Calatrava geht leer aus: Das sind die Pläne für den Bahnhof Stadelhofen

Die SBB haben den Stadelhofen-Ausbau vergeben. Erste Visualisierungen zeigen das Siegerprojekt. Es kommt nicht von Stararchitekt Calatrava.

Der Stadelhofen wird erweitert: So soll das neue unterirdische Gleis aussehen. Visualisierung: SBB

Der Stadelhofen wird erweitert: So soll das neue unterirdische Gleis aussehen. Visualisierung: SBB

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Jetzt ist es klar: Das 4. Gleis am Stadtzürcher Bahnhof Stadelhofen wird von Giuliani Hönger Architekten entworfen und zusammen mit Caretta und Weidmann Generalplaner gebaut. Das Architektenteam hat den Wettbewerb mit ihrem Vorschlag namens «Elysion» gewonnen, wie die SBB heute Dienstag an einer Pressekonferenz bekannt gegeben haben.

Die Architekten wollen das 4. Gleis in den Hang hinein bauen, es soll für die Pendler direkt über die Ladenpassage erreichbar sein. Der Entscheid der Jury fiel einstimmig, heisst es. Das Vorprojekt soll im Herbst 2021 vorliegen, gebaut wird gemäss Planung ab 2026. Inbetriebnahme des 4. Gleises soll im Jahr 2035 sein. Die geschätzten Kosten: 900 Millionen Franken.

So soll das 4. Gleis an den Bahnhof Stadelhofen angebunden werden (zum Vergrössern bitte anklicken). Grafik: SBB

Zwei neue Tunnel

«Um das 4. Gleis anschliessen zu können, brauchen wir einen neuen Tunnel zwischen Stadelhofen und Hauptbahnhof Zürich, den Hirschengrabentunnel», sagt Projektleiter Marc Weber-Lenkel. Zudem wird ein zweiter Tunnel Richtung Tiefenbrunnen benötigt, den zweiten Riesbachtunnel.

Nur der Bereich Stadelhofen war Teil des Projektwettbewerbs. Das neue Gleis wird rund 40 Meter im Berg liegen. Der Zugang ist auch vom Mühlebachpärkli möglich. Die bestehende Ladenpassage wird im Zuge der Erweiterung neu umstrukturiert.

So soll die Erweiterung aussehen. Visualisierung: SBB

Acht Teams hatten am Projektwettbewerb teilgenommen mit «sehr unterschiedlichen» Ansätze, wie die Jury-Leiterin Lisa Ehrensperger an der Medienkonferenz sagte. Die Aufgabe am Stadelhofen sei extrem komplex: Einerseits in technischer Hinsicht, andererseits wegen der geschützten Bausubstanz und schliesslich auch in Bezug auf städtebauliche Aspekte.

Die Planung des Ausbaus war nur auf dem SBB-Areal erlaubt, obwohl der Bahnhof zum Stadtgelände gehört. Dieses Kriterium hielten nicht alle Projekte ein – unter anderem jenes des spanisch-schweizerischen Stararchitekten Santiago Calatrava. Er hat den bestehenden Bahnhof Stadelhofen entworfen und sich auch um den Ausbau bemüht, den Zuschlag aber nicht erhalten: Seine Pläne beschränken sich nicht auf das SBB-Areal, sondern sehen Ausgänge aufs städtische Gebiet vor.

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Das Siegerprojekt «Elysion» verlegt vieles in den Berg und der Bahnhof wird seitlich ausgebaut, was dem Gebäude städtebaulich mehr Gewicht verleiht, wie Ehrensperger erklärte. Die Jury entschied sich einstimmig für Giuliani Hönger Architekten, wobei die Projekte anonymisiert bewertet wurden. Erst nach der Wahl war klar, von wem welches Projekt stamme, so Ehrensperger zum Vergabeverfahren.

Droht Gang vor die Gerichte?

Da Giuliani Hönger Architekten den Zuschlag erhalten hat, müssen sich die SBB auf einen möglichen Rechtsstreit mit Santiago Calatrava einstellen. Der Stararchitekt hatte bereits Anfang Jahr beim Bundesverwaltungsgericht eine Beschwerde gegen die Ausschreibung eingereicht.

Der Bahnhof gehört zu Calatravas Frühwerken und steht bereits heute unter Denkmalschutz. In der Beschwerde hatte Calatrava Bedenken geäussert, dass «sein» Bahnhof entstellt werden und sein Urheberrecht verletzt werden könnte. Calatrava war der Ansicht, der Auftrag hätte direkt an ihn vergeben werden sollen.

Im März zog er die Beschwerde allerdings zurück. Sein Anwalt liess aber offen, ob es zu einem späteren Zeitpunkt zu einem Prozess kommen könnte. Sollte ein anderes Team den Zuspruch bekommen, so der Anwalt im März, würde Calatrava und sein Büro das Projekt genau, aber ergebnisoffen prüfen. Und: «Aus unserer Sicht ist es kaum vorstellbar, dass jemand anders als Santiago Calatrava diese Erweiterung machen kann.» Aus der Sicht der SBB offenbar schon.

Santiago Calatrava nimmt zum jetzigen Zeitpunkt keine Stellung zur Niederlage und allfälligen juristischen Schritten, wie ein Mitarbeiter auf Anfrage sagt.

Viertgrösster Bahnhof Zürichs

Der Ausbau des Stadelhofens ist überfällig, die Kapazitätsgrenze ist längst überschritten. Der Stadelhofen ist inzwischen mit täglich knapp 83'000 ein- und aussteigenden Passagieren der viertgrösste Bahnhof Zürichs und eines der grössten Nadelöhre im regionalen Zugverkehr.

Der neue Bahnhof Stadelhofen nach der Erweiterung. Visualisierung: SBB

Der Grund: 1990 wurde er mit einem «Geburtsfehler» in Betrieb genommen: Aus Kostengründen hat er nur drei und kein viertes Gleis. Das hat zur Folge, dass jede Störung den Fahrplan durcheinanderwirbelt und Pendler teils bis in die Ostschweiz verärgert.

900 statt 50 Millionen

Den Engpass hat die Politik der 1970er- und 80er-Jahre verschuldet, die nach der wuchtig gescheiterten U-Bahn-Abstimmung (1973) die Pläne eines Stadelhofens mit vier Gleisen und einem zweiten Riesbachtunnel abgespeckt hatte, um 50 Millionen Franken zu sparen. Deshalb müssen heute die Züge, die nach Tiefenbrunnen fahren wollen, die Spur der von Stettbach aus stadteinwärts fahrenden Züge kreuzen. Zudem gibt es keine vollwertige Doppelspurstrecke zwischen Stadelhofen und Tiefenbrunnen.

Seit Jahren versucht die Politik diese aus der heutigen Optik betrachtete Fehlplanung zu korrigieren. Ein schwieriges Unterfangen, das sich um zwei zentrale Fragen dreht. Wer bezahlt? Und wohin soll das Gleis?

Das Stimmvolk sagte Nein

2014 verwarfen die Stimmbürgerinnen und Stimmbürger mit einer Zweidrittelmehrheit eine kantonale Volksinitiative des VCS, die verlangt hatte, der Kanton solle das Geld für den Ausbau vorschiessen. Mit gutem Grund: Nur wenige Monate vor der Abstimmung über die VCS-Initiative hatte das Schweizer Stimmvolk einem neuen Bahn-Finanzierungsmechanismus zugestimmt. Im vergangenen Juni hat sich der Nationalrat für ein knapp 13 Milliarden Franken grosses Paket für den Bahnausbau 2035 ausgesprochen. Damit soll auch der Umbau des Stadelhofens finanziert werden.

Die zwei diskutierten Varianten im Abstimmungskampf im Jahr 2014.

Im Abstimmungskampf zur Stadelhofen-Initiative wurde auch darüber diskutiert, wie ein 4. Gleis realisiert werden könnte. Ein schwieriges Unterfangen, da der Bahnhof enorm kompakt in den Berg unter der Hohen Promenade gebaut wurde. Der Regierungsrat schlug vor, ein viertes Gleis 30 bis 40 Meter hinter der heutigen Bahnhofwand zu bauen, das über die Ladenpassage zugänglich wäre. Der VCS hatte die Idee, das Gleis 4 zwei Etagen unter dem dritten Gleis zu bauen.

Erstellt: 18.11.2019, 18:20 Uhr

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