Jedem Betonkind sein Waldsofa

Links-Grün möchte in der Stadt Zürich flächendeckend Waldkindergärten eröffnen. Skeptiker warnen, der Wald halte so viele Kinder gar nicht aus.

Anders als Zürich betreibt Winterthur seit mehreren Jahren zwei öffentliche Waldkindergärten. Foto: Sabina Bobst

Anders als Zürich betreibt Winterthur seit mehreren Jahren zwei öffentliche Waldkindergärten. Foto: Sabina Bobst

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Stadtzürcher Eltern schicken ihre Kinder zunehmend in privat ­geführte Waldkindergärten. Der Kindergarten Troll zum Beispiel hat wegen des Andrangs unlängst eine zweite Klasse er­öffnet, und beide sind ausgebucht, trotz Kosten von bis zu 1100 Franken im Monat.

Die links-grüne Mehrheit im Zürcher Gemeinderat will, dass auch der öffentliche Kindergartenunterricht vermehrt zwischen Fichten und Buchen stattfindet. Die SP lehnte 2013 einen ähnlichen Vorstoss noch ab. Jetzt argumentiert sie, die Gerechtigkeit gebiete es, dass alle Stadtkinder Zugang zu solchen Angeboten haben sollten, um von den Vorteilen der Naturpädagogik zu profitieren.

Konflikte mit dem Förster

Deshalb muss die Stadtregierung nun prüfen, künftig in jedem Schulkreis mit einigen Klassen in den Wald zu gehen, und dies während mindestens der Hälfte der Zeit. Schulvorsteher Filippo Leutenegger (FDP) findet diese Forderung zwar sympathisch, hält sie aber für nicht realisierbar. Nur schon, weil es zwangsläufig zu Konflikten mit dem Förster käme, wenn sich mehr Klassen im Wald tummeln.

Die AL wies im Rat darauf hin, zu viele Kinder seien für die Natur eine Belastung.

Skeptisch ist auch die AL, die im Rat darauf hinwies, zu viele Kinder seien für die Natur eine Belastung. Rund um die sogenannten Waldsofas, wo sich die Klassen treffen, wachse am Boden gar nichts mehr. Darauf müsse man achten. Zuletzt gab es im Stadtzürcher Wald gut zwei Dutzend solcher Plätze, und die Dienstabteilung Grün Stadt Zürich weist darauf hin, dass selbst bei steigender Nachfrage keine neuen eingerichtet werden sollten. Bauten wie feste Toiletten seien nicht zulässig, man müsse sich im Notfall mit Plastiktüten für Hundekot behelfen. Die SVP wundert sich, warum die Grünen diesmal nicht wie sonst jeweils vor der Übernutzung von Naturgebieten warnen.

Ein anderes Problem wäre laut Leutenegger der Schulweg. Da nicht jedes Stadtquartier über einen nahen Wald verfüge, würden eine Menge an Autofahrten ausgelöst. Die Grünen halten ­dagegen, dass man den Wald problemlos mit dem öffentlichen Verkehr erreiche. Leutenegger warnt auch vor grundsätzlichen Konflikten, welche die flächendeckende Einrichtung von Waldkindergärten auslösen würde: Wenn die Stadt auf Kindergartenstufe entgegen ihrer Strategie die freie Schulwahl zulasse, könnte das auch auf Primarstufe Begehrlichkeiten auslösen.

Punktuelle Versuche

Alternativ zur Eröffnung von Waldkindergärten in der ganzen Stadt schlägt Leutenegger punktuelle Versuche an geeigneten Standorten vor. So wie es einen im Schulhaus Manegg bereits gab. Bei der Evaluation zeigte sich damals, dass zumindest aus Sicht der Kinder nichts gegen dieses Modell spricht. Diese haben den Übertritt in die erste Klasse problemlos bewältigt.

Anders als Zürich betreibt die Stadt Winterthur seit mehreren Jahren zwei öffentliche Waldkindergärten. Christoph Baumann ist als Präsident der Kreisschulpflege Oberwinterthur für einen davon verantwortlich. Die Frage der freien Schulwahl sei dort nie zum Thema geworden, sagt er, da man nur Kinder aus dem eigenen Schulkreis und dem Einzugsgebiet des Waldkinder­gartens berücksichtige.

In der Klasse sollen wie in anderen Kindergärten Kinder aus der Nachbarschaft zusammenkommen. «Wir hatten auch schon Interesse von weiter entfernt wohnenden Eltern», sagt Baumann. «Für diese gilt aber, dass sie den Weg bis zum Sammelplatz mit dem Velo oder dem ÖV bewältigen müssen.» Daran hätten sich alle gehalten.

Erstellt: 13.09.2019, 08:44 Uhr

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