Junge Asylbewerber beschäftigen Drogenhilfe

Die Stadtzürcher Drogenfachstellen müssen sich neu orientieren: Nebst Fixern, jungen Trinkern und psychisch Kranken sind unbegleitete minderjährige Flüchtlinge eine neue Zielgruppe.

Jugendliche und junge Erwachsene, die im öffentlichen Raum trinken, werden zunehmend zum Problem. Foto: Ben Welsh (Prisma)

Jugendliche und junge Erwachsene, die im öffentlichen Raum trinken, werden zunehmend zum Problem. Foto: Ben Welsh (Prisma)

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Jahrelang galt sie als Paradepferd im Stadtzürcher Sozialbereich: die Sucht- und Drogenhilfe, die Ende der 90er-Jahre im Zuge der Auflösung der offenen Drogenszene mit innovativen Hilfsangeboten für Aufsehen sorgte. Ihr Pioniercharakter lockte viele Delegationen aus anderen Städten nach Zürich, damit sich diese ein Bild der hiesigen Sucht- und Drogenhilfe machen konnten.

Jetzt steht dieser Kernbereich im Sozialdepartement von Raphael Golta (SP) vor einem Umbruch. Golta lässt derzeit alle Angebote und Leistungen des Geschäftsbereichs auf ihre Notwendigkeit überprüfen, wie aus dem kürzlich veröffentlichten neuen Geschäftsbericht des Stadtrates hervorgeht. Das Projekt «Überprüfung Drogenhilfe» soll 2016 «intensiv vorangetrieben und per 2017 umgesetzt werden», heisst es dort.

«Wir überprüfen, ob und inwiefern die Angebote den sich verändernden Realitäten angepasst werden müssen», bestätigt Barbara E. Ludwig, Leiterin des Geschäftsbereichs Sucht und Drogen. Dazu gehören die vier Kontakt- und Anlaufstellen für Drogenabhängige, die zwei Heroinabgabe-Kliniken, der Treffpunkt T-alk für Alkoholiker, der Treffpunkt City für Randständige, die Interventionstruppe SIP Züri, die Frauenberatung Flora Dora für Sexworkerinnen auf dem Strichplatz und die Jugendberatung Streetwork mit dem Drogen-Informationszentrum (DIZ).

Demente vergessen das Heroin

«Seit 25 Jahren sorgt der Geschäftsbereich Sucht und Drogen mit Schadensminderung und Überlebenshilfe dafür, dass suchtkranke Menschen Unterstützung bekommen», sagt Barbara E. Ludwig. In dieser Zeit hätten sich die Herausforderungen in der Drogenhilfe stark gewandelt. So hat die Zahl der Fixer, wie man sie von Letten- und Platzspitz-Zeiten her kennt, in den letzten Jahren abgenommen. Ihr Durchschnittsalter steigt, es gibt immer mehr alternde Süchtige.

Diese sind meist über 50 Jahre alt, ihr Gesundheitszustand entspricht aber aufgrund des jahrelangen Drogenkonsums häufig demjenigen von Betagten. Berichtet wird sogar von Süchtigen, die aufgrund einer Demenzerkrankung ihre Heroinsucht vergessen haben sollen. Das steigende Alter der Fixer zeigt sich auch in den Kontakt- und Anlaufstellen, in denen das Durchschnittsalter der Besucher aktuell 44 Jahre beträgt. Vor 20 Jahren waren diese im Schnitt rund 20 Jahre alt.

«Häufig haben diese Männer und Frauen zu ihren Suchtproblemen auch psychiatrische Diagnosen», sagt Barbara Ludwig. Diese psychisch angeschlagenen Personen seien im öffentlichen Raum, wo sie sich aufhalten, eine Herausforderung. Aber auch in den Wohn- und Obdachlosenunterkünften sorgen sie für Probleme. «Häufig hat es für sozial derart stark desintegrierte Drogensüchtige keine geeigneten Angebote», sagt Ludwig. Die Zunahme von Menschen mit psychischen Erkrankungen beschäftigt das Sozialdepartement bereits seit einiger Zeit. 2014 zeigte eine Studie, dass über 90 Prozent der Klienten in den Wohn- und Obdachloseneinrichtungen der Stadt an mindestens einer psychischen Krankheit leiden.

«Beträchtliche Reibung»

Während in der öffentlichen Wahrnehmung die «klassischen» Drogenabhängigen dank der 4-Säulen-Politik heute stadtverträglich erscheinen, rückt der Konsum von Alkohol im öffentlichen Raum stärker in den Vordergrund. Brennpunkte sind hier etwa die Langstrassengegend, der HB und im Sommer die Gegend ums Seebecken, wo der Alkoholkonsum «gesellschaftlich beträchtliche Reibung verursacht», wie Ludwig sagt. «Hier verhält es sich quasi umgekehrt zum Heroin: Diese Zielgruppe der Drogenhilfe wird nicht laufend älter, sondern zunehmend jünger.»

Zu den neuen Herausforderungen gehören Jugendliche und junge Erwachsene, die mit ihrem Verhalten an Wochenenden häufig Lärmklagen an die Stadtpolizei provozieren. Sie werden von den SIP-Patrouillen auf die Risiken ihres Konsumverhaltens angesprochen.

Sorgen bereiten in diesem Zusammenhang seit kurzem auch unbegleitete minderjährige Asylsuchende, wie Barbara Ludwig sagt. Diese leben ohne den Rückhalt familiärer Strukturen in Zürich und haben meist kaum Kenntnis der hiesigen Gepflogenheiten. Da sie in Asylunterkünften kaum Privatsphäre haben, halten sie sich häufig im öffentlichen Raum auf. Ludwig: «Sie zeigen aufgrund ihres jungen Alters, fehlender elterlicher Kontrolle und anderer kultureller Hintergründe gerade in Bezug auf Alkoholkonsum ein riskantes Verhalten.» Es handle sich hier um eine neue Zielgruppe für die Drogenprävention, die zwar zahlenmässig nicht riesig, aber sehr betreuungsintensiv sei.

Eine halbe Million sparen

Welche Folgen haben die aktuellen Herausforderungen für bestehende Hilfsangebote? Was wird aufgehoben, was neu eröffnet? Hier hält sich Ludwig noch bedeckt. «Das ist Gegenstand der laufenden Projektarbeit.» Bereits entschieden ist, dass die Öffnungszeiten der vier Drogenanlaufstellen wegen rückläufiger Besucherzahlen angepasst werden und dass die Heroinabgabe-Kliniken Anfang 2017 ans Gesundheits- und Umweltdepartement übergehen. Insgesamt soll die Leistungsüberprüfung im Bereich Sucht und Drogen Einsparungen von 0,5 Millionen Franken bringen. Dieser Betrag werde wohl mit Reduktionen von Öffnungszeiten bei einzelnen Angeboten erreicht, sagt Ludwig. Entlassungen seien keine geplant. Das Sparziel von 0,5 Millionen Franken macht knapp vier Prozent des Netto-Jahresaufwands von Sucht und Drogen aus.

Nichts zu tun hat die Überprüfung mit der vom Kanton letzten Monat im Rahmen des Sparpakets angekündigten Subventionseinstellung bei der Dezentralen Drogenhilfe. Die Folgen dieses Regierungsentscheids werden aber auch in Zürich derzeit genau geprüft.

Neuer Name gesucht

Fest steht, dass der Geschäftsbereich einen neuen Namen erhält. Ursprünglich hiess er «Ambulante Drogenhilfe», 2007 wurde daraus «Sucht und Drogen». Da sich der Fokus von der Substanzorientierung weg zum Verhalten und hin zu den Lebensumständen entwickelt, soll dies auch in der neuen Bezeichnung zum Ausdruck kommen, wie Ludwig sagt. Fündig geworden sei man noch nicht.

Karin Weyermann (CVP), Präsidentin der parlamentarischen Sozialkommission, hält Goltas Überprüfung der Drogenhilfsangebote für sinnvoll. Nur so könne man bei Bedarf korrigierend eingreifen und herausfinden, was es allenfalls nicht mehr braucht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.05.2016, 20:26 Uhr

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