Kahlschlag bei Zürcher Erwachsenenbildung

Die grösste öffentliche Weiterbildungsschule der Schweiz muss bis zu 50 Stellen streichen.

Zahlreiche Lehrpersonen werden entlassen: Die kantonale Berufsschule für Weiterbildung in Zürich.

Zahlreiche Lehrpersonen werden entlassen: Die kantonale Berufsschule für Weiterbildung in Zürich. Bild: Dominique Meienberg

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Sie war die erste öffentliche Schule für berufliche Fortbildung der Schweiz, und sie ist bis heute die grösste: die EB Zürich. 2018 feiert sie ihr 45-jähriges Bestehen. Doch ausgerechnet jetzt stehen die Zeichen in der mehrfach preisgekrönten Institution auf Sturm. Die Schule muss zahlreiche Lehrpersonen entlassen, etlichen weiteren wird das Pensum gekürzt, andere werden in die Frühpensionierung geschickt.

Noch ist das genaue Ausmass nicht bekannt, «aber es sind sicher viele Stellen betroffen», sagt Rektor Hugo Lingg. Rosali Ferreira von der Gewerkschaft VPOD rechnet mit mindestens 50 Lehrpersonen, die ihre Arbeit ganz oder teilweise verlieren – eine Zahl, die Lingg als zu hoch bezeichnet. Details will er aber keine nennen, noch sei vieles nicht bestimmt. Er hat die Angestellten auf morgen Freitag für eine Informationsveranstaltung eingeladen. Im November werden die Lehrerinnen und Lehrer in Einzelgesprächen erfahren, ob sie bleiben können. Gleichzeitig beginnen Verhandlungen um einen Sozialplan. Insgesamt beschäftigt die Schule derzeit etwa 300 Lehrkräfte, die sich rund 90 Vollzeitstellen teilen.

Abgezeichnet hat sich der Abbau schon seit längerem. Klar war auch schon früh, welche Abteilung hauptsächlich betroffen ist: Es ist jene für Sprachen. Entsprechend gedrückt ist die Stimmung in der Lehrerschaft und vor allem im Sprachteam. Eine Lehrerin, die aus Angst ihren Namen nicht nennen will, sagt: «Die Leute laufen auf dem letzten Zacken, auch weil die Kommunikation der Schulleitung ungenügend ist.» Gewerkschafterin Ferreira pflichtet dem bei. Was die Unruhe verschärfe, sei die Tatsache, dass der Abbau bereits schleichend begonnen habe: «Auf den 1. November haben mehr als zwanzig Lehrerinnen und Lehrer Pensenreduktionen hinnehmen müssen.»

Konkurrenz wird härter

Ursachen für den Abbau gibt es mehrere. Und betroffen ist nicht nur die EB, sondern alle Berufsschulen: Die meisten mussten oder müssen bei den Weiterbildungen Leistungen und Stellen streichen. Zu tun hat das einerseits mit dem explodierenden Angebot an Weiterbildungen: Seit Private das Geschäft entdeckt haben, ist eine lukrative Kursindustrie entstanden. Diese wachsende Konkurrenz bekommen die öffentlichen Schulen umso mehr zu spüren, als sie wenig Möglichkeiten haben, ihre Kosten zu senken, wie Rektor Lingg erklärt. So sind Lehrpersonen an öffentlichen Berufsschulen nach kantonalen Vorgaben bezahlt, ihre Löhne liegen deutlich höher als jene an Privatschulen. Auch macht der Kanton Vorgaben bezüglich Infrastruktur und Verwaltungspersonal, auch das kostet mehr als bei der privaten Konkurrenz.

Das eidgenössische Weiterbildungsgesetz, das Anfang Jahr in Kraft trat, verschärft die Lage zusätzlich. Es verlangt, dass öffentliche Schulen für Weiterbildungskurse kostendeckende Preise verlangen müssen. Die Grundidee ist, dass der Staat die Kurse an öffentlichen Schulen nicht derart subventionieren sollte, dass die Privaten keine Chance mehr haben. Allerdings führt das nun zu einer Benachteiligung der öffentlichen Schulen: Wegen der gesetzlichen Vorgaben sind ihre Fixkosten so hoch, dass sie keine konkurrenzfähigen Preise mehr anbieten können.

Das bekam die EB im Bereich der Deutschkurse zu spüren: Seit einigen Jahren mischen auf diesem Markt zunehmend private Anbieter mit. «Unsere Anmeldezahlen sind regelrecht eingebrochen», sagt Rektor Lingg. Rund die Hälfte der Deutsch-Intensivkurse falle weg. Und das dürfte erst der Anfang sein. Dessen ist sich Lingg bewusst: «Wir arbeiten deshalb intensiv an einem Konzept, in welche Richtung sich unsere Schule in Zukunft entwickeln soll.»

EB verselbstständigen

Für Rosali Ferreira sind solche Überlegungen zwar schön und gut – aber es brauche auch den politischen Willen, das Angebot der EB aufrechtzuerhalten. Denn Spielraum gäbe es aus ihrer Sicht im Gesetz: «Die öffentliche Hand darf Kurse subventionieren, für die ein gesellschaftliches Interesse besteht. Und das ist bei Deutschkursen zweifellos der Fall.» Das sieht auch Birgit Tognella so, Präsidentin der Zürcher Konferenz für Weiterbildung und SP-Kantonsrätin. Zur EB will sie sich zwar nicht konkret äussern, aber: «Deutsch gehört zu den Grundkompetenzen, die der Staat fördern muss.» Dabei gehe es nicht nur um Migranten. Zahlreiche Einheimische könnten kaum lesen und schreiben. Der Bund spreche für die Grundausbildung sogar Gelder – nur setze der Kanton dieses Geld nicht für bestehende Angebote ein, sondern für eine Projektgruppe. Der EB droht derweil weiteres Ungemach. Im Kantonsrat ist eine Motion hängig, die faktisch eine Privatisierung der Schule verlangt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.10.2017, 07:52 Uhr

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