Jung, ungebunden und fruchtbar

Wie hat sich die Bevölkerung der Stadt in den letzten 125 Jahren verändert? Ein Blick zurück zeigt: Die Zürcherinnen und Zürcher von damals und heute haben einiges gemeinsam.

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Zürich wächst. Allein zwischen September und August dieses Jahres ist die Wohnbevölkerung um 0,5 Prozent angestiegen. Die rasanteste Vergrösserung der Bevölkerung gab es allerdings vor 125 Jahren, als Zürich auf einen Schlag mit elf Aussengemeinden zu einer Grossstadt vereint wurde. Zum Jubiläum dieser Eingemeindung widmet die Stadt nun im Rahmen ihrer digitalen Zeitreise (siehe Box) ein Kapitel ihren Bewohnerinnen und Bewohnern.

In einem Punkt hat sich die Struktur der Einwohner seit der Gründung der Grossstadt nicht verändert: Es sind noch immer hauptsächlich junge Erwachsene, die hier leben, um eine Ausbildung zu absolvieren oder ihre Karriere zu starten. Doch während heute die Mehrheit der Stadtbevölkerung um die 30 Jahre alt ist, waren es Ende des 19. Jahrhunderts noch die 20-Jährigen.

Die Jungen von damals schienen allerdings keine Lust auf Vermehrung zu haben: Ab 1900 setzte ein Geburtenrückgang ein. Der Kinderanteil sank von 18 (1894) auf 7 Prozent (1990). Erst seit der Jahrtausendwende verjüngt sich die Stadt wieder. Alljährlich wird der Geburtenrekord des Vorjahrs geschlagen, wobei inzwischen jedes dritte in Zürich geborene Kind Eltern hat, die nicht miteinander verheiratet sind.

Der Anteil ausserehelicher Geburten war übrigens schon Ende des Ersten Weltkriegs vergleichsweise hoch. Viele Dienstmädchen und Fabrikarbeiterinnen wurden damals ungewollt schwanger. Heute ist der Entscheid gegen die Ehe meist gewollt. Nach 1963 hat die Zahl der Eheschliessungen in Zürich massiv abgenommen und verharrte ab 1976 auf tiefem Niveau. Noch immer sind mehr Zürcherinnen und Zürcher ledig (235’000) als verheiratet (135’000) oder in einer eingetragenen Partnerschaft (2000).

Mehr Männer als Frauen in Zürich

Zum ersten Mal seit 180 Jahren gibt es in Zürich zudem mehr Männer als Frauen. Genauer hat Statistik Stadt Zürich Ende September 2018 knapp hundert männliche Einwohner mehr erfasst. Der Grund dafür liegt im sogenannten Wanderungssaldo: der Zahl der Männer und Frauen, die in Zürich zu- oder wieder wegziehen. Seit den 1980er-Jahren ist der Wanderungssaldo bei Männern höher als bei Frauen. Gleichzeitig werden die frauenstarken Generationen älter, und der Frauenanteil nimmt durch Todesfälle stärker ab.

Die Rahmenbedingungen für den Zuzug nach Zürich haben sich seit der Stadtvereinigung vor 125 Jahren mehrmals geändert. Bis 1914 galt weitgehend die Personenfreizügigkeit. Dann begann der Erste Weltkrieg und mit ihm die Einschränkung des freien Personenverkehrs. Zürich wurde von einer internationalen zur national geprägten Grossstadt. Erst als nachdem 1945 der wirtschaftliche Aufschwung einsetzte und die Arbeitskräfte knapp wurden, passte die Stadt ihre Statuten an und ermöglichte Saisonniers die temporäre Arbeit in Zürich.

Sterberate auf neustem Tiefstand

Auch heute noch verdankt Zürich einen Grossteil seines Wachstums dem Zuzug aus dem Ausland – und dem konstanten Fortschritt der medizinischen Versorgung der Bevölkerung und der verbesserten Hygiene in der Stadt. Die Sterberate sank von 1893 bis 1915 rapide von 18 auf 10 Promille und stabilisierte sich bis 1960 bei rund 9 Promille. In den folgenden Jahrzehnten kam mit der fortschreitenden Alterung der Bevölkerung ein erneuter Anstieg der Sterberate auf 12 Promille. Seit 1980 verjüngt sich die Stadtbevölkerung allerdings wieder, sodass 2016 mit einer Sterberate von 7,6 Promille ein neuer Tiefststand verzeichnet werden konnte.

Heute gehen die Statistiker davon aus, dass die Bevölkerung von Zürich bis 2035 auf über 500’000 Menschen ansteigen wird – und zwar vor allem der Anteil der 40- bis 69-Jährigen sowie der Kinder und Jugendlichen. Zürich wächst also weiter, so viel ist sicher. Ob die Stadtbewohner dereinst auch wieder mehr Lust auf die Ehe haben, wird sich allerdings noch weisen müssen.

Erstellt: 04.12.2018, 10:56 Uhr

Die digitale Zeitreise

Die Grossstadt Zürich feiert in diesem Jahr ihren 125-jährigen Geburtstag. Am 1. Januar 1893 trat die erste Stadterweiterung in Kraft und Zürich wurde um elf Nachbargemeinden vergrössert: Aussersihl, Enge inklusive Leimbach, Fluntern, Hirslanden, Hottingen, Oberstrass, Riesbach, Unterstrass, Wiedikon, Wipkingen und Wollishofen. Mit einem Schlag hatte Zürich viermal mehr Einwohner – nämlich 120’000.

Welche Auswirkungen dieser Schritt auf die weitere Entwicklung Zürichs hat, zeigt die Stadt auf ihrer Website in einer digitalen Zeitreise durch die Geschichte. Monatlich wird ein Themenbereich aufgegriffen und die Veränderungen der letzten 125 Jahre in Bildern, Statistiken und Grafiken illustriert. Tagesanzeiger.ch/Newsnet nimmt diese Serie in loser Folge auf. (tif)

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