Jetzt schlägt die Stunde der Altruisten

Die aktuelle Asyldebatte wird heftig geführt. Auf der anderen Seite der Stimmungsmache formiert sich derweil selbstloser Widerstand – so auch in Zürich.

Gelebte Solidarität: Zürcher laden Asylsuchende zum Nachtessen ein. (Foto: Solinetz.ch)

Gelebte Solidarität: Zürcher laden Asylsuchende zum Nachtessen ein. (Foto: Solinetz.ch)

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«Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf», schrieb der Philosoph Thomas ­Hobbes im 17. Jahrhundert. Hilfsbereitschaft gegenüber Schwächeren müsste demnach auf der Strecke bleiben: Wer nicht frisst, der wird selber gefressen. Die Menschheit – eine Anhäufung von Misanthropen.

Die aufgeflammte Flüchtlingsdebatte gibt Anlass, diese Sichtweise auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Rayonverbote für Flüchtlinge, die in die Badi wollen oder Protestgrilladen gegen Asylbewerber weisen eher in die pessimistische Hobbes-Sichtweise.

Mehr Solidarisierung dank Stimmungsmache

Doch es gibt auch die andere Seite: Altruisten, deren Ziel es ist, die schwierige Situation der Asylsuchenden mit freiwilligem Engagement zu verbessern. Ueli Wildberger darf zu diesen Menschen gezählt werden. Der Theologe ist Mitgründer von Solinetz – ein Zürcher Verein, der sich gemäss Statuten «gegen eine immer unmenschlichere und restriktivere Asylpolitik einsetzt». «Wir im reichen Westen haben diesbezüglich eine Verpflichtung», sagt Wildberger. Es gehe vor allem um menschliche Anteilnahme.

Solinetz – 2009 in Zürich gegründet – setzt ausschliesslich auf Freiwilligkeit (mal abgesehen von einer 30-Prozent-Stelle). Wildberger ärgert sich über die Emotionalität der aktuellen Asyldebatte. Vieles werde verzerrt dargestellt, es würden Ängste geschürt. Paradoxerweise profitiert der Verein durch diese Entwicklung. Zurzeit kämen häufig Leute, die sich in Solinetz-Projekten engagieren wollen. «Dies ist auch eine Reaktion auf die Stimmungsmacherei», sagt Wildberger.

Sprachunterricht, Gefängnisbesuche und gemeinsam essen

Zurzeit sind es rund 120 Menschen, die sich regelmässig bei Solinetz engagieren: Studierende, Berufstätige, Pensionierte oder Hausfrauen. Weitere 100 würden gelegentlich einen Beitrag leisten. «Bei unserer Gründung waren wir gerade mal 15 Personen», sagt Wildberger. Ihr Engagement ist vielfältig. Wobei Gratis-Deutschkurse mit anschliessendem Mittagstisch im Zentrum stehen. So kommt es vor, dass Studierende ihre Freizeit mit Syrern, Eritreern oder Afghanen verbringen, um mit ihnen Grammatik zu büffeln. Zusätzlich organisiert Solinetz Sommerlager für Migranten oder koordiniert Besuche im Flüchtlingsheim oder Ausschaffungsgefängnis. Beliebt seien auch die gemeinsamen Abendessen, wo Privatleute zu Hause für die Migranten kochen: «Das System können wir kurzfristig damit nicht ändern. Es geht vor allem um die Weitergabe menschlicher Wärme», sagt Wildberger.

Solinetz ist ein Beispiel unter vielen. Zürich hat weitere Projekte, die sich die Freiwilligenarbeit mit Asylsuchenden auf die Fahne geschrieben haben. Die Caritas unterhält etwa sieben Flickstuben im Kanton. Migrantinnen setzen sich mit Freiwilligen hinter die Nähmaschine und flicken kaputte Kleider. Das Ziel: Beschäftigung, soziokultureller Austausch und ein kleines Sackgeld. Weiter gibt es sogenannte Götti-Projekte wie beim Jugendrotkreuz: Ein Mentor steht jeweils einem Migranten für die Bewältigung von Alltagsfragen zur Verfügung. Auch die öffentlich-rechtliche Asylorganisation Zürich (AOZ), verschiedene Hilfsorganisationen, die Autonome Schule Zürich und noch diverse weitere engagieren sich im Bereich der Freiwilligkeit.

Eine gute Sache, aber ...

Die Freiwilligenarbeit stösst auf grosse Sympathie. Auch bei Vertretern einer repressiven Asylpolitik. «Das ist grundsätzlich etwas Tolles und Gutes», sagt SVP-Kantonsrat Claudio Schmid. Es bestehe allerdings die Gefahr, dass von der Hilfe «die Falschen» profitieren. Gemäss Schmid trifft dies vor allem auf vorläufig aufgenommene Flüchtlinge (Ausweis F) zu, die in Zürich sozialhilfeberechtigt sind: «Wenn sich diese Personen dann auch noch mit materiellen Gütern wie Gratisessen eindecken, ist das missbräuchlich.» Auch das Engagement der Kirchen sei problematisch: «Bei gläubigen Christen spielt immer auch die Glaubensbekehrung eine Rolle», sagt Schmid.

Das Hilfswerk der evangelischen Kirchen Schweiz (Heks), das Asylsuchenden mit rechtlicher Beratung zur Verfügung steht, wehrt sich gegen den Vorwurf: «Unser Ziel ist die soziale und wirtschaftliche Integration der Migranten. Die Religion spielt bei den Beratungen überhaupt keine Rolle», sagt Mediensprecher Olivier Schmid.

«Win-win-Situation»

Am Ende bleibt dennoch die Frage: Ist die aktuelle Solidarität gegenüber Flüchtlingen so selbstlos, wie sie auf den ersten Blick scheint? Wildberger vom Solinetz relativiert gleich selbst. Dem Altruismus liege immer auch ein rationales Abwägen zugrunde: «Anderen zu helfen, gibt dem Menschen eine Befriedigung. Es ist eine Win-win-Situation.» Oder um dem eingangs erwähnten Hobbes einen anderen Philosophen entgegenzusetzen: «Der Mensch ist von Natur aus gut (...) solange ihre Interessen sich kreuzen», sagte einst Jean-Jacques Rousseau.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.08.2015, 15:05 Uhr

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