Wer liefert Zürichs neue Park-App?

Die Stadt will endlich eine Bezahl-App für Parkplätze. Innovative Jungunternehmer haben aber in der Ausschreibung keine Chance.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Was digitale Innovation betrifft, zeigt sich Zürich strebsam. Die ETH bringt immer wieder vielversprechende Start-ups hervor, Google schafft beim Hauptbahnhof Hunderte Stellen, und Digital Summit – die schweizweit grösste Wissensplattform für Digitalisierung – wird von Zürich aus betrieben.

Das alltägliche Leben in der Stadt gestaltet sich allerdings nicht immer so fortschrittlich. So muss, wer mit dem Auto in der Stadt parkieren will, noch immer ein schweres Portemonnaie mit sich tragen. Die meisten Parkuhren akzeptieren auch 2018 keine Kreditkarten, nur Kleingeld. Eine Bezahl-App fürs Smartphone, wie es sie in anderen Schweizer Städten schon länger gibt, existiert in Zürich nicht.

Münze für Münze – bis der Betrag stimmt: Parkuhr in Zürich. Foto: Samuel Schalch

Das soll sich bald ändern. «Wenn ­alles nach Plan läuft, dann werden wir ab letztem Quartal 2018 eine ent­sprechende Lösung anbieten können», sagt Heiko Ciceri, Sprecher der Dienstabteilung Verkehr (DAV). Parkierende können dann via App bezahlen und die Parkdauer auch bequem aus einem Kino oder einem Restaurant verlängern. Mindestens die Bezahlung mit den Kreditkarten Visa und Mastercard will die Stadt ermöglichen.

Der Druck auf die Stadt, eine zeitgemässe Lösung zu finden, ist gestiegen. Nach einem Volksentscheid hatten sich die Parkgebühren im April nochmals stark erhöht. Wer sein Auto länger stehen lassen will, muss immer mehr Kleingeld mit sich tragen.

Wichtiger Auftrag für Anbieter

Am 3. November publizierte die Dienstabteilung Verkehr, die dem Sicherheitsdepartement von Richard Wolff (AL) untersteht, eine öffentliche Ausschreibung. Die Stadt sucht drei Anbieter, die den Parkierenden die Möglichkeit bieten, bargeldlos über eine App zu bezahlen. Eine der drei Firmen wird von der Stadtpolizei Zürich beauftragt, eine zentrale Datenbank mit «sämtlichen Parkvorgängen» anzulegen. Die Stadt schätzt, dass im ersten Jahr 2,4 Millionen Franken über die Apps bezahlt werden. Für Anbieter im Parkingsegment ein lukrativer Auftrag. Vermutlich der grösste, der in der Schweiz zu haben ist.

Goldgräberstimmung ist in der Branche deswegen nicht zu spüren – dafür Frust über die städtische Ausschreibung. Die Verkehrsabteilung hat die Anforderungen für eine Bewerbung derart hoch gelegt, dass sich viele potenzielle Anbieter gar nicht bewerben können.

«Der Beste soll gewinnen, nicht derjenige mit dem dicksten Portemonnaie oder den besten Beziehungen.»Der Gründer eines ETH-Spin-offs

Als Voraussetzung gilt etwa ein jährlicher Mindestumsatz von rund einer halben Million Franken. Bewerber müssen zudem mehrere Referenzen mit vergleichbaren, bereits durchgeführten Aufträgen vorweisen – einer davon mit einem Auftragsvolumen von mindestens 100'000 Franken.

«Lieblingsfirma» der Stadt

«Die Stadt hat offensichtlich eine klare Vorstellung davon, wer diesen Auftrag erhalten soll», sagt Stefan Forster von der Hectronic. Seine Firma gehört europaweit zu den führenden Anbietern von Systemlösungen im Parkraummanagement. Die Umsatzvorgaben würde er erfüllen, dennoch könne die Firma nicht mitbieten. Zu spezifisch seien die Vorgaben der Stadt, zu kurzfristig die Eingabefrist, um alles zu erfüllen.

«Wir wollen Lösungen bieten, die auch in Jahren noch Bestand haben. Das Risiko mit Start-ups ist uns zu gross.»Heiko Ciceri, Dienstabteilung Verkehr

Ursprünglich setzte die Stadt den 20. Dezember als Stichtag fest. Auf mehrfachen Wunsch potenzieller Bewerber wurde die Frist bis Mittwoch, 10. Januar 2018, um 15 Uhr erstreckt. «Wir arbeiten zurzeit unter Hochdruck daran, dass wir noch eine Bewerbung einreichen können», sagt der Geschäftsleiter einer anderen Firma, der anonym bleiben will. Mit Ach und Krach könne man die von der Stadt gestellten Vorgaben erfüllen. Auch er hat den Verdacht: «Mit der Ausschreibung macht die Stadt klar, wen sie für den Auftrag bevorzugt. «Die Stadt wünscht sich ein System, das eine Firma so bereits anbietet.»

Es handelt sich um das System Digitalparking aus Dietikon ZH. Gemäss mehreren Branchenvertretern, mit denen der TA sprach, der «Liebling der Stadt». Firmenchef Reto Schläpfer ist optimistisch: «Wir rechnen uns gute Chancen aus, dass wir für das Projekt ausgewählt werden.» Digitalparking ist ein Tochterunternehmen der Firma Taxomex. Deren Firmenchef ist der Vater von Reto Schläpfer. Mit Taxomex unterhält die Stadt eine intensive Zusammenarbeit. Sie liefert seit Jahrzehnten die städtischen Parkuhren. «Die lange Zusammenarbeit mit der Stadt könnte ein Vorteil für uns sein», sagt Schläpfer.

Stadt will kein Risiko tragen

Die Start-ups, als aufstrebende Konkurrenz, werden vom Auftrag ganz ausgeschlossen. Dabei sind es genau diese Firmen, die immer wieder mit innovativen App-Entwicklungen auf sich aufmerksam machen. «Wir könnten der Stadt eine gute Lösung bieten – wenn sie uns mitbieten liesse», sagt der Gründer eines ETH-Spin-offs. Ihm erschliesse sich der Sinn der Ausschreibung nicht: «Der Beste soll gewinnen, nicht der mit dem dicksten Portemonnaie oder den besten Beziehungen.» Jungfirmen, mit ihren zumeist schlanken Strukturen, sei es möglich, günstigere Lösungen als die etablierte Konkurrenz zu bieten. «Das wäre auch im Sinne des Steuerzahlers», sagt der Jungunternehmer.

Die Verkehrsabteilung möchte sich nicht im Detail zu den Vorwürfen äussern. «Bis zum Abschluss des Verfahrens können wir keine Auskünfte zur laufenden Submission geben», sagt Sprecher Ciceri. Aus dem Protokoll einer Fragerunde, die im letzten Dezember stattfand, geht hervor, dass sich die DAV bewusst gegen Jungunternehmen entschied. Der Anbieter der App müsse «Gewähr für ein gut funktionierendes, stabiles und sicheres Gesamtsystem» bieten. Die Voraussetzung dafür seien unter anderem ein gewisser Mindestumsatz und bereits ausgeführte Aufträge. «Wir wollen der Bevölkerung Lösungen bieten, die auch noch in mehreren Jahren Bestand haben. Bei Start-ups ist uns das Risiko zu gross», sagt Sprecher Ciceri. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.01.2018, 22:08 Uhr

Zürcher Stadtpolizei sammelt Daten mit der App

Die Polizei erhält die Daten der Parkplatz-App. Dazu sind die Hersteller verpflichtet.

Mit der Parkplatz-App möchte die Stadt Zürich nicht nur ein praktisches Instrument für Parkierende bieten, sondern auch Erkenntnisse über ihr Nutzverhalten gewinnen. Einer der drei App-Anbieter wird von der Stadt beauftragt, eine zentrale Datenbank zu betreiben. Dort sollen sämtliche Parkvorgänge der App-Nutzer aufgezeichnet werden, um sie der Stadtpolizei Zürich bei Bedarf zur Verfügung zu stellen. Die Dienstabteilung Verkehr (DAV) möchte sich zurzeit nicht über den genauen Verwendungszweck der Daten äussern. Sie teilt nur mit, dass man sich an die datenschutzrechtlichen Bestimmungen halten werde. Bei einer Fragerunde zwischen dem DAV und interessierten Firmen im Dezember wurde detaillierter informiert. Wie aus dem Protokoll hervorgeht, hat die Polizei unter anderem Zugriff auf Nummernschilder, Parkuhrnummer, Zeitpunkt des Parkierens, bezahlte Parkdauer und bezahlten Betrag. Damit lässt sich ein genaues Bewegungsprofil jedes App-Nutzers erstellen. Die Angaben sollen während eines Zeitraums von zwölf Monaten gespeichert werden. Die Daten dürften auch auf einem Server im Ausland gespeichert werden – sollte eine ausländische Firma den Zuschlag erhalten. Die Stadt setzt gewisse Kriterien voraus. Das Land muss gemäss den Richtlinien des Eidgenössischen Datenschutz- und Öffentlichkeitsbeauftragten in der Rubrik «Angemessener Schutz für natürliche Personen» gelistet sein. Das trifft etwa für Länder wie Deutschland, Österreich, Rumänien, Bulgarien oder Israel zu. (mrs)

Artikel zum Thema

Zürcher Start-up steigt in die Top-Liga auf

Mit PDF zum Erfolg: Smallpdf gehört mit zu den am meisten besuchten Websites weltweit. Was das dem Start-up bringt. Mehr...

Wie Flüchtlinge Unternehmer werden

Zwei Frauen bilden in Zürich Flüchtlinge zu Start-up-Unternehmern aus. Über die vielleicht nachhaltigste Form des Helfens. Mehr...

Zürcher Start-ups zieht es nach Berlin

Viele digitale Zürcher Start-ups verlagern derzeit ihre Hauptaktivitäten an die Spree. Wegen hiesiger Schwächen, vor allem aber wegen Berlins Stärken. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Ein Sturm brachte heftige Regenfälle mit sich: Menschen warten in Indien auf den Zug. (18. Dezember 2018)
(Bild: PIYAL ADHIKARY) Mehr...