals noch nicht aus. Nur wenige gaben an, dort Opfer geworden zu sein. Allerdings wurde die Befragung zwischen dem 22. Februar und dem 20. Mai durchgeführt.

Obwohl die jüngsten Befragten sich am häufigsten belästigt fühlen, geben diese auch an, sich am sichersten zu fühlen – zumindest in ihrem eigenen Quartier. 87 Prozent der jungen Frauen und 96 Prozent der jungen Männer gaben an, sich sicher oder eher sicher zu fühlen. Insgesamt liegt der Wert bei 88 Prozent.

Die Stadt wertet das als Erfolg. «Das subjektive Sicherheitsgefühl der Einwohnerinnen und Einwohner ist sehr hoch und in den vergangenen Jahr kontinuierlich gestiegen», schreibt die Stadt in ihrer Studie. Allerdings gibt es regionale Unterschiede. Am sichersten fühlten sich die Menschen im Seefeld und in Hirslanden, am unsichersten in Zürich-Nord, in Seebach, Schwamendingen-Mitte und Saatlen.


Bevölkerungsbefragung 2019: Ärgerlicher Verkehr

Heute veröffentlichte die Stadt Zürich die Bevölkerungsbefragung 2019, in der sie von den Bewohnerinnen und Bewohnern wissen wollte, wie zufrieden sie mit der Stadt, der Verwaltung und ihrer eigenen Situation sind. Das Fazit der zum zehnten Mal durchgeführten Erhebung: Die allgemeine Beliebtheit Zürichs ist ungebrochen. 98 Prozent der Zürcherinnen und Zürcher leben gerne hier. Besonders zufrieden ist man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, mit dem Einkaufs- und Kulturangebot. Gemeckert wird trotzdem, besonders wenn zwei Schlagworte fallen: Verkehr und Wohnen.

Als dringlichstes Problem der Stadt bezeichnen Zürcherinnen und Zürcher am häufigsten den Verkehr. Kein Wunder, er polarisiert stark – Parkplätze, Tempo 30, Velowege. «Beim Parkplatzangebot stehen rund einem Fünftel zufriedener Zürcherinnen und Zürcher, knapp zwei Drittel unzufriedener gegenüber.» Für die Massnahmen zur Veloförderung bekommt die Stadt ebenfalls keine guten Noten. Die Hälfte sagt, sie tue zu wenig, ein Fünftel sagt, sie tue zu viel. Insgesamt sind nur knapp 30 Prozent der Auto- und 26 Prozent der Velofahrer mit der Verkehrssituation zufrieden.

Das zweite Ärgernis der Zürcherinnen und Zürcher ist die Wohnsituation. Die Wohnungssuche und zu hoch empfundene Mieten seien die Probleme. Der Wohnungsmarkt ist weiterhin angespannt, gibt die Stadt auch zu. Die Leerstandsquote tendiert gegen null, die Nachfrage übersteigt das Angebot unverändert, insbesondere bei günstigeren Wohnungen. Zudem setzt sich ein Trend weiter fort: Personen, die viel für ihre Wohnung zahlen, stellen höhere Ansprüche und sind vermehrt unzufrieden mit der gebotenen Qualität der Wohnungen. Mit der Umgebung sind knapp drei Viertel der Bewohnerinnen und Bewohner zufrieden – wobei knapp ein Drittel Veränderungen im Quartier als positiv werten, ein Fünftel als negativ und die Hälfte gar nicht darüber urteilen mag.

Erhebung wieder alle zwei Jahre Für die Erhebung hat die Stadt insgesamt 11'292 Personen angeschrieben, 5294 Personen haben den Fragebogen ausgefüllt, 5117 Rücksendungen konnten schliesslich ausgewertet werden. Die Befragung wurde zum Ersten Mal via Online- und Papierfragebogen durchgeführt, bei rund 40 Prozent geringeren Kosten im Vergleich zu den Telefoninterviews, wie sie seit Beginn der Untersuchung 1999 alle zwei Jahre durchgeführt worden waren.

Die Stadt habe sich entschieden, die Befragung bei fast halbierten Kosten künftig wieder alle zwei Jahre durchzuführen, sagte Stadtpräsidentin Corine Mauch an der Pressekonferenz vom Donnerstag. Der Gemeinderat hatte einem Sparantrag im Budget 2015 zugestimmt, weshalb 2017 auf eine Umfrage verzichtet wurde. (sip/lop)

Erstellt: 12.12.2019, 10:00 Uhr

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