Zürich verliert rund 300 Billigwohnungen

Von der Massenkündigung betroffen sind alleinerziehende Mütter und ältere Menschen. Die À-Porta-Stiftung ersetzt zwei Siedlungen durch Neubauten.

Die Siedlung der À-Porta-Stiftung an der Hohlstrasse/Eglistrasse. Foto: Doris Fanconi

Die Siedlung der À-Porta-Stiftung an der Hohlstrasse/Eglistrasse. Foto: Doris Fanconi

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Zeit und Geld werden für sie knapp. Viele ältere Menschen sowie alleinerziehende Mütter müssen ihr preiswertes Zuhause in der À-Porta-Siedlung Hohl-/Eglistrasse hinter dem Hardplatz im Kreis 4 verlassen. Die Stiftung plant an der Stelle der beiden u-förmigen Gebäude mit nahezu 200 Wohnungen einen Ersatzneubau. Der Grund dafür liegt gemäss Stiftung in der schlechten Bausubstanz.

Der Mieterverband verlangt ein etappiertes Vorgehen. Das kommt für die Stiftung nicht infrage. Es hätte eine Dauerbaustelle sowie höhere Kosten zur Folge, die sich auf die Mieten niederschlügen, heisst es dort.

Hinzu kommt: Die jetzigen Wohnungen verfügen mehrheitlich über 2,5 und 3,5 Zimmer. Geschäftsführung und Stiftungsrat haben sich indes entschlossen, neu rund 50 Prozent Familienwohnungen und 50 Prozent Kleinwohnungen zu erstellen. Dies, weil sich im Laufe der Zeit der Anteil an Familienwohnungen bei der Stiftung auf etwa ein Viertel reduziert habe. Laut Darstellung des Mieterverbands entspricht das vorgesehene Bauprogramm weder von der Zimmerzahl noch vom Preis her den Bedürfnissen und den finanziell beschränkten Möglichkei­ten der heutigen Bewohner. Eine nur leicht höhere Miete könnten sich diese nicht leisten. Bedürftige Personen müssten dann allenfalls ergänzend Sozialhilfe beantragen.

«Massive Verteuerung»?

Derzeit bezahlen die Mieter für eine 3-Zimmer-Wohnung zwischen 600 und 800 Franken monatlich. Der Mieterverband befürchtet, dass sich die Wohnungen im geplanten Neubau «massiv verteuern». Armin Isler, Geschäftsführer der À-Porta-Stiftung, sagt, die künftigen Mietzinse seien noch nicht festgelegt. Die Stiftung werde «sich bemühen, die Wohnungen so günstig wie möglich abzugeben».

Die Massenkündigungen an die Adresse der Bewohner der Siedlung Hohl-/Eglistrasse hat die À-Porta-Stiftung – nach vorgängiger Information über eine bevorstehende Erneuerung – per Ende September 2019 ausgesprochen. Der Mieterverband möchte eine Fristerstreckung erwirken. Die Schlichtungsverhandlungen seien mit Blick auf eine aussergerichtliche Einigung auf Oktober verschoben worden.

Von Grund auf erneuert wird ebenso die À-Porta-Siedlung Kornhaus-/Rötelstrasse im Kreis 6 ab Frühjahr 2020. Auch hier sind Anfechtungen im Gange. Betroffen sind dort alles in allem 86 Wohnungen.

Zürcher Wohnungen 1891–2017

Walter Angst, Kommunikationschef des Mieterverbandes und AL-Gemeinderat, hält mit Kritik nicht zurück. Sie richtet sich wegen «gravierender Fehler in Planung und Kommunikation» an die Stiftung, insbesondere an die Vertreter der Stadt und der Kirche im Stiftungsrat. Angst ärgert sich aber auch über «die Heerscharen von Planerinnen und Planern in der Stadtverwaltung», die es «tunlichst vermeiden» würden, bei Neubauprojekten soziale Fragen der Stadtentwicklung anzusprechen.

Der Ärger von Angst ist umso grösser, weil die Abteilung Stadtentwicklung des Präsidialdepartements eigens einen Leitfaden mit dem Titel «sozialräumliche Aspekte beim Planen und Bauen» entworfen hat. Darin steht, dass «die bauliche Verdichtung sozialverträglich erfolgen» soll. Wichtig seien «Massnahmen zugunsten jener Bevölkerungskreise, die wenig Optionen auf dem Wohnungsmarkt haben».

Vorwürfe an Daniel Leupi

Was nützen solche Leitfäden, fragt sich Walter Angst, wenn sie nicht einmal in einer sozialen Stiftung zum Tragen kommen, in welcher die Stadt mitredet? Finanzvorsteher Daniel Leupi (Grüne) ist der Vizepräsident im fünfköpfigen À-Porta-Stiftungsrat. Auch Ursula Müller vom Amt für Hochbauten sitzt im Gremium.

Daniel Leupi kontert die Kritik mit den Worten: «Der Leitfaden spricht vor allem Verdichtungsvorhaben an. In diesem Fall geht es um Ersatzneubauten mit geringer Mehrausnutzung und um Wohnungen für Menschen mit tiefem Einkommen.» Er setze sich als Mitglied des Stiftungsrats dafür ein, dass für die bestehenden Mieterinnen und Mieter mietrechtlich korrekte und sozialverträgliche Lösungen gefunden werden könnten. Und er habe intern kritische Fragen gestellt sowie auf ein Gespräch mit dem Mieterverband hingewirkt.

Der kirchliche Abgeordnete im Stiftungsrat, Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist, sagt: «Rückblickend war es ein Fehler, dass ich mich nicht früher mit den konkreten Anliegen der Mieter auseinandergesetzt habe.» Den Fehler habe er dadurch korrigiert, dass er bei der Versammlung der Mietenden zugegen gewesen sei und sich nun für die Betroffenen mit aller Kraft engagiere.

Hilfe für Betroffene

Bisher haben 23 Gekündigte in eine andere À-Porta-Siedlung umziehen können, vor allem Alleinerziehende, Familien mit Kindern, aber auch ältere Leute. «Weitere Umsiedlungen folgen», sagt Geschäftsführer Isler, «sobald freie Stiftungswohnungen verfügbar sind.» Zudem seien nach den Ferien «verschiedene Gespräche mit Genossenschaften geplant, um weitere freie Wohnungen zu akquirieren».

Unterstützung bietet auch ein Mieterbüro. Dieses werden die Sozialen Dienste der Stadt auf Anregung der Stiftung ab dem 1. September in einer Wohnung direkt vor Ort in der Siedlung Eglistrasse einrichten. Es hilft den Betroffenen, Anschlusslösungen zu finden.

Nach den Sommerferien wird zudem ein Gespräch zwischen Stiftungsrat und Mieterverband stattfinden. Dessen Forderung, beim Neubau Eglistrasse mehr Kleinwohnungen zu bauen, wird die Stiftung aber nicht nachkommen. Stiftungs­rat Daniel Leupi sagt: «An diesem Standort ist ein vielfältiges Angebot für unterschiedliche Haushaltsformen und Lebensphasen sinnvoll.»

Erstellt: 16.07.2018, 20:03 Uhr

Unterstützung von Bedürftigen

Die gemeinnützige À-Porta-Stiftung, gegründet im November 1945, verfügt in der Stadt Zürich über 1329 Wohnungen.
Die Mieten sind preisgünstig. In ihren Siedlungen leben viele Menschen, die ein geringes Einkommen haben. Bei Um- und Erneuerungs­bauten werde auf «übertriebenen Luxus» verzichtet, heisst es auf der Website, damit die Mieten in einem «vertretbaren Rahmen bleiben». In der Stiftungs­urkunde hielt Dr. Stephan à Porta fest, dass «die Mieten
so anzusetzen sind, dass sie gegenüber anderen vergleich­baren Wohnungen in Zürich noch vorteilhaft sind». (sit)

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