Jetzt schafft Zürich klare Regeln zur Umkleidezeit

Zählt es bereits zur Arbeitszeit, wenn man sich am Arbeitsort umziehen muss? Diese Frage wurde in der Stadt bisher unterschiedlich beantwortet.

Noch dürfen die Mitarbeitenden von <nobr>Schutz & Rettung</nobr> Zürich die Zeit, in der sie ihre Arbeitskleider anziehen, nicht zur Arbeitszeit zählen. Neue städtische Regeln könnten dies ändern.

Noch dürfen die Mitarbeitenden von Schutz & Rettung Zürich die Zeit, in der sie ihre Arbeitskleider anziehen, nicht zur Arbeitszeit zählen. Neue städtische Regeln könnten dies ändern. Bild: Patrick Gutenberg

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Der Zürcher Finanzvorsteher Daniel Leupi (Grüne) will gesamtstädtische Regeln, unter welchen Umständen und für welche städtischen Angestellten die Umkleidezeit als Arbeitszeit gilt. Dies sei das Resultat von zahlreichen Rückmeldungen der Dienstabteilungen der Stadt, bestätigt die Mediensprecherin des Finanzdepartements, Catharina Fingerhuth, auf Anfrage.

Leupi hatte im Januar das Personalmanagement beauftragt, eine Auslegeordnung vorzunehmen, ob es überhaupt eine Regelung im städtischen Personalrecht brauche. Nach den Sommerferien will das Finanzdepartement nun Detailfragen klären, wie eine entsprechende Gesetzesänderung ausgestaltet werden soll und in welchen Bereichen die Umkleidezeit an die Arbeitszeit angerechnet werden kann.

Diskussion in Spitälern

Auslöser dieses Prozesses waren Diskussionen beim Spitalpersonal, welche die Gewerkschaft VPOD im vergangenen Jahr angestossen hatte. Sie forderte, dass Spitäler die Zeit entsprechend vergüten, wenn sie vom Personal verlangen, dass es sich vor Ort umzieht. In gewissen Betrieben benötigen dafür Pflegefachleute täglich 15 Minuten. Rechnet man das hoch, verbringen sie pro Jahr eineinhalb Wochen in der Umkleidekabine. Würden sie die Zeit bezahlt bekommen, kostete das ein Regionalspital pro Jahr 4 Millionen, das Unispital gar bis zu 20 Millionen Franken.

Das Kinderspital und die Schulthess-Klinik anerkennen die Umkleidezeit inzwischen als Arbeitszeit. Andere Spitäler weigern sich noch, ihre Regeln entsprechend anzupassen. Auf sie übt der VPOD mit Lohnklagen Druck aus. Für mehrere Hundert Spitalangestellte im Kanton Zürich hat die Gewerkschaft bereits Lohnklagen vorbereitet oder schon eingereicht. Wie der Gewerkschaftssekretär Roland Brunner kürzlich dem TA sagte, gibt es allein im Unispital bereits 157 Angestellte, die für die letzten fünf Jahre Lohn für die Umkleidezeit einfordern.

Unterschiedliche Auffassungen

Auch bei der Stadt Zürich ist es heute je nach Abteilung unterschiedlich geregelt, was alles zur Arbeitszeit zählt. Kanalreiniger zum Beispiel dürfen je nach Einsatz 15 Minuten anrechnen: 5 Minuten für das Umziehen vor dem Einsatz sowie je 5 Minuten für das Umziehen und Duschen danach.

Auch Polizistinnen, die beispielsweise zu einer gewalttätigen Demonstration gerufen werden und dafür die volle Ausrüstung anziehen müssen, erhalten zusätzliche Arbeitszeit. Tritt ein Polizist jedoch seinen normalen Dienst in der Uniform an, wird ihm für das Umziehen keine Arbeitszeit berechnet – auch wenn es ihm nicht erlaubt ist, ein Kleidungsstück mit der Aufschrift «Polizei» oder dem Logo der Stadtpolizei sichtbar in der Freizeit zu tragen. Er müsste die Kleider also entweder unter einer neutralen Jacke tragen oder sich am Arbeitsplatz umziehen.

«Als Arbeitszeit gilt die Zeit, während der sich Angestellte zur Verfügung des Arbeitgebers zu halten haben.»Katrin Keller Lüscher, Anwältin für Arbeitsrecht

Das Arbeitsgesetz ist in seinen Ausführungen bezüglich der Umkleidezeit unklar. Dafür hat das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) Ende Februar die Wegleitung zum Arbeitsgesetz angepasst. Darin steht zur Arbeitszeit: «Im Zusammenhang mit Umkleiden/Ankleidung gilt somit all das als Arbeitszeit, was obligatorisch Teil des Arbeitsprozesses ist: (...) Anziehen von Überzugskleidern oder steriler Arbeitskleidung.»

Noch verständlicher drückt es die Zürcher Anwältin für Arbeitsrecht, Katrin Keller Lüscher, aus: «Als Arbeitszeit gilt die Zeit, während der sich Angestellte zur Verfügung des Arbeitgebers zu halten haben.» Müssten sie sich auf Anweisung des Arbeitgebers oder aus rechtlichen Gründen – beispielsweise zur Einhaltung von Hygienevorschriften – am Arbeitsort umziehen, gelte dies ihres Erachtens als Arbeitszeit, sagt Keller. Oder anders ausgedrückt: Ist es zumutbar und rechtlich zulässig, in den Arbeitskleidern mit öffentlichen Verkehrsmitteln zur Arbeit zu fahren, zählt das Umziehen nicht zur Arbeitszeit.

Der Arbeitgeber darf aber Vorschriften dazu machen, wie viel Zeit sie sich fürs Umziehen lassen dürfen, damit die Arbeitnehmenden nicht in der Umkleidekabine verweilen statt zu arbeiten.

Bisher druften die meisten die Umkleidezeit nicht anrechnen

Die Stadt Zürich mit ihren über 40 verschiedenen Dienstabteilungen ist äusserst heterogen. Viele städtische Angestellte müssen gar keine speziellen Kleider tragen, andere wie etwa Trampilotinnen können bequem von zuhause aus in der VBZ-Uniform zur Arbeit fahren.

Für einen Gärtner von Grün Stadt Zürich ist es je nach Einsatz unangenehmer, in seinen Arbeitskleider nachhause zu fahren. Entsprechend unterschiedlich haben die jeweiligen Abteilungen auch die Umkleidezeit geregelt, wobei in den meisten Bereichen die Umkleidezeit bisher nicht angerechnet werden durfte, wie eine Umfrage des TA im Februar zeigte. Nun schafft die Stadt für alle einheitliche Regeln.

Erstellt: 17.07.2019, 13:12 Uhr

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