Kahlschlag droht

In Zürich stehen etwa 100'000 Pfosten in unzähligen Varianten herum. Doch das soll sich ändern. Auch der dicke Jumbo ist nicht mehr genehm.

Der Jumbo-Pfosten muss weg. Er passt optisch nicht mehr ins Stadtbild.

Der Jumbo-Pfosten muss weg. Er passt optisch nicht mehr ins Stadtbild. Bild: Reto Oeschger

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«Stadtbild», Nr. 005 – Stossstangen und Schienbeine haben einen gemeinsamen Feind: die Pfosten. Sie sind überall – stumm, stoisch, selbstbewusst. Wer sie übersieht oder nicht respektiert, kriegt eine Beule. Pfosten sind das meistgehasste Ding im öffentlichen Raum. Für die Bürgerlichen sind sie ein Instrument der Verkehrsbehinderung und müssten deshalb rot-grün angestrichen sein. Für die Linken sind Pfosten ein Mischwesen, mit dem sie nicht klarkommen: Einerseits ein willkommener Autostopper, andererseits eine Ausgeburt der Repression.

Dabei meinen es die Pfosten nicht böse, sie tun nur ihre Pflicht: Sie sichern Trottoirnasen, Baumrabatten und Hydranten, sie verhindern das Befahren von Fuss- und Velowegen und sie halten Trottoirs und Plätze frei von falsch parkierten Autos. Deshalb hat jede Stadt ihre Pfosten.

In Paris zum Beispiel stehen sie viel dichter als in Zürich. Doch hier ist die Artenvielfalt grösser. Die Zürcher Pfosten gibt es in Rot, Blau, Grün, Beige und Grau, mit Kette und mit Stange, mit Dächli und mit Wulst, dick und dünn, lang und kurz, hässlich oder apart. Viele sind zerbeult, verklebt, verwittert oder so alt, dass niemand mehr weiss, warum sie überhaupt dort stehen. Daraus ergibt sich ein anregendes Rätselraten für die ganze Familie: Man spaziert durch die Stadt und überlegt bei jedem Pfosten, was wohl seine Aufgabe ist und ob es ihn an dieser Stelle überhaupt braucht.

Multikulti? Weit gefehlt

Einer Stadtregierung, die derart stolz ist auf das multikulturelle Zürich, müsste die Vielfalt der Pfosten eigentlich gefallen. Weit gefehlt. Ganz Zürich soll ein ruhiges, offenes Erscheinungsbild abgeben in zurückhaltenden Farbtönen. So steht es in den Richtlinien für die Gestaltung des öffentlichen Raums.

Ein Meter hohe Uniformität: Der Pfosten Millennium soll zum einheitlichen Stadtbild beitragen. Bild: Reto Oeschger

Für die Pfostenpopulation sind diese Richtlinien verheerend. Nur noch ein einziges Modell will die Stadt im Normalfall verwenden, den Pfosten Millennium, ein Meter Länge, zehn Zentimeter Durchmesser. Es gibt ihn in drei Varianten: feuerverzinkt, anthrazit (für gehobene Orte) und gekoppelt mit Stangen. Der frühere Standardpfosten Classic wird ausgemustert. Er ist klein und wird von sehbehinderten Menschen schlecht wahrgenommen.

Schmerzhafter Abschied

Pfostenfreunde schmerzt vor allem das Ende des Jumbo­pfostens, der in drohendem Schwarz-Weiss exponierte Zebrastreifen und Hydranten schützt. Mit seinen 11,5 Zentimetern Durchmesser strahlt er Sicherheit aus, doch halten das die Fachleute in der Verwaltung für eine Illusion. Auch der Jumbo knickt, wenn ihn ein Auto rammt. Zudem genügt er ästhetisch nicht mehr: Er ist zu dick und optisch unruhig.

Das Modell Classic ist aus Sicht der Stadt zu klein und wird von sehbehinderten Menschen schlecht wahrgenommen. Bild: Reto Oeschger

Selbstverständlich wird die Stadt jetzt nicht alle alten Pfosten ersetzen; das wäre finanzpolitisch unklug. Aber wenn ein veralteter Pfosten umgefahren oder wenn die Strasse saniert wird, dann kommen in der Regel nur noch Millenniums zum Einsatz. Alle Motorisierten mit Sinn für die Pfostenvielfalt – auch die E-Biker – werden deshalb gebeten, den Jumbos Sorge zu tragen und sie weiträumig zu umfahren.


Die neue Kolumne «Stadtbild» widmet sich all den vielen Dingen, die es sich in Zürich im öffentlichen Raum gemütlich gemacht haben und unser Bild dieser Stadt prägen – im Guten wie im Schlechten. Sie erscheint immer Mitte der Woche.

Erstellt: 30.10.2019, 17:38 Uhr

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