«Jeder Mann möchte einen Harem»

Domina Karolina Leppert erfüllt Männern ihre sexuellen Fantasien. In ihrem Beruf beobachtet sie eine neue Respektlosigkeit gegenüber Frauen.

«Meine Kunden sind bedürftig, sie wissen es nur nicht», sagt Karolina Leppert. Foto: Jannis Chavakis (13 Photo)

«Meine Kunden sind bedürftig, sie wissen es nur nicht», sagt Karolina Leppert. Foto: Jannis Chavakis (13 Photo)

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In Ihrem neuen Buch lesen Sie den Männern die Leviten. Sie hätten schlechte Manieren, seien überheblich, heuchlerisch, wehleidig und ungepflegt – ist es wirklich so schlimm?
Früher benahm sich ab und zu ein Kunde daneben. Heute sind schlechte Manieren der Standard. Vordergründig ist die Gesellschaft liberaler geworden, aber durch die Hintertür haben sich Respektlosigkeit, Überheblichkeit und Verachtung gegenüber Frauen eingeschlichen. Als Domina hat man zwar eigene Möglichkeiten, Männer in ihre Schranken zu weisen. Aber ich stelle fest, dass das immer ­öfter nötig ist.

Sie kritisieren auch die neue Kumpelhaftigkeit zwischen den Geschlechtern. Was ist daran schlecht?
Mein Bauchgefühl sagt mir, dass es dem Umgang zwischen Männern und Frauen nicht guttut, wenn jegliche Grenzen aufgeweicht werden. Kumpel kann man von einem Nachbarn sein, einem Arbeitskollegen, einem Sportkameraden. Aber wenn es um romantische oder erotische Begegnungen zwischen Mann und Frau geht, erzeugen gute Manieren eine positive Spannung, und Höflichkeit ist ein wunderbares Mittel, diese Spannung aufrechtzuerhalten. Früher bemühte sich ein Mann um eine Frau, heute ist es durchaus üblich zu sagen: Na, Alte, wollen wir ficken?

Immerhin muss man sich heute nicht mehr so schämen für seine Sexualität.
Das ist auch gut so, aber auf welchem Niveau findet das statt? Natürlich war früher nicht alles besser. Der Mann musste der Frau etwas von Liebe vorlügen, damit es zum Sex kam. Ich begrüsse, dass wir heute liberaler denken, aber mich stört die Konsumhaltung, die die jungen Leute diesbezüglich zeigen. Sie nehmen mit, was der Zeitgeist ihnen gestattet. Aber zu einer erfüllten Sexualität gehört mehr.

Sie sprechen von Konsumhaltung – spielt da auch die allgegenwärtige Verfügbarkeit von Pornografie eine Rolle?
Sie führt auf jeden Fall zu einer falschen Erwartungshaltung. Viele können nicht zwischen Fiktion und Realität unterscheiden. Sie realisieren nicht, dass der Film eine künstliche Welt darstellt, die mit dem realen Leben nicht viel zu tun hat, auch nicht in der Prostitutionsbranche.

Können Sie ein Beispiel geben?
Ein Kunde zum Beispiel wollte einmal, dass ich ihn mit aller Kraft in die Hoden trete, weil er das in einem Porno gesehen hatte. Ich fragte ihn, ob er sich ganz sicher sei, und er hatte keine Zweifel. Als ich dann zutrat – nicht einmal besonders stark –, hat er sich auf den Teppich erbrochen. Ein Schmerz, den man sich toll vorstellt, ist etwas anderes als der reale Schmerz. Das wissen viele nicht. Und wenn eine reale Sexpartnerin sich dann weigert, Praktiken nachzuspielen, heisst es, sie sei zickig.

Sind das Einzelfälle, oder erleben Sie das oft?
Das ist ein Muster. Da gibt es etwa Männer im fortgeschrittenen Alter, die schon ein bisschen abgestumpft sind, den ewigen Sex langweilig finden. Wenn sie dann etwas in einem Porno sehen und merken, es regt sich etwas, gehen sie zu einer Prostituierten und wollen es eins zu eins nachspielen. Das kann dann schon schwierig werden. Wenn man dann vorsichtig nachfragt, ob sie sich der physischen Belastungen solcher Praktiken bewusst seien, sind sie beleidigt.

Wie reagieren Sie darauf?
Ich gucke mir den Menschen an, die Art, wie er erzählt, wie alt er ist, wie sportlich und wie gesund er wirkt. Ich trage die Verantwortung, dass er als heiler Mensch wieder nach Hause geht. Im Zweifelsfall findet eben Kopfkino statt.

Weisen Sie gewisse Wünsche auch ab, oder spielen Sie alles möglichst genau nach?
Einerseits muss ich sie ernst nehmen, aber ich behalte mir auch vor, die Umsetzung seiner Fantasien selbst zu gestalten. Ich lasse mich auf den Menschen ein und führe ihn Schritt für Schritt durch diese Fantasie. Im Laufe der Session spüre ich, ob ich auf dem richtigen Weg bin, ob ich ihn unter- oder überfordere. Dafür braucht es eben die Erfahrung.

Ein Sexualtherapeut sagte mir neulich, dass der Pornokonsum zu einer Fetischisierung führt. Erleben Sie das auch?
Heute kann jeder, der will, schon in ganz jungen Jahren härteste Pornografie konsumieren. Buben sehen also härteste Praktiken, von denen sie keine Ahnung haben, ohne ein Gefühl für richtig oder falsch zu entwickeln. Sie halten sie sogar für ganz normal. Und mit dem füttern sie ihr Hirn und gehen dann auf die erste reale junge Frau im Leben zu. Das finde ich schlimm. Ein Beispiel: Selbst wenn eine Pornodarstellerin den Hardcore-Sex wirklich geniesst, heisst das ja noch lange nicht, dass das jede Frau gut findet. Aber die Männer setzen das dann oft gedankenlos voraus. Und wenn eine nicht mitmachen will, gilt sie als schwierig.

Erniedrigung und Unterwerfung sind seit einigen Jahren ein grosses Thema in der Pornobranche – wie erklären Sie sich diesen Trend?
Jede Männergeneration findet ihren Weg, Frauen kleinzumachen. Früher waren wir klein, weil wir abhängig waren und uns in dieser Rolle eingerichtet und damit zufriedengegeben haben. Heute, da Frauen stärker und viele auch finanziell unabhängig sind, werden sie in den sexuellen Fantasien der Männer gedemütigt. Die Trennung zwischen Hure und Heiliger ist ja ein sehr altes Thema, aber immer noch aktuell. Das ganze Demütigungs-Genre passt dazu.

Haben Sie manchmal auch Angst vor Ihren Kunden?
Nein. Es hilft, sich in so einer Situation daran zu ­erinnern, dass jeder ein Geschöpf Gottes ist. Und letztlich macht sich das Gegenüber durch solche Verhaltensweisen ja auch klein. Er ist bedürftig, er weiss es nur nicht.

Inwiefern bedürftig?
Eigentlich möchte ja jeder Mann einen Harem und freie Verfügungsgewalt über Frauen haben. Und wenn kein Harem zur Verfügung steht oder er seine sexuellen Wünsche sonst nicht ausleben kann, kauft er sich eben die Dienstleistung. Wenn er die Frau, die vor ihm steht, kleinmacht, um sich selber wieder gross zu fühlen, dann ist das ein Zeichen von Hilflosigkeit und Gedankenlosigkeit. Warum kann ich meine Bedürftigkeit nicht einfach sehen und annehmen? Das muss ja jeder Mensch.

In «Über die Ehe» schreibt Gottfried Benn, dass für den Mann jedem Koitus etwas Gemeines, Niedriges und Kriminelles zugrunde liege. Kommt daher der moralische Kater, den Sie bei Ihren Kunden oft erleben?
Ich kann Ihnen einfach so viel sagen: Die Moral der Herren ist vor dem Vögeln eine andere als nach dem Vögeln. Dann kommt das schlechte Gewissen, und sie fragen sich, wie sie sich nur auf so etwas einlassen konnten.

Und woher kommt das?
Eine Kollegin von mir hat dies einmal so ausgedrückt: Erst wollen sie einfach unbedingt vögeln, und danach heulen sie ihr die Ohren voll, denn eigentlich hätten sie ja so eine tolle Frau und sie verstünden sich selbst nicht und so weiter. Die Kollegin sagt dann, zur Absolution sollten sie gefälligst zur Beichte gehen. Also bitte! Männer schieben die Verantwortung für ihre Triebe von sich. Der Trieb macht etwas mit ihnen, sie können nichts dafür. Das ist auch eine gesellschaftlich verbreitete Haltung, Männern ihren Trieb zu verzeihen, weil sie ja nichts dafür können. Merken sie eigentlich, dass sie sich damit selbst zu Kindern machen?

Wie sehen Sie es denn?
Jeder Mensch muss die Verantwortung für seinen Körper, seine Gefühle und Triebe übernehmen. Persönlich finde ich, dass kein Bedürfnis genuin pervers ist, nicht einmal Pädophilie. Aber der Umgang mit so einer Neigung ist entscheidend. Lebe ich es verantwortungsbewusst? Schade ich mit meinem Verhalten jemandem oder nicht?

Hat Ihr Beruf auch therapeutische Aspekte?
Das kann man wohl nicht so verallgemeinern. Aber wenn eine Frau diese Tätigkeit bewusst aussucht und reflektiert, dann kann das durchaus für den Kunden auch therapeutisch sein. Man muss sich zurücknehmen, dem Menschen zuhören und ihn in seinen Wünschen respektieren, in allem, was unverständlich, anders und verwirrend wirkt. Ich sehe in diesem Beruf oft Männer, die völlig verkrampft zu mir kommen und dann gelöst wieder gehen. Ich konnte ihnen helfen. Oft hat das nichts mit sexueller Befriedigung zu tun, sondern mehr mit menschlicher Zuwendung.

Wie geht man in Ihrem Beruf mit Intimität um?
Als Domina wahre ich körperliche Distanz. Aber Sex kann ja auch ein sehr formaler und distanzierter Akt sein, während der Einblick in das Seelen­leben sehr intim sein kann. Da zieht sich jemand seelisch aus, und ich spiele das mit ihm durch. Manchmal muss ich mich so intensiv auf jemanden einlassen, dass es fast persönlicher ist, als es der sexuelle Akt wäre.

Dann sind Ihre Kunden auf eine Art intimer mit Ihnen als mit ihren Ehefrauen?
In gewisser Weise schon. Gehen Sie mal im Kopf Ihren Freundeskreis durch – von wem kennen Sie die geheimsten Fantasien und sexuellen Wünsche? Oft kennt man einen Menschen jahrelang, vermeint, ihn zu kennen – und dann stellt sich heraus, dass alles ganz anders ist. Gerade wenn es um Wünsche geht, die andere Menschen als abartig oder pervers bezeichnen. Aber diese Wünsche sind da, immer wieder. Dann gehen sie zu einem völlig fremden Menschen, von dem sie nicht einmal den richtigen Namen kennen, und sollen diese Dinge offenbaren.

Und Sie bringen sie dann zum Reden?
Das muss ich, sonst weiss ich gar nicht, was ich mit ihnen machen soll. Inzwischen weiss ich auch, wie ich fragen muss, um ihm das Sprechen zu erleichtern.

Was denkt man eigentlich über Männer, wenn man den ganzen Tag mit solchen Fantasien konfrontiert wird?
Eine Psychotherapeutin erzählte mir, wie sie damit umgeht. Nach besonders anstrengenden Sitzungen sagt sie sich jeweils: Das war jetzt die Person X, das ist ihr Leben und ihre Welt, und jetzt bin ich wieder ich. So etwas kommt bei mir auch vor. Was das Verständnis anbelangt, habe ich grosse Hochachtung vor Menschen, die zu einer Fachfrau gehen, um ihre Fantasien in einem geschützten und kontrollierten Raum auszuleben. Wenn es diese Fantasien schon gibt, dann ist dies die beste Art, damit umzugehen. Um Ihre Frage konkret zu beantworten: Ich denke nicht schlechter und nicht besser als früher über «die» Männer. Achten kann ich nur das Individuum, niemals die anonyme Menge.

Urteilen Sie nie moralisch?
Ich halte es für unmoralisch, sich selbst auf einen Sockel zu stellen und auf andere Menschen moralisierend herabzusehen. Das überlasse ich den selbst ­ernannten Gutmenschen.

Was macht denn einen richtigen Mann aus?
Ein reifer, mental erwachsener Mensch, der sich selbst, sein Denken und Handeln hinterfragen und auch darüber sprechen kann. Er ist stolz auf seine Stärken und hat sich mit seinen Schwächen ausgesöhnt. Und er kann Verantwortung übernehmen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.03.2016, 23:22 Uhr

Karolina Leppert

Domina aus Überzeugung

Die heute Siebzigjährige wuchs in Bayern in einer gutbürgerlichen Familie auf und arbeitete als Fachverkäuferin und im Marketing. Mit 53 Jahren entschied sie sich, noch einmal etwas anderes zu versuchen. Sie informierte sich beim Verein Hydra, der Prostituierten beim Ein- und Ausstieg hilft, über das Sexgewerbe. Dort fragte man sie, ob jemand sie unter Druck setze oder ob sie Geld brauche. Als sie beides verneinte, riet man ihr, erst einmal eine Therapie zu machen. Leppert entschied sich aber, eine Karriere als Domina zu versuchen. Heute ist die Mutter einer Tochter im Vorstand des Vereins Hydra und setzt sich für die Rechte von Prostituierten ein. Soeben ist ihr neues Buch erschienen, in dem sie eine Verrohung der Sitten beklagt und vor einem Backlash warnt: «Männermanieren. Standpauke aus dem Rotlicht», Verlag Edition A, 128 Seiten, ca. 24 Fr. (mcb)

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